Sonderveröffentlichung

Kieferorthopädie
Zwölf Zähne weniger

Münster -

Für Magdalena S. fielen das letzte Nikolausfest und Weihnachten auf einen Tag. Das Geschenk, das sie seitdem glücklich macht, erhielt sie von Professorin Dr. Ariane Hohoff. Die Kunststoffschiene für den Oberkiefer, die die Fachzahnärztin für Kieferorthopädie im Uniklinikum Münster der 12-Jährigen anpasste, ermöglichte Magdalena fortan ein unbeschwertes Lächeln. Und noch viel mehr.

Mittwoch, 08.05.2019, 15:30 Uhr aktualisiert: 14.05.2019, 16:19 Uhr
Kieferorthopädie: Zwölf Zähne weniger
Professorin Dr. Ariane Hohoff strahlt wegen des strahlenden Lächelns ihrer Patientin. Foto: Jürgen Christ

Beim ersten Blick in den Spiegel hatte sie Freudentränen in den Augen“, sagt Ariane Hohoff , Direktorin der Polikinik für Kieferorthopädie der Unikliniken. Eine Fehlstellung der Schneidezähne und die große Zahnlücke dazwischen sorgten bis zu diesem Zeitpunkt eher für ein zurückhaltendes Lachen. Im März sang die Schülerin bereits bei einer Musical-Gala in ihrer Schule. Ein großer Erfolg, der die Hänseleien, die das Mädchen aus Ahaus bis dahin ertragen musste, etwas ausbügelte.

In den Kiefern von Magdalena S. sind zwölf Zähne – inklusive der Weisheitszähne sind es im Normalfall 32 – nicht angelegt. „Fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland fehlt die Anlage der unteren zweiten kleinen Backenzähne“, so die Fachzahnärztin. „Bei Magdalena ist die Anzahl der Zahnnichtanlagen allerdings schon sehr außergewöhnlich.“ Außergewöhnlich ja, aber nicht aussichtslos. Der Abstand ihrer unteren und oberen Schneidezähne war groß, und der Unterkiefer fiel etwas zurück. Das alles erschwerte ihr das Kauen und „manchmal konnte ich gar nicht richtig schlucken“, sagt sie. Jetzt hat sie sogar richtig Spaß daran, dass sie mittlerweile ihren kleinen Bruder gewichtsmäßig überholt hat.

Bei Magdalena ist die Anzahl der Zahnnichtanlagen sehr außergewöhnlich.

Professorin Dr. Ariane Hohoff

„Mir ist die Deformierung der ersten Zähne bei ihr schon im Alter von neun Monaten aufgefallen. Sie waren sehr spitz und ragten ungewöhnlich hoch heraus“, erklärt ihre Mutter Daniela und ergänzt, dass auch ihr und ebenso ihrer Mutter die Anlage von zwei Zähnen fehlt. Es gibt also eine genetische Veranlagung, die Hohoff bestätigt.

Der Haus-Zahnarzt versicherte Daniela S. zwar: „Das kriegen wir hin!“ Doch damit gab sich die engagierte Mutter von fünf Kindern längst nicht zufrieden. „Ich habe selber im Internet recherchiert. Ich wollte herausfinden, wer die Koryphäen für diesen speziellen Fall sind und habe sie hier auch gefunden“, lobt die Ahauserin.

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Mit sechs Jahren saß Magdalena S. das erste Mal zur Beratung im Stuhl von Ariane Hohoff, die gerne betont, dass für eine gute Heilbehandlung die Devise gilt: „Je früher die Diagnose, umso besser!“ Mit zehn Jahren erhielt die Patientin eine lose Klammer für beide Kiefer, die sie tagsüber für drei Stunden und nachts trug. Das angestrebte Ergebnis zeigte sich nach zwölf Monaten: Die Lücke zwischen den Schneidezähnen wurde kleiner und der Unterkiefer schob sich weiter nach vorne. Anschließend trug sie für acht Monate eine feste Klammer im Oberkiefer.

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Foto: Jügen Christ

Danach hatte sie die Wahl: eine mittels Drahtklammern befestigte Prothese, die zwar leichter zu reinigen, dafür aber nicht unbedingt optisch ein Gewinn ist. Oder alternativ eine sehr viel schönere Kunststoffschiene, die auf die vorhandenen Zähne aufgesetzt wird und die fehlenden Zähne ergänzt. Nachteil: regelmäßige und häufige Reinigung. „Damit sind die Zähne allerdings vom Speichelfluss abgeschlossen. Die Remineralisierung, die für die Härtung des Zahnes sorgt, findet nicht statt“, erklärt die Fachzahnärztin. „Die Zähne sind also nicht geschützt und mehr kariesgefährdet.“ Da ihre junge Patientin aber schon früher mit Zuverlässigkeit trumpfte, fiel die Entscheidung für Variante zwei. Und: „Magdalena macht das mit der Pflege echt ganz toll“, lobt die Kieferorthopädin. Nachts darf sie diese Schiene zwar rausnehmen, aber „oft sehe ich dann morgens wieder einen Spalt und lasse es deshalb. Mit dem Essen, das jetzt viel besser und schneller geht, muss ich mich halt anders organisieren, denn nach jedem Biss ist eine gute Reinigung angesagt“, erklärt die Zwölfjährige.

