Sonderveröffentlichung

Anorexie
"Iss doch einfach" ist zu einfach

Der selbstbewussten und sportlichen 15-Jährigen, die mit ihrem Vater zum Interview erscheint, sieht man nicht an, dass sie vor wenigen Jahren nicht einmal die Hälfte ihres Gewichts auf die Waage brachte.

Dienstag, 07.05.2019, 19:35 Uhr aktualisiert: 09.05.2019, 17:26 Uhr
Anorexie: "Iss doch einfach" ist zu einfach
Foto: colourbox.de (Symbolbild)

Als Thea Esders mit elf Jahren nach einem überstandenen Magen-Darm-Infekt den Appetit nicht wiederfand, dachten Ärzte und Familie zunächst an eine erneute Infektion. Zu dieser Zeit wurde sie in der Schule für gute Leistungen gehänselt, zog sich zunehmend zurück und investierte immer mehr Zeit, um noch besser zu werden und ihr Äußeres zu perfektionieren. Damals sei „nichts jemals genug“ für sie gewesen.

Essstörung

Später stellte ein Psychologe die Diagnose: Thea leidet unter Anorexie. Die Magersucht bestimmte damals ihr Leben – und das ihrer Familie. Die Eltern und ihre zwei älteren Schwestern fühlten sich machtlos, konnten nichts weiter tun, als Thea zum Essen zu motivieren, vor dem die sich aber zunehmend ekelte. „Iss doch einfach“, habe sie oft gesagt bekommen, doch bald wurde klar: Das allein hilft nicht.

Im Sommer 2015 kam Thea über Umwege in die Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKM , die sie sofort auf der Akut-Station aufnahm. Ihr Zustand hatte sich drastisch verschlechtert, sie konnte überhaupt nichts mehr essen und hatte trotzdem aufgrund einer gestörten Eigenwahrnehmung immer das Gefühl, noch weiter abnehmen zu müssen. „Ich selbst hatte nur meine Problemzonen im Blick“, erkennt Thea im Nachhinein.

Dass ihre Hände und Füße derart abgemagert waren, habe sie erst bemerkt, als sie sich beim Inlinerfahren die Haut über den Knöcheln wundscheuerte. Damals musste sie zunächst per Nasensonde ernährt werden, denn sie wog bei einer Körpergröße von 1,48 Metern gerade mal 22 Kilogramm, wurde deshalb mit einem Body Mass Index von gerade einmal 10 als stark untergewichtig eingestuft. Normalgewichtige Mädchen in diesem Alter sollten im Vergleich zwischen 32 und 45 Kilogramm ( BMI 14,7 bis 20,7) wiegen.

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Thea Esders: "Im Moment schläft meine Krankheit." Foto: Wilfried Gerharz

In Münster begann eine strenge Therapie mit dem Ziel, vorgeschriebene Gewichtszunahme-Ziele zu erreichen. Genau erinnert Thea sich an den wöchentlichen „Wiege-Tag“, dem alle zwölf Patientinnen, die meisten von ihnen zwischen 16 und 18 Jahre alt, stets gespannt entgegenblickten. Dass neben Thea nur Mädchen in stationärer Behandlung waren, sei nicht ungewöhnlich, erklärt die Psychologin Dr. Ida Wessing , die die neurologischen Grundlagen zu Körperschemastörungen wie Anorexie erforscht. So käme auf zehn erkrankte Mädchen lediglich ein betroffener Junge.

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20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Alter von elf bis 17 Jahren zeigen Symptome von Essstörungen. Das berichtet die Bundeszentrale für politische Aufklärung.

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Für die Zwölfjährige war der Aufenthalt in einer Psychiatrie, noch dazu als Jüngste, zunächst eine Horrorvorstellung. Alles hatte sie sich „grau und trist vorgestellt“. Auch für die Familie aus Lingen nicht leicht, die jüngste Tochter auf unbestimmte Zeit weit weg von Zuhause zu wissen. Schnell fühlten sie sich in Münster jedoch gut aufgehoben und betreut, Thea freundete sich mit den anderen Mädchen an, gegenseitig lenkten sie sich in ihrer Freizeit ab. „Die Menschen haben den Ort für mich bunt gemacht“, erinnert Thea sich gerne zurück an die Morgenrunden oder Spieleabende. Auch ist sie dankbar für den Rückhalt aus ihrer Familie, die sie immer unterstützte und fast täglich aus dem Emsland zu Besuch kam.

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Thea Esders (r.) mit ihrer Therapeutin Anke Dalhoff, die mit ihr das Körperempfinden geschult hat. Foto: Wilfried Gerharz

Die fünf Monate dauernde Therapie in der Klinik habe laut Anke Dalhoff, der betreuenden Bewegungstherapeutin, neben dem Gewichtsaufbau das Ziel, die vorliegende Körperschemastörung zu behandeln. Hierfür würden Körperempfinden und -koordination beispielsweise mittels Balanceaufgaben geschult. Eine in der Praxis gerne genutzte Übung fordere von den Patienten, mit einem Seil den geschätzten Umfang von Rumpf oder Gliedmaßen nachzustellen, bevor dann gemeinsam nachgemessen werde. Bezeichnend sei, dass sich die Patientinnen zu Beginn der Behandlung meist um 30 Prozent überschätzten. Oft erfahre sie die Betroffenen zu Beginn als völlig teilnahmslos, wie in ihrem Erleben erstarrt. So fiel es auch Thea zunächst schwer, ihre Erkrankung zu akzeptieren; erst diese Übung habe ihr die Augen geöffnet. „Das war schon erschreckend“, erinnert sie sich.

Entsteht Magersucht im Gehirn?

Noch immer arbeitet die Forschung daran, die Ursachen für Anorexie genauer zu verstehen. In einer aktuellen Studie unter der Leitung von Dr. Ida Wessing sollen mögliche neurologische Faktoren aufgedeckt und somit künftig bessere Prognose- und Behandlungsmöglichkeiten entwickelt werden. Dazu suchen die Wissenschaftler weiterhin nach normalgewichtigen Probandinnen im Alter von zwölf bis 19 Jahren ohne psychische Vorerkrankungen, die sich bereit erklären, gegen eine Aufwandsentschädigung an einer MRT-Studie teilzunehmen. Weitere Informationen hierzu unter 0152/54957693.

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Zusätzlich beinhaltet das multimodale Therapiekonzept der störungsspezifischen Station Kunsttherapie, Einzel- und Gruppengespräche sowie Rollenspiele mit Familienangehörigen. Angebote, die Thea gerne wahrnahm, vor allem die Progressive Muskelentspannung habe sie „immer mehr genossen“. Außerdem erinnert sie sich noch an die genau regulierten Essenspläne, die viele kleine Mahlzeiten am Tag vorsehen.

Heute besucht Thea weiterhin die Ganztagsschule, wo sie sich dank der Unterstützung ihrer Lehrer gut reintegrieren konnte und mittlerweile die 10. Klasse erreicht hat. Nach ihrem Realschulabschluss würde sie gerne das Abitur machen, um Psychologie studieren zu können. In ihrer Freizeit tanzt sie Ballett, ihr altes Hobby der Leichtathletik hat sie wegen des hohen Leistungsdrucks aufgegeben, lässt es jetzt etwas ruhiger angehen. „Im Moment schläft meine Krankheit“, sagt die nun 15-Jährige, die in den vergangenen Jahren viel über sich gelernt hat und weiß, dass Anorexie nicht vollständig heilbar ist. Zweimal im Jahr geht sie deswegen noch zur Therapie.

Sie hat gelernt, offen mit der Krankheit umzugehen, freut sich über ehrliches Interesse und darüber, anderen von ihren Erfahrungen berichten zu können. Und immer noch kommen sie und ihre Eltern gerne nach Münster zurück.

Essstörung ist nicht gleich Essstörung

Tatsächlich gibt es unterschiedliche Ausprägungsformen. Die Form unter der Thea leidet, „Anorexia nervosa“, bedeutet wörtlich „Appetitlosigkeit“, was streng genommen jedoch nicht zutrifft, da die Patientinnen und Patienten zwar starkes Hungergefühl verspüren, dieses aber aufgrund der zugrunde liegenden Körperschemastörung verleugnen oder zu unterdrücken versuchen, zum Beispiel durch Selbstauflage eines Strafenkataloges. Dies führt zu einer drastischen Gewichtsabnahme. Abzugrenzen davon ist die Bulimie, die auf einer Störung des Sättigungsgefühls beruht und mit wiederkehrenden Essattacken bei Heißhunger auf hochkalorische Speisen einhergeht. Aus Scham- und Schuldgefühlen greifen die Patienten im Anschluss zu gegenregulatorischen Maßnahmen, um ihr Körpergewicht zu halten. So werden häufig Abführmittel eingenommen oder Erbrechen selbst herbeigeführt.

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