Sonderveröffentlichung

Nierenlebendspende
Maren K. macht ihrem Mann ein besonderes Geschenk

Münster -

Manche Leute haben zwei Geburtstage. Bernd K. ist einer von ihnen. Er sagt von sich selbst: „Ich habe am 27. Mai 2015 ein neues Leben geschenkt bekommen.“ Von seiner Frau.

Dienstag, 03.09.2019, 09:46 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 15:21 Uhr
Seitdem Maren K. ihrem Mann eine ihrer Nieren gespendet hat, geht es ihm viel besser. „Erst nach der OP ist mir bewusst geworden, wie sich mein Körper schleichend von innen vergiftet hatte, ohne dass ich eine deutliche Verschlechterung hätte festmachen können,“ sagt Bernd K.
Seitdem Maren K. ihrem Mann eine ihrer Nieren gespendet hat, geht es ihm viel besser. „Erst nach der OP ist mir bewusst geworden, wie sich mein Körper schleichend von innen vergiftet hatte, ohne dass ich eine deutliche Verschlechterung hätte festmachen können,“ sagt Bernd K. Foto: Jürgen Christ

Ein zu hoher Blutdruck führte damals zur Diagnose „Erbliche Zysten-Nieren“. Die Nieren des zu jenem Zeitpunkt 30-Jährigen waren bereits stark vergrößert und funktionierten nur noch deutlich eingeschränkt, ein vollständiges Versagen war nicht aufzuhalten. Im Sommer 2014 dann schließlich die absehbare Nachricht: Eine Dialyse wurde erforderlich, der nunmehr 55-Jährige in die Warteliste für ein Spenderorgan aufgenommen. „Natürlich kann es in seltenen Fällen mit viel Glück vorkommen, dass eine perfekt passende Niere zeitnah zur Verfügung steht“, erklärt Professor Barbara Suwelack, die als Transplantations-Nephrologin am UKM tätig ist.

Allerdings musste Bernd K. wegen des massiven Organmangels damit rechnen, im Mittel sieben Jahre auf ein neues Organ zu warten. Eine Zeit, in der der Jurist dialysepflichtig gewesen wäre. Was das bedeutet, musste er während der drei Monate vor der Transplantation am eigenen Leib erfahren: Dreimal die Woche hat eine Maschine sein Blut mehrere Stunden gereinigt, da die beschädigten Nieren dies nicht mehr konnten. An ein normales Leben war so nicht mehr zu denken, Urlaube waren schlecht planbar, erhebliche Einschränkungen bei gesunder Ernährung nötig und langes Stehen war zu anstrengend.

Neutrale Kommission prüft die Zulässigkeit der Lebendspende

Glück im Unglück: Da Bernd K. und seine Familie sich bereits auf diese Situation hatten vorbereiten können, wurde schnell deutlich, dass seine Frau Maren K. bereit wäre, eine ihrer beiden Nieren zu spenden. In Deutschland sei dies bei Nachweis einer engen Verbundenheit und Freiwilligkeit zwar generell erlaubt, erklärt Suwelack. Allerdings müssten hierfür strenge Auflagen erfüllt werden. „Und eine Lebendspende ist niemals die erste Wahl, sondern kommt nur infrage, wenn es keine andere Möglichkeit gibt“, betont die Ärztin.

So war es allein mit dem Entschluss noch nicht getan, für Maren K. begann ein Programm aus intensiven Aufklärungsgesprächen, medizinischen Eignungstests und psychologischen Befragungen. „Da wird wortwörtlich auf Herz und Nieren geprüft“, betont die Leiterin der Sektion Transplantationsnephrologie der Uniklinik. Dabei sollen mögliche Risiken für den Spender weitestgehend minimiert werden. Zusätzlich werde überprüft, ob wichtige genetische Merkmale bei Spender und Empfänger übereinstimmen. Dem Ehepaar wurde ein „full house“ bestätigt. „Für mich war das ein sehr bewegender Moment, zumal wir das erfreuliche Ergebnis an unserem Hochzeitstag bekamen“, erinnert sich der Wahl-Münsteraner, der „unglaublich dankbar“ für die Entscheidung seiner Frau sei und nie in Erwägung gezogen habe, sie um eine Spende zu bitten.

Eine neutrale Kommission prüft die Zulässigkeit der Lebendspende. Um auszuschließen, dass sie ihr Organ unfreiwillig spendet, musste sich Maren K. einem Gespräch mit Psychosomatikern unterziehen. Dass der Evaluationsprozess so lange dauert, soll laut Suwelack Lebendspendern und Empfängern genügend Bedenkzeit einräumen. Dabei habe sich Maren K. „keine einzige Sekunde unsicher oder schlecht beraten gefühlt“, doch sie sei trotzdem froh, dass ihr bis zur letzten Sekunde die Möglichkeit zum Abbruch offen gehalten worden sei – notfalls noch auf dem OP-Tisch, wie der Chirurg beteuert habe.

