Sonderveröffentlichung

Neues Verfahren bei diastolischer Herzinsuffizienz
Ein Ventil fürs Herz

Münster/Sendenhorst -

Ausgerechnet an seinem Geburtstag hat Ralf Mondorf einen Anruf von seinem Arzt bekommen, der ihm die Aussicht auf weitere Lebensjahre geschenkt hat. Mit seiner „diastolischen Herzinsuffizienz“ hatten ihm die Experten vorher wenig Hoffnung gemacht. Doch ein neues Operationsverfahren hat dem Sendenhorster wieder Optimismus geschenkt: „Ich bin zwar nicht gesund, aber ich bin auf einem guten Weg,“ sagt er heute.

Dienstag, 03.03.2020, 13:05 Uhr
Neues Verfahren bei diastolischer Herzinsuffizienz: Ein Ventil fürs Herz
26 Millionen Menschen sind von einer Herzschwäche betroffen - Tendenz steigend. Ralf Mondorf aus Sendenhorst ist einer von ihnen. Foto: dpa

„Ich brauche Hilfe.“ Zu dieser Erkenntnis kommt Ralf Mondorf im Flugzeug – auf dem Rückweg von Ägypten nach Deutschland im Oktober 2018. „Ich wollte auf die Toilette gehen und kam gar nicht aus dem Sitz heraus, bekam keine Luft mehr. Die mussten mich zu zweit aus dem Sessel hieven, damit ich auf die Toilette konnte. Dabei war die Kabine direkt hinter uns. Von da an ging gar nichts mehr. Immer wieder kämpfte ich mit akuter Atemnot“, erinnert sich der heute 67-Jährige. Vor der Reise hatte er sich noch beim Fitnesstraining angemeldet.

Doch setzt eine Herzschwäche wirklich so plötzlich ein?

Doch setzt eine Herzschwäche wirklich so plötzlich ein? „Es ist meist ein langwieriger Prozess. Der Mensch gewöhnt sich aber an die Beschwerden, führt sie auf andere Ursachen zurück. Bis es irgendwann gar nicht mehr geht“, erklärt Dr. Rudin Pistulli, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie, Oberarzt am UKM .

Ralf Mondorf geht zunächst zu seinem niedergelassenen Kardiologen in Freckenhorst. Im Laufe der Behandlung wird er mehrfach stationär behandelt. In einem Krankenhaus in Hamm bekommt er eine scheinbar aussichtslose Diagnose: Lungenhochdruck durch eine diastolische Herzinsuffizienz. „Die haben mir gesagt, dass ich unheilbar krank sei und nicht mehr lange leben werde. Zwischen drei bis sechs Monaten und drei bis fünf Jahren gaben sie mir noch“, erinnert sich der 67-Jährige. In diesem Wissen wird Ralf Mondorf entlassen. „Da stand ich auf der Straße.“ Seine Frau aber will ihren Mann nicht kampflos aufgeben.

Claudia Mondorf recherchiert im Internet, tauscht sich mit einer betroffenen Frau aus, leiert eine Sauerstoff-Versorgung für ihren Mann an. Sein Zustand stabilisiert sich. Es ist der Geburtstag von Ralf Mondorf, als abends das Telefon klingelt. Sein Kardiologe aus Freckenhorst meldet sich mit Neuigkeiten. Er kommt von einer Tagung in Göttingen. Dort habe er von einem neuen, vielversprechenden Operationsverfahren zur Behandlung diastolischer Herzinsuffizienz gehört. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um seinem Patienten die Behandlung zu ermöglichen. Dazu nimmt er Kontakt zu seinen Kollegen am UKM auf. Mit Erfolg. Für die Mondorfs ist schnell klar: Diese Chance nutzen sie.

Diastolische Herzinsuffizienz

Etwa die Hälfte aller Herzschwäche-Patienten leidet an einer sogenannten diastolischen Herzinsuffizienz. Im Unterschied zu einer „klassischen“ systolischen Herzinsuffizienz ist die Kontraktionskraft des Herzmuskels bei einer diastolischen Herzinsuffizienz erhalten. Bei einer diastolischen Herzinsuffizienz ist die Entspannungsphase des Herzmuskels gestört, zum Beispiel aufgrund einer Versteifung des Herzmuskels. Symptomatisch für eine diastolische Herzschwäche sind Atembeschwerden und Wasser-Ansammlungen im Körper (Ödembildung, Wassersucht), die mit dem Fortschreiten der Erkrankung auch immer häufiger im Ruhe-Zustand auftreten. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für eine diastolische Herzschwäche. Weitere Risikofaktoren sind Bluthochdruck, Übergewicht und Diabetes. Die Medikamente, die bei einer systolischen Herzschwäche eingesetzt werden, wie zum Beispiel ACE-Hemmer und Beta-Blocker, helfen Studien zufolge nicht bei einer diastolischen Herzschwäche.

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Was hat es mit diesem neuen Verfahren auf sich? Lange konnten Ärzte Patienten mