Sonderveröffentlichung

Knochenmarktransplantation
Anna-Lena Brinkmeyer hat den Blutkrebs besiegt

Münster -

Um mit dem Leben davonzukommen, musste Anna-Lena Brinkmeyer eine Knochenmarktransplantation über sich ergehen lassen. Die Behandlung ist ein echter Schlauch. Wegen tauber Finger und einer tauben Zunge war sie ins Krankenhaus gefahren. Nach einer Stunde erfuhr sie, dass sie Blutkrebs hatte. Heute, nach fünf Jahren, scheint die Krankheit besiegt.

Dienstag, 03.09.2019, 09:48 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 14:23 Uhr
Es gab eine Zeit, da verging ihr die Lust auf alles, sagt Anna-Lena Brinkmeyer. Nach der Behandlung ihres Blutkrebses durch ein Ärzteteam rund um Professor Matthias Stelljes geht es ihr nun deutlich besser.
Es gab eine Zeit, da verging ihr die Lust auf alles, sagt Anna-Lena Brinkmeyer. Nach der Behandlung ihres Blutkrebses durch ein Ärzteteam rund um Professor Matthias Stelljes geht es ihr nun deutlich besser. Foto: Jürgen Christ

Anna-Lena Brinkmeyer war 19 Jahre alt, als im Juni 2014 nacheinander erst ihre Finger und dann ihre Zunge taub werden. Zwar hat sie da bereits länger mit Migräneattacken zu kämpfen, doch das Taubheitsgefühl ist neu. Es soll sich schnell herausstellen, dass dieses Taubheitsgefühlt eine sehr schlechte Nachricht bedeutet.

Als die junge Frau aus Halle in Westfalen in der Notfallambulanz ankommt, finden die Ärzte in einer Blutprobe zu wenig rote und weiße Blutkörperchen sowie Blutplättchen. Daraufhin punktieren die Ärzte ihr Knochenmark. Eine Stunde später steht die Diagnose fest: akute myeloische Leukämie. Blutkrebs. Ihren Plan, ein Studium zu beginnen, musste sie in diesem Augenblick vergessen.

Verschiedene Vorbereitungen nötig

„Realisiert, dass ich daran sterben könnte, habe ich damals nicht“, erzählt die junge Frau. „Meine erste Reaktion war: „Oh Gott, da fallen mir die Haare aus.“ Weil sie sich in der Bielefelder Klinik nicht gut aufgehoben fühlt, wechselt sie ins UKM . Dort behandelt sie ein Ärzteteam rund um Professor Matthias Stelljes . Fünf Wochen bekommt sie eine Chemotherapie mit Zytostatika, die sämtliche Leukämiezellen in ihrem Blut eliminieren sollen.

Nach diesem „ersten Zyklus“ wird überprüft, ob die Therapie erfolgreich war. Dafür untersuchen die Ärzte, ob die Anzahl der Blasten gesunken ist. Das sind Vorläuferzellen der weißen Blutkörperchen. „Verringert sich der Blastenanteil nicht oder nur gering, gilt die Leukämie als refraktär, spricht also nicht genug auf die Therapie an“, erklärt Stelljes. Das war bei Brinkmeyer der Fall. Die Zytostatika hatten zu wenig Leukämiezellen abgetötet. Da sich ihr Zustand akut verschlechtert, entscheidet sich das behandelnde Team für eine Knochenmarktransplantation (KMT) mit einer Stammzellspende.

Eine passende Stammzellspenderin für Brinkmeyer hatten die Ärzte bereits gefunden. Vor Beginn der KMT sind verschiedene Vorbereitungen nötig. Die Ärzte verordnen der Hallenserin noch stärkere Zytostatika und eine Knochenmarksbestrahlung. Dafür nehmen sie in Kauf, dass neben den kranken auch gesunde Knochenmarkzellen zerstört werden. Außerdem bekommt sie Antikörper gegen ihre eigenen Immunzellen. Dies soll das Risiko einer Abstoßung verringern. „Das Transplantat muss erst lernen, sich an den neuen Wirt zu gewöhnen, eine Immuntoleranz entwickeln“, erklärt Professor Matthias Stelljes.

Immense psychische Belastung

Im Oktober 2014 implantieren die Ärzte Brinkmeyer das gespendete Transplantat. Die nachfolgende Zeit ist hart für die junge Patientin. „Ich nahm so stark ab, dass ich künstlich ernährt werden musste“, berichtet sie. Übelkeit, eine Mundschleimhautentzündung und Appetitlosigkeit führen zum starken Gewichtsverlust. „Knapp ein Dreivierteljahr hatte ich immer einen Rucksack mit Nahrungsinfusionen am Bett stehen“, ergänzt sie.

