Sonderveröffentlichung

Tropenkrankheit Leishmaniose
Mitbringsel, die keiner will

Münster -

Die einen bringen sich neue T-Shirts oder eine Flasche Wein aus dem Urlaub mit, die anderen eine Leishmaniose. Unser Redaktionsmitglied Stefan Werding hat mit der Dermatologin Carolin Mitschang aus der Klinik für Hautkrankheiten am UKM über die Krankheit gesprochen.

Dienstag, 03.09.2019, 09:50 Uhr aktualisiert: 03.09.2019, 16:29 Uhr
Die Sandmücke kann die Leishmaniose übertragen. Vor allem im Süden können sich Touristen die Krankheit einfangen.
Die Sandmücke kann die Leishmaniose übertragen. Vor allem im Süden können sich Touristen die Krankheit einfangen. Foto: dpa

Wie und wo fängt man sich die Leishmaniose?

Mitschang : Die kutane Leishmaniose ist ein häufiges Reisemitbringsel und gehört zu den am häufigsten importierten Hautkrankheiten in Deutschland. Die Erreger findet man vor allem im östlichen Afrika und Asien, aber auch dem Mittelmeerraum sowie Mittel- und Südamerika. Man muss also auch an nähergelegene Urlaubsziele denken – also Südspanien, Italien, Malta und Mallorca.

Bemerken Sie denn an der Uniklinik einen Anstieg solcher Fälle?

Mitschang: Die Leishmaniose gab es immer schon. Aber wissenschaftliche Arbeiten zeigen, dass zum Beispiel importierte Hunde aus Ländern wie Italien, Malta oder Südspanien Erreger-Reservoire sein können, die diese Krankheit nach Deutschland importieren.

Wein wird inzwischen auch in Norwegen angebaut. Verschiebt sich das Gebiet, in dem Sandmücken leben, immer weiter nach Norden?

Mitschang: Die Sandmücken überleben nur dort, wo die Temperatur immer über zehn Grad bleibt. Wenn es auch in anderen Ländern wärmer wird, können sie auch dort überleben.

Eine Ausbreitung der Sandmücke wäre, bedingt durch den Klimawandel, auch bei uns denkbar.

Carolin Mitschang

Also auch bei uns?

Mitschang: Ja, eine Ausbreitung der Sandmücke wäre, bedingt durch eine Klimaerwärmung, auch bei uns denkbar. Es ist noch nicht nachgewiesen, dass die Erreger einen gesamten Zyklus bei uns durchleben. Bei uns sind aber schon Sandmücken nachgewiesen worden. Dass die schon eine Leishmaniose übertragen haben, ist aber noch nicht bewiesen.

Carolin Mitschang

Carolin Mitschang: „Die Leishmaniose gab es immer schon." Foto: Wilfried Gerharz

Worauf müssen Touristen achten, wenn sie in den Süden fliegen?

Mitschang: Eine Impfung gibt es leider noch nicht. Darum kann man nur versuchen, sich vor dem Stich der Sandmücke zu schützen. Sandmücken sind besonders abends und nachts aktiv. Sie bevorzugen unbedeckte Körperstellen und dünne Haut, sind relativ klein und fliegen in einer Höhe von 1,5 bis 2 Metern. Deswegen sollte man abends und nachts den Strand meiden, lange, luftige und helle Kleidung tragen sowie Insektenspray verwenden. Wichtig sind Moskito-Netze mit einer Maschenweite von 0,4 bis 0,6 Millimeter. Herkömmlichen Netze haben eine Weite von zwei bis drei Millimetern, da schlüpfen die Sandmücken aber durch.

Wie kommt denn der Parasit von der Sandmücke ins Blut seines Opfers?

Mitschang: Die Sandmücke sticht einen Wirt, etwa einen Hund. Wenn der infiziert ist, nimmt sie die Leishmanien auf. Dann durchlaufen diese Parasiten in der Mücke einen Lebenszyklus. Wenn die Sandmücke dann einen Menschen sticht, können die Leishmanien über deren Speichel an den Menschen weitergegeben werden. In dessen Haut oder im Körper entwickeln sie sich dann weiter und lösen Infektionen und Entzündungen aus. Es hängt von der Leishmanien-Art und vom Immunstatus des Patienten ab, ob die Haut oder innere Organe betroffen werden. In über 90 Prozent bildet sich die Infektion auf der Haut aus.

Wie gut kann ich die erkennen?

Mitschang: Das ist nicht leicht. Die ersten Anzeichen zeigen sich nach zwei Wochen oder – Achtung! – sogar erst Monate nach dem Stich. Dann entwickelt sich ein kleines, rotes, symptomloses Knötchen, das sich zu einem Geschwür ausbilden kann. Das kann trocken und krustig belegt, manchmal auch nässend sein. Oft kommt der Patient oder die Patientin gar nicht auf die Idee, Urlaub und Geschwür in einen Zusammenhang zu bringen. Dann wird es für den Arzt natürlich schwierig.

Oft bringen Patienten ihren Urlaub und das Geschwür nicht in einen Zusammenhang.

Oft bringen Patienten ihren Urlaub und das Geschwür nicht in einen Zusammenhang. Foto: UKM

Woran erkenne ich, dass ich zum Arzt gehen soll?

Mitschang: Bei der kutanen Variante, die die Haut betrifft, verschwindet das Knötchen nicht, obwohl man über längere Zeit Cremes verwendet. Spätestens dann sollte man zum Dermatologen gehen.

Schon gewusst?

Wochen bis hin zu einigen Monaten nach dem eigentlichen Stich entwickelt sich eine Papel, die zu einem Knoten oder einer Plaque wird.

...

Kann das auch gefährlich werden oder ist das nur unangenehm?

Mitschang: Bei einem gesunden Patienten ist die kutane Form weniger gefährlich. Es können aber entstellende Narben entstehen. Die viszerale Form, die die inneren Organe betrifft, kann ohne Therapie tödlich verlaufen.

Hui. Und was kann der Arzt machen?

Mitschang: Der würde in lokaler Betäubung Hautproben entnehmen, um die Leishmanien anzuzüchten und die Subspezies bestimmen lassen zu können. Das ist sehr wichtig für die Therapie.

Warum?

Mitschang: Weil es für die unterschiedlichen Subtypen unterschiedliche Therapeutika gibt. Die Palette ist groß.

Und wie sieht die Therapie aus?

Mitschang: Bei der kutanen Form würde man das Geschwür entweder mit Cremes oder einer Unterspritzung behandeln. Alternativ kann der Arzt Tabletten- oder Infusionen anwenden. Manche Präparate werden auch in den Muskel gespritzt. Das hängt vom Gesundheitszustand des Patienten ab, dem klinischen Befund und der Subspezies.

Was genau bedeutet „Unterspritzung“?

Mitschang: Es gibt Präparate, die Ärzte mit feinen Nadeln in das Geschwür spritzen, damit das Medikament an Ort und Stelle wirken kann.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6897270?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F597191%2F
„Doppellecker-Bus“ darf bis Jahresende am Hafen stehen
Duldung für Café: „Doppellecker-Bus“ darf bis Jahresende am Hafen stehen
Nachrichten-Ticker