Stablisierung - Kontrolle - gute Pflege

Bis zum 18. Lebensjahr beziehungsweise bis ihre Kieferknochen komplett ausgewachsen sind, ist nun im weiteren Verlauf „nur“ Stabilisierung angezeigt – neben der Kontrolle und einer guten Pflege. „Das Gute ist, dass hier viele Zahnärzte aus anderen Abteilungen mit zu Rate gezogen werden. Man ist hier keine Nummer, denn jeder ist an einem guten Ergebnis interessiert“, freut sich Daniela S.

Den Bauplan für die endgültige Versorgung gibt es auch schon. „Bevor wir den ,Mundraum möblieren‘ können – mit Brücken und Implantaten – musste die Architektur der Kiefer zueinander entsprechend geschaffen und die Pfeilerzähne statisch günstig verteilt werden, sodass später möglichst wenig Zahnersatz benötigt wird. Nun wird bis zum Abschluss des Knochenwachstums abgewartet, um ästhetisch bessere Implantationsergebnisse zu erhalten, und bis dahin stabilisieren wir mit der aktuellen Klammer den Status quo“, erklärt die Fachzahnärztin. Das gemeinsame Konzept erarbeitete die Kieferorthopädin mit Kollegen aus der Prothetik und der Oralchirurgie.

Dieser zeitintensiven Behandlung in einigen Jahren sieht Magdalena mittlerweile sehr gelassen entgegen, denn „ich fühle mich hier sehr, sehr gut aufgehoben.“ Derzeit genießt sie ihre Hobbies – das Leistungsturnen, Geige spielen und singen – mehr und unbeschwerter denn je.

Zwei Fragen an Prof. Dr. Ariane Hohoff

Wie sinnvoll sind Zahnspangen? Im November 2018 hat das Berliner IGES-Institut das im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums untersucht. Dessen Ergebnis: Der medizinische Nutzen von kieferorthopädischen Behandlungen zur Verhinderung von Zahnverlust, Zahnlockerung, Karies und Entzündungen des Zahnbettes sei noch nicht ausreichend erforscht und nicht abschließend einschätzbar. Das Institut schloss aber auch nicht aus, dass es ihn gibt und belegte gleichzeitig den positiven Effekt kieferorthopädischer Behandlungen für die mundbezogene Lebensqualität. Zwei Fragen dazu an Professorin Dr. Ariane Hohoff:

Im vergangenen Jahr hat die IGES-Studie über den Nutzen von Zahnspangen für viel Aufregung gesorgt. Was halten Sie davon?

Prof. Dr. Ariane Hohoff: Mittlerweile gibt es zwei neuere Studien, die belegen, dass Zahn- bzw. Kieferfehlstellungen mit der Anzahl zerstörter, fehlender, gefüllter Zähne sowie mit Zahnfleischtaschen und Zahnfleischrückgang verbunden sind. An dem genannten IGES-Gutachten waren meines Wissens nach keine Fachzahnärzte oder -ärztinnen für Kieferorthopädie beteiligt. Das hat dazu geführt, dass gar nicht beleuchtet wurde, was die Kieferorthopädie studienbelegt alles kann.

Was denn zum Beispiel?

Hohoff: Sie kann Patientinnen und Patienten mit schweren Fehlbildungen des Gesichtes wieder eine Kau- und Sprechfunktion geben und ein Lächeln ermöglichen. Sie kann das Risiko für Frontzahnverletzungen verringern, wenn diese zu weit voneinander abstehen. Sie kann im Kiefer eingeklemmte Zähne ans Tageslicht befördern und Lücken offenhalten, wenn Milchzähne zu früh verloren gehen. So lässt sich der erforderliche Platz für die Nachfolger bewahren, bis diese durchbrechen. Es ist auch möglich, Lücken zu schließen, wenn einzelne Zähne nicht angelegt sind, sodass der Patient keinen Zahnersatz benötigt. Denkbar ist auch, den Oberkiefer zu weiten. Das kann die Atmung verbessern. Mit einer kieferorthopädischen Behandlung kann man das Wachstum der Kiefer dreidimensional steuern. Eine Kieferlagekorrektur geht im Wachstum oft einer Zahnfehlstellungskorrektur voraus.

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