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Professor Matthias Stelljes: „Die ersten 100 Tage nach der Transplantation sind die risikoreichsten. In dieser Zeit ist aufgrund der Immunschwäche die Infektionsgefahr besonders groß.“ Foto: Jürgen Christ

Auch von weiteren Nebenwirkungen bleibt die Patientin nicht verschont. „Frau Brinkmeyer litt unter Schlafstörungen sowie einer überschießenden Immunreaktion der Haut“, berichtet Stelljes. Außerdem ist sie durch das lange Liegen und die Anstrengungen der Therapie körperlich und seelisch sehr ausgezehrt. Kurz nach dem Eingriff braucht die damals 19-Jährige sogar einen Rollator. Auch später noch „glich der Weg ins Bad einem Halbmarathon“, berichtet Brinkmeyer. Zudem ist die psychische Belastung immens. „Mir ging es so schlecht, dass ich nicht mal meine Freunde sehen wollte“, erzählt die junge Frau. „Mir verging die Lust auf alles“, berichtet sie.

Der Weg zurück in ein normales Leben ist steinig. „Meine Fitnesstrainerin sagte mir: Für einen Tag liegen musst du sieben Tage wieder drauftrainieren. Und ich habe ja fünf Wochen nur gelegen“ erzählt sie.

Seit fünf Jahren krebsfrei

Auch die Medikamente, zu Beginn 23 am Tag, und Vorsichtsmaßnahmen belasteten sie. „Die ersten 100 Tage nach der Transplantation sind die risikoreichsten“, erklärt Stelljes. In dieser Zeit ist aufgrund der Immunschwäche die Infektionsgefahr besonders groß. Kein rohes Essen, Menschenmengen meiden, Mundschutz tragen, sämtliche Impfungen nachholen. „Letzteres ist nötig, da durch die Therapie das gesamte Immungedächtnis gelöscht wird“, erläutert ihr Arzt. Doch die Strapazen haben Erfolg. Brinkmeyers Knochenmark ist nach der Therapie blastenfrei, und die Genmutation ließ sich nicht mehr nachweisen. Heute muss sie keine Medikamente mehr nehmen.

Neben ihrer Familie gaben ihr in dieser schweren Zeit unter anderem zwei Dinge Rückhalt: Nach der Therapie schrieb ihr die Spenderin einen Brief. Sie blieben in Kontakt und haben sich nach einer Sperrfrist von zwei Jahren auch persönlich getroffen. „Wir sind heute befreundet“, erzählt Brinkmeyer. Der andere Lichtblick: Hunde. Brinkmeyers Mutter ist Züchterin und ihre Tochter kümmerte sich damals um den frischen Wurf. „Das gab mir eine Aufgabe und tat mir sehr gut“, erklärt sie. Einer der Welpen gehört heute Professor Stelljes.

Blutkrebs

Ursache für Blutkrebs sind Veränderungen in den Stammzellen des Knochenmarks. Diese produzieren im Normalfall die weißen Blutkörperchen. Durch die Entartung überleben die Stammzellen länger und vermehren sich schneller und unkontrolliert. Dadurch werden funktionslose Zellen (Blasten) vom Knochenmark ins Blut freigesetzt. Außerdem behindern die mutierten Zellen die Produktion der gesunden Zellen. Meist entstehen diese Mutationen zufällig. Die Blutarmut macht die Patienten müde, erhöht ihre Infektanfälligkeit und stört ihre Blutgerinnung. Betroffen sind eher Erwachsene. Es handelt sich um eine seltene, sehr schwere Erkrankung.

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Brinkmeyer hat sich gut erholt. Fast fünf Jahre ist sie nun krebsfrei. „Das Risiko, dass der Krebs zurückkehrt, ist sehr gering“, erklärt Stelljes. Heute steht sie wieder voll im Leben. Das Studium International Business hat sie erfolgreich abgeschlossen und beginnt im August eine neue Arbeitsstelle. „Hier möchte ich jetzt voll durchstarten“, sagt sie mit einem großen Lächeln. 

KMT-Zentrum

Das KMT-Zentrum des UKM ist eines der größten in ganz Deutschland. Derzeit vergrößert das UKM das Zentrum, um in Zukunft noch mehr Patienten behandeln zu können. „Wir erhoffen uns durch den Ausbau die Versorgung unserer Patienten weiter zu verbessern. So haben wir die Chance, noch viel mehr verschiedene Krankheitsausprägungen und Nebenwirkungen kennen zu lernen. Und nur, was man einmal gesehen hat, kann man sicher erkennen und behandeln“, erläutert Professor Matthias Stelljes, Bereichsleiter des KMT.

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