Sarkomzentrum
Titanprothese statt Amputation

Münster -

Es war Stefan Eveslages Glück, dass er einen Orthopäden mit einem guten Riecher hatte. Als der Emsländer mit Schmerzen im Arm und dem Verdacht auf einen Tennisarm zu ihm kam, vermutete der ein Sarkom und überwies ihn an die Uniklinik nach Münster. Die Experten im Sarkomzentrum haben viel Erfahrungen mit solchen bösartigen Krebsgeschwüren.

Montag, 25.11.2019, 13:42 Uhr aktualisiert: 25.11.2019, 16:17 Uhr
Stefan Eveslage (Mitte) wurde von Dr. Torsten Keßler (links) und Dr. Timo Lübben wegen eines Ewing-Sarkoms im linken Arm behandelt.
Stefan Eveslage (Mitte) wurde von Dr. Torsten Keßler (links) und Dr. Timo Lübben wegen eines Ewing-Sarkoms im linken Arm behandelt. Foto: Jürgen Christ

Es ist glücklicherweise selten, dafür aber leider solide und bösartig: das Ewing-Sarkom. Den Namen erhielt es von seinem Entdecker, dem US-amerikanischen Pathologen James Ewing, der diesen Knochenkrebs bereits 1920 beschrieb. Dieser Tumor, der meistens in den Knochen entsteht, trägt zudem noch das Attribut „maligne“, womit in der medizinischen Fachsprache ein Krankheitsverlauf spezifiziert wird, der – unbehandelt – fortschreitend zerstörerisch wirkt und über die Metastasierung tödlich sein kann.

In den vergangenen Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkeiten in allen Bereichen deutlich weiterentwickelt: „Bis in die 1970er Jahre wurden betroffene Extremitäten entfernt, heißt: amputiert“, erklärt Dr. Timo Lübben, Sektionsleiter für Tumor- und Revisionschirurgie. „Heute wird das Ewing-Sarkom als systemische Erkrankung begriffen, die nur in Kombination mit einer Chemotherapie wirksam behandelt werden kann und bei der die Extremitäten in aller Regel erhaltend operiert werden können.“

Mit Schmerzen im Oberarm zum Arzt

Schmerzen im linken Oberarm waren es, die Stefan Eveslage vor elf Jahren bewegten, sich an einen Arzt zu wenden. Der Mediziner vermutete zunächst einen Tennisarm, schickte ihn dann aber weiter zu einem Orthopäden. „Der hatte einen guten Riecher“, beschreibt der heute 38-Jährige. Der Facharzt vermutete nach Analyse von Röntgenbild und MRT ein Sarkom und überwies ihn direkt an die Uniklinik nach Münster zur Biopsie.

„Das war genau der richtige Schritt, denn die Gewebeprobenentnahme sollte dort durchgeführt werden, wo anschließend auch entsprechend therapiert werden kann“, erklärt Privatdozent Dr. Torsten Keßler , Leiter des Sarkomzentrums der Uniklinik Münster.

Im Januar 2010 kam für den Emsländer – im Alter von 29 Jahren – dann die Diagnose: Ewing-Sarkom, maligner Knochenkrebs. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es mehr als 50 verschiedene Tumore der sogenannten Weichgewebe, die in jedem Körperteil entstehen können. Das Ewing-Sarkom ist besonders, weil es sehr empfindlich auf Strahlen- und Chemotherapie reagiert. „Somit muss hier nicht in jedem Fall operiert werden“, macht Keßler deutlich.

14 intensive Chemotherapie-Zyklen

Anfang 2010 nahm der Patient die erste von 14 intensiven Chemotherapie-Zyklen in Angriff. Sechs hatte er bereits hinter sich, als er mit der sechswöchigen Strahlentherapie im Sommer startete. Den letzten Chemo-Zyklus – alle drei Wochen wurde er für ein paar Tage stationär aufgenommen – hat er vor Weihnachten beendet. Mit großem Erfolg. Der Tumor war besiegt und die regelmäßigen, engmaschigen Nachkontrollen zeigten keinen Nachweis eines Rückfalls. Der Bilanzbuchhalter konnte seine Arbeit wieder aufnehmen, handwerklich aktiv sein, aktiv Fußball spielen, schwimmen und joggen gehen.

Schwebt das Damoklesschwert des drohenden Rückfalls trotzdem über dem Alltag? „Nein, ich habe ganz normal weitergelebt“, erklärt der Patient. „Ernst wurde es immer erst, wenn man den Bericht nach der Kontrolle in der Hand hielt.“ Acht Jahre hatte er Ruhe, bis das MRT bei einer Untersuchung eine wiederum verdächtige Veränderung aufwies. Die Biopsie – „körperlich war nichts zu merken“, so Eveslage – lieferte den Beweis für ein spätes Rezidiv an der gleichen Stelle wie die Erstmanifestation. Zum Glück ließen sich aber keinerlei Metastasen nachweisen. Die Tumorkonferenz empfahl eine erneute Chemotherapie und eine anschließende funktionserhaltende Operation.

Sarkomzentrum der Uniklinik Münster

Das Sarkomzentrum der Uniklinik Münster gehört seit diesem Jahr zu den sechs zertifizierten Sarkomzentren Deutschlands der Deutschen Krebsgesellschaft. Nur hier kommt die Expertise von Viszeralchirurgen, Radiologen, Strahlentherapeuten, Onkologen, Pathologen und Tumororthopäden zusammen. Jede Woche findet eine gemeinsame Tumorkonferenz - allein für Sarkome - statt, für die gemeinsame Beratung zur Diagnose und Therapie. „Die Sarkomkonferenzen haben wir schon lange Zeit vor der Zertifizierung gemacht“, betont Privatdozent Dr. Torsten Keßler. Eine auslösende Ursache für das Ewing-Sarkom ist nicht bekannt. Diese Tumorart ist auch nur selten zu finden, „deshalb ist es so wichtig, sie an einem Sarkomzentrum behandeln zu lassen“, betont Keßler. „Weil wir hier für die Behandlung alle Möglichkeiten unter einem Dach anbieten können und uns mit den anderen Zentren und der Studienzentrale regelmäßig austauschen!“

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Titanprothese im Arm

Seit September 2018 lebt Stefan Eveslage nun mit einer Ellenbogen-Titanprothese. Das Sarkom wurde mit einem angemessenen Sicherheitsabstand entfernt und anschließend die Gelenk-Prothese eingesetzt. „Bei so einer OP wird der Arm komplett auseinandergenommen“, beschreibt Dr. Lübben. „Die Muskeln werden frei- und anschließend wieder angelegt. Gefäße und Nerven werden so gut es geht geschont.“ Dass der Eingriff erfolgreich war, demonstriert der 38-Jährige gerne: „110 Grad Beugung sind jetzt wieder möglich. Das reicht, um an den Hinterkopf zu kommen und den Arm im Alltag fast normal benutzen zu können.“ Direkt nach der OP plagten ihn zunächst Schwellneigung und Lymphödeme, die aber mithilfe von Lymphdrainage und Physiotherapie beseitigt werden konnten. Eine anschließende dreiwöchige medizinische Reha unterstützte die Gesundung ebenfalls.

Dr. Timo Lübben zeigt seinem Patientenein Bild von dessen Ellbogen. Früher hätte Stefan Eveslage seinen Arm wahrscheinlich verloren.

Dr. Timo Lübben zeigt seinem Patienten ein Bild von dessen Ellbogen. Früher hätte Stefan Eveslage seinen Arm wahrscheinlich verloren. Foto: Jürgen Christ

„Ich fühle mich wieder gesund. Jetzt bin ich wieder in meinem alten Rhythmus. Gleicher Job, gleiche Tätigkeit“, freut es den Patienten, der auch gerne wieder mehr Fußball spielen würde, aber „das kommt in der Familie nicht ganz so gut an, wegen der Unfallgefahr.“

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