Sonderveröffentlichung

Geschlechtersensible Medizin
Studien: Männer und Frauen leiden anders

Lange waren sich Mediziner einig, dass Frauen und Männer gleich krank sind. Neuere Studien zeigen, dass sich die Symptome und der Verlauf vieler Krankheiten unterscheiden. Damit eine maßgeschneiderte Behandlung möglich ist, müssen die Unterschiede genauer untersucht werden.

Mittwoch, 08.05.2019, 21:27 Uhr aktualisiert: 09.05.2019, 17:26 Uhr
Geschlechtersensible Medizin: Studien: Männer und Frauen leiden anders
Männliche Patienten neigen dazu, einer Ärztin gegenüber andere Angaben zu machen als einem Arzt. Frauen scheinen da unabhängiger zu sein. Foto: colourbox.de (Symbolbild)

Krankheiten sind so verschieden wie die Menschen, die darunter leiden, sagt Professorin Bettina Pfleiderer , Präsidentin des Weltärztinnenbundes und Leiterin der Arbeitsgruppe „Cognition & Gender“ am Institut für Klinische Radiologie des UKM . Sie beschäftigt sich wissenschaftlich mit dem Einfluss des Geschlechts auf Gesundheit und Krankheit bei Männern und Frauen. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit ihr gesprochen.

Männer und Frauen leiden anders. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus für Ihre tägliche Arbeit?

Bettina Pfleiderer: Dass sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Symptome und Krankheitsbilder getrennt nach Männern und Frauen anschauen, hat ja gerade erst angefangen. Es sollte mittlerweile bei jedem angekommen sein, dass Männer- und Frauenherzen unterschiedlich schlagen und sich die Symptome beim Herzinfarkt nicht immer gleichen. Daher landet ein Mann, der meist die klassischen Symptome für einen Herzinfarkt zeigt, im Schnitt schneller in einer Klinik als eine Frau.

Warum?

Pfleiderer: Weil viele bei einem Herzinfarkt immer noch denken, dass er vor allem bei Männern auftritt. Während Männer deutlich öfter die klassischen Herzinfarktsymptome wie beispielsweise ausstrahlender Schmerz in den Arm oder Herzschmerz aufweisen, können bei Frauen auch unspezifische Symptome wie starke Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen oder auch Beschwerden im Oberbauch im Vordergrund stehen. Auch findet man bei ihnen weniger häufig Herzschmerzen, sondern eher ein Druck- oder Engegefühl. Ein anderes Beispiel ist die Osteoporose, also die verminderte Knochendichte. Die gilt immer noch als eine typische Frauenkrankheit. Es gibt aber auch Männer mit Osteoporose. Das wird aber oft nicht in den Blick genommen. Oder die Depression, die ebenfalls als Frauenkrankheit gilt.

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Prof. Bettina Pfleiderer Foto: Ulrike Dammann

Wirken denn Medikamente bei Männern auch anders als bei Frauen?

Pfleiderer: Ich denke schon, aber da wissen wir noch nicht genug, da man erst jetzt beginnt, in Arzneimittelstudien Frauen und Männer gleichermaßen zu berücksichtigen. Man weiß aber schon, dass einige Medikamente bei Frauen 30 bis 40 Prozent langsamer verstoffwechselt werden. Das beeinflusst die Wirksamkeit. Es wäre gut, wenn das besser in den Köpfen verankert wäre. Vermutlich machen viele Ärzte und Ärztinnen schon intuitiv vieles richtig, indem sie bei Nebenwirkungen die Dosierung von Medikamenten anpassen. Ideal wäre es allerdings, wenn schon auf dem Beipackzettel ein Hinweis käme, wenn ein Medikament bei Männern und bei Frauen anders wirken könnte.

Ich nehme Frauen oft als fürsorglicher wahr gegenüber anderen und sich selbst. Sind sie deswegen vielleicht schneller bereit, zum Arzt zu gehen?

Pfleiderer: Männer gehen nur halb so oft zum Arzt wie Frauen. Ich denke, dass für sie die Hürde höher ist, weil sie nicht als schwaches Geschlecht wahrgenommen werden möchten. Frauen haben da weniger Berührungsängste und dadurch die Chance, dass Krankheiten früher erkannt werden. Ein hoher Blutdruck etwa zeigt sich zu Beginn nicht mit Symptomen. Merkt man Symptome, ist dies oft schon chronisch. Wer sich öfter untersuchen lässt, hat eine höhere Chance, dass ein zu hoher Blutdruck früher festgestellt wird. Das hat nichts mit Fürsorglichkeit zu tun. Frauen stehen sich da weniger im Wege.

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Foto: colourbox.de (Symbolbild)

Sie sind Wissenschaftlerin. Wie erforschen sie denn die Unterschiede?

Pfleiderer: Wir müssen – fast wie Detektive – in der Zusammenschau der verschiedenen Fachdisziplinen verstehen lernen, wie solche Unterschiede zustande kommen. Welche Faktoren spielen eine Rolle? Meine Botschaft ist: Das ist keine Sache von Experten und Expertinnen, die sich mit dem Fach geschlechtersensible Medizin beschäftigen. Eigentlich müsste das Geschlecht in jedem Fach berücksichtigt werden. Erst dann entsteht ein Gesamtbild, mit dem wir sehen können, an welchen Stellschrauben wir drehen müssen. Was muss ich bei der Prävention berücksichtigen? Wo muss ich Behandlungen oder die Dosierungen anpassen?

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung? Stoßen Sie mit Ihren Forderungen auf offene Ohren?

Pfleiderer: Es hat sich schon einiges getan, aber ich finde dennoch, dass sich dieses Wissen noch mehr in der Forschung, Klinik und grundständigen medizinischen Lehre niederschlagen müsste.

Die Männer sind und bleiben ja trotz aller Erkenntnisse Präventionsmuffel. Haben Sie eine Idee, wie man die dazu bewegen könnte, früher zum Arzt zu gehen?

Pfleiderer: Ich bin ja kein Mann, aber mir scheint, dass viele Männer der Prävention einfach nicht den nötigen Stellenwert beimessen. Es gibt aber einige Initiativen, um gezielt Männer anzusprechen. Beispielsweise haben Krankenkassen angeboten, kostenlos den Blutdruck messen zu lassen, während die Männer beim TÜV auf die Plakette gewartet haben. Die Krankenkassen nutzen auch, dass Männer häufiger erst mal im Internet surfen, um einen Überblick über ihre Symptome zu bekommen, während Frauen bei Beschwerden direkt zum Arzt gehen. Diese Info nutzen die Kassen und versuchen, Männer im Netz mit Kampagnen wie zum Beispiel „Auch Männer müssen mal zum Boxenstopp“ zu erreichen.

Sie werben für eine geschlechtersensible Medizin, also eine Medizin, die die Unterschiede der Geschlechter ins Zentrum rückt. Werden Sie so ernst genommen, wie Sie das verdient haben?

Pfleiderer: Leider ist es immer noch so, dass die geschlechtersensible Medizin hauptsächlich von Frauen beforscht und unterrichtet wird. In vielen Köpfen geistert immer noch der falsche Eindruck herum, dass geschlechtersensible Medizin etwas mit Unterdrückung von Geschlechtern zu tun hätte. Natürlich geht es nicht um Unterdrückung, sondern um eine optimale Medizin für Männer und Frauen. Da müssen wir noch viel mehr aufklären.

Zum Thema

36 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer werden im Laufe ihres Lebens wegen psychischer Beschwerden berufsunfähig. Frauen haben fast doppelt so oft Angststörungen und mehr als doppelt so oft Depressionen wie Männer. Von Alkoholsucht sind Männer 4,5 Mal so oft betroffen wie Frauen.

...

Männer und Frauen leiden nicht nur unterschiedlich, sie reden auch anders. Was bedeutet das für die Gesundheit?

Pfleiderer: Frauen scheinen vom Geschlecht des Arztes oder der Ärztin, der oder die ihr gegenübersitzt, unabhängiger zu sein. Wenn es darum geht, Schmerzen einzuschätzen, sind Männer beispielsweise leichter gefährdet, gegenüber einer Ärztin das wahre Ausmaß ihres Schmerzes nicht korrekt mitzuteilen. Wenn ihnen eine junge Ärztin gegenübersitzt, fällt es ihnen schwer zuzugeben: „Das tut wahnsinnig weh.“

Weil man als Mann der jungen Frau gefallen will?

Pfleiderer: Ich nehme mal an – so ist es. Die Ärzte und Ärztinnen müssen dafür sensibilisiert werden, dass so etwas passieren kann. Und im Zweifelsfall noch mal genauer nachfragen.

Oder die Männer gehen nur noch zu alten Ärzten.

Pfleiderer: Das halte ich für die schlechteste Variante.

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