Spätfolgen meist beherrschbar

Am 27. Mai 2015 haben ihr die Ärzte die linke Niere entnommen und anschließend bei ihrem Mann an die Beckenarterie und Vene angeschlossen. Dass Nieren nicht in ihre eigentliche Lage in der Lendengegend eingesetzt würden, sei typisch, erklärt Suwelack. So können die beiden ausgefallenen Nieren bleiben, wo sie sind. Bei Bernd K. allerdings war es anders: Ihm entfernten die Ärzte eine der sehr großen Zysten-Nieren, die ihren Umfang schon verdreifacht hatte und zu viel Platz im Bauch einnahm.

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Professorin Barbara Suwelack: „Eine Lebendspende ist niemals die erste Wahl, sondern kommt nur infrage, wenn es keine andere Möglichkeit gibt.“ Foto: Jürgen Christ

Nach der OP ist Maren K.s verbleibende Niere gewachsen. Das ist eine typische Reaktion, mit der sie den Verlust der zweiten Niere zum Teil ausgleicht. Darum muss die Spenderin langfristig nur mit Funktionseinbußen von etwa 25 bis 30 Prozent rechnen, erklärt Suwelack. „Natürlich spürt man aufmerksamer in sich hinein“, merkt Maren K. an, für die ein Harnwegsinfekt nun ein größeres Risiko darstellt, sollte er die verbliebene Niere befallen. Weitere Spätfolgen für Lebendspender wie etwa hoher Blutdruck oder ein erhöhtes Risiko für eine Schwangerschaftsvergiftung seien in einem geringen Prozentsatz bekannt, jedoch beherrschbar. Für Besorgnis sorgten auch Meldungen aus den USA und Norwegen, wo in einigen wenigen Fällen Spender viele Jahre später selbst dialysepflichtig wurden. Bernd K. betont aber, dass man umgekehrt mit etwa 25 Prozent der Leistung zweier gesunder Nieren problemlos leben könne, man also mit 75 Prozent Nierenleistung immer noch gut ausgestattet sei.

Auch in Deutschland gibt es nicht nur Positivbeispiele wie das des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, der 2010 seiner Frau eine Niere spendete. So war das Thema zuletzt durch ein Urteil des Bundesgerichtshofes in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, wo in zwei Fällen eine unzureichende Aufklärung festgestellt wurde.

Alle acht Wochen Kontrolluntersuchungen

Trotz aller möglichen Risiken haben die Eheleute K. die Spende gut überstanden und sind sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Bisher sind keine Einschränkungen spürbar, im Gegenteil: Besonders deutlich konnte der Familienvater die Besserung beobachten, schon am Tag der Verlegung auf die Normalstation ging es ihm spürbar besser als all die letzten Jahre zuvor. „Erst da ist mir bewusst geworden, wie sich mein Körper schleichend von innen vergiftet hatte, ohne dass ich eine deutliche Verschlechterung hätte spüren können“, blickt der 60-Jährige zurück. Eine Dialyse sei eben kein gleichwertiger Ersatz für eine gesunde Niere. Nach bereits acht Wochen hat er wieder angefangen, als Jurist zu arbeiten. Seitdem fällt ihm alles viel leichter.

Mittlerweile ist der Eingriff mehr als vier Jahre her. Die Kontrolluntersuchungen werden seltener, sind aber lebenslang etwa alle acht Wochen nötig. Zusätzlich dokumentiert der Transplantierte täglich seinen Blutdruck in einem Tagebuch. „Ein sehr vorbildlicher Patient“, lobt die Ärztin. Bernd K. findet das das Mindeste: „Das ist ja wohl die mindeste Gegenleistung für das Geschenk, das meine Frau mir gemacht hat: alles zum Schutz ihrer Niere zu tun.“

Nierenlebendspende-Register

Um verlässlichere Vorhersagen treffen und somit umfassender über alle Risiken aufklären zu können, wurde unter der Leitung von Professorin Barbara Suwelack in Münster das erste nationale Nierenlebendspende-Register für die Versorgungsforschung eingerichtet. Dort werden nicht nur über Jahre Daten zur gesundheitlichen Verfassung der Spender gesammelt. Auch psychosomatische Kriterien und Erhebungen zur Lebensqualität sollen dort Eingang finden. Das Projekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 2,2 Millionen Euro gefördert. Unter den Initiatoren befinden sich auch der Psychosomatiker Prof. M. Burgmer und Prof. M. Dugas aus der Medizinischen Informatik. Neben Münster, das in 2018 mit 109 Nierentransplantationen (davon etwa ein Drittel Lebendspenden) das drittgrößte Lebendspende-Zentrum in Deutschland war, nehmen weitere 37 Kliniken an der Studie teil. Das Projekt beschränkt sich auf in Deutschland durchgeführte Lebendspende- Transplantationen, weil die Gesundheitssysteme weltweit große Unterschiede aufweisen, wie Suwelack erklärt. „Dank unserer engmaschigen und kostenlosen Nachsorge, zu der sich ein Transplantationszentrum hierzulande verpflichten muss, hoffen wir, gute Ergebnisse erzielen zu können.“

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