Westdeutsches Tumorzentrum
Ein Patient – zwei Kliniken

Ein gebrochener Wirbel brachte ihn ans Licht: den Tumor in der Lunge. „Krebs gibt sich nicht so schnell zu erkennen. Ohne die unerträglichen Rückenschmerzen, die behandelt werden wollten, wäre er erst Mal nicht entdeckt worden“, ist sich Lothar Wehner sicher. Nun kooperieren UKM und die Uniklinik Essen, um auch seltene Befunde besser behandeln zu können.

Montag, 25.11.2019, 14:34 Uhr aktualisiert: 25.11.2019, 16:17 Uhr
Professor Wolfgang Hartmann wirft Bilder einer Untersuchung an die Wand, Professorin Annalen Bleckmann erklärt ihrem Patienten Lothar Wehner den Krankheitsverlauf.
Professor Wolfgang Hartmann wirft Bilder einer Untersuchung an die Wand, Professorin Annalen Bleckmann erklärt ihrem Patienten Lothar Wehner den Krankheitsverlauf. Foto: Jürgen Christ

Gut zwei Jahre liegt es zurück, dass er deutliche körperliche Beeinträchtigungen spürte. Nach zweimonatigem Ärztemarathon durch verschiedene Praxen und Krankenhäuser lautete die Diagnose in der Uniklinik: Nichtraucher-Lungenkrebs. Bis vor einigen Jahren wäre ihm damit vielleicht noch ein Jahr Lebenszeit prognostiziert worden. Mittlerweile lebt er 26 Monate mit seiner Diagnose und der Zuversicht, dass es weiter bergauf geht. Bestens aufgehoben und begleitet fühlte er sich im „Comprehensive Cancer Centre Münster (CCCM)“ des UKM , das seit Mitte Oktober eine Kooperation eingegangen ist und jetzt unter dem Namen „Westdeutsches Tumorzentrum (WTZ) – Netzwerkpartner Münster“ firmiert.

Gerade mal ein Jahr genoss der Polizeibeamte Lothar Wehner seine Pension, als sich sein Gesundheitszustand zusehends verschlechterte. Von Tag zu Tag fühlte er sich kraftloser, konnte nur noch schlecht aufrecht gehen. Ein Arzt verabreichte Spritzen. Eine Orthopädin vermutete Muskelverspannungen, verschrieb Schmerzmittel und Krankengymnastik. An einem Wochenende war der Schmerz-Zenit überschritten. Er rief den Notdienst und ließ sich mit einem Rettungswagen ins Krankenhaus bringen. Dort vermutete man einen Bandscheibenvorfall und schickte ihn mit Schmerztabletten wieder nach Hause. „Die schlimmste Fahrt meines Lebens. Ich habe jede allerkleinste Unebenheit heftig gespürt“, erinnert sich der 65-Jährige aus Ascheberg.

Seinem Hausarzt gelang es Tage später, ihn in ein münsterisches Krankenhaus einzuweisen, was „nicht so einfach war, weil ich keine offensichtlichen Ausfallerscheinungen hatte“, erklärt Wehner. Die erste Diagnose war nach dem Röntgen schnell klar: Wirbelbruch. Lothar Wehner wurde – diesmal liegend – in die Uniklinik Münster verlegt und direkt operiert. Jeweils zwei Wirbel über und unter dem Bruch wurde die Wirbelsäule versteift. Ursächlich für die Fraktur war eine Metastase, die den Wirbelknochen so stark angegriffen hatte, dass er durchbrach.

Westdeutsches Tumrozentrum

Unter dem Dach des Westdeutschen Tumorzentrums (WTZ) wollen Experten der Universitätsmedizin Essen und des Universitätsklinikums Münster künftig Menschen mit Krebserkrankungen eng versorgen. Gleichzeitig wollen die beiden Krankenhäuser die universitätsmedizinischen onkologischen Standorte im Ruhrgebiet und in Westfalen besser vernetzen.Einer Pressemitteilung der Uniklinik Münster zufolge unterstützt Annette Storsberg, Staatssekretärin im Kultur- und Wissenschaftsministerium, die Initiative. „Die landesweite strategische Vernetzung von Krebsforscherinnen und -forschern und die hierbei erzeugten Synergieeffekte versetzen Nordrhein-Westfalen in die Lage, die Krebsforschung des Landes in eine internationale Spitzenposition zu führen – und allen Bürgerinnen und Bürgern schnell und wohnortnah Zugang zu einer Krebsmedizin auf höchstem Niveau zu ermöglichen.“Durch die Kooperation würden die Bürger einen „noch besseren Zugang zu modernster Krebsmedizin auf höchstem universitätsmedizinischem Niveau“ bekommen, betonen die beiden Kliniken. In den Augen von Professor Dirk Schadendorf, Direktor des WTZ Essen, zeigt die Kooperation, „wie die Zukunft der onkologischen Versorgungs- und Forschungsstruktur an universitären Standorten aussehen wird: Onkologische Zentren arbeiten interdisziplinär und hochgradig vernetzt zusammen und profitieren nachhaltig voneinander. Gemeinsam setzen wir neue Maßstäbe − zum Wohle unserer Patienten.“

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„Die neue Kooperation bringt für die Therapie des Patienten einen umfangreichen Mehrwert“, betont Professorin Annalen Bleckmann, Onkologin und Hämatologin am UKM sowie Direktorin des „WTZ Netzwerkpartner MS“. Mit einem Team aus Fachärzten, zu denen neben ihr ein Radiologe, ein Pathologe, ein Thorax-Chirurg und ein Strahlentherapeut zählen, führt sie wöchentlich 19 Tumorkonferenzen durch. Hinzu kommt neuerdings einmal pro Woche das „Molekulare Tumorboard“ – eine gemeinsame Konferenz mit den Experten der WTZ Standorte in Münster und Essen – bei der die Genetik und Biologie der Tumoren im Fokus stehen. Ein telemedizinisches Videokonferenzwerkzeug macht es möglich. „Dieser Austausch funktioniert reibungslos. So als säße man in einem Raum zusammen“, versichert Bleckmann.

Denn: Heute wird bei den Diagnosen nicht mehr nur in großen Tumorgruppen kategorisiert. Fortschritte in der modernen Medizin, besonders bei der Entschlüsselung des Erbguts bei Tumoren, haben bewiesen, dass es ganz viele und immer mehr „Sub-“ – sprich: „Untergruppen“ – gibt.

Die neue Kooperation bringt für die Therapie des Patienten einen umfangreichen Mehrwert“, sagt Professorin Annalen Bleckmann. Ihr Patient Lothar Wehner hat davon profitiert.

Die neue Kooperation bringt für die Therapie des Patienten einen umfangreichen Mehrwert“, sagt Professorin Annalen Bleckmann. Ihr Patient Lothar Wehner hat davon profitiert. Foto: Jürgen Christ

Bleckmann vergleicht den Lungentumor mit einer großen Familie, dessen Kinder viele verschiedene Wege gehen: „Wir müssen genau analysieren, wie der Motor beschaffen ist, der das Wachstum der Tumorzellen vorantreibt, um ihn drosseln zu können.“ Dieser Motor setzt sich aus vielen verschiedenen Teilen zusammen, von denen aber nur einige auf entsprechende Medikamente reagieren.

Lothar Wehner erhielt zunächst Bestrahlungen, unter anderem des Kopfes gegen die Metastasen im Gehirn. Dafür wurde ihm eine Maske angelegt, die auf dem Tisch befestigt war. „Das war sehr unangenehm, aber notwendig und dauerte glücklicherweise nur jeweils 30 Sekunden“, erinnert sich der Patient.

Zusätzlich fanden die Ärzte ein Medikament, das ihn wieder aus dem Rollstuhl holte, ihm die Fortbewegung mit dem Rollator ermöglichte und ihn nach drei Monaten wieder auf die Beine brachte. Sogar soweit, dass er wieder das Fitnessstudio besuchen konnte. „Da ging es mir kräftemäßig echt wieder gut“, blickt er zurück.

Im vergangenen September spürte er erneut starke Beeinträchtigungen. Blutentnahme, Leberpunktion und die molekulare Analyse der Gewebeprobe ergaben den Nachweis einer neuen Mutation einer Lebermetastase, die unter der vorherigen zielgerichteten Behandlung aufgekommen ist.

„Hier handelte es sich um eine bislang in der Fachliteratur nicht bekannte Mutation“, erklärt Professor Wolfgang Hartmann, Pathologe der WWU. „Durch die neue Zusammenarbeit mit dem WTZ der Uniklinik Essen sind wir jetzt noch breiter aufgestellt, können seltene, ungewöhnliche Befunde mit den Kollegen gemeinsam beleuchten und die Therapien noch mehr verfeinern.“

Die Untersuchungen ergaben, dass die molekulare Auswirkung der Mutation ähnlich der einer verwandten Mutation ist. Die reagiert auf ein weiteres Medikament. „Damit fühlt er sich jetzt wieder gut, und das ist ein guter Marker!“, sagt die Onkologin Annalen Bleckmann über ihren Patienten.

Demnächst muss sich Lothar Wehner erneut einer Kontrolluntersuchung mit CT und Ultraschall stellen. „Dann sehen wir, ob dieser Weg der richtige ist. Ansonsten haben wir noch einen anderen Trumpf im Ärmel, ist noch eine weitere zielgerichtete Therapieoption offen“, macht ihm die Onkologin Mut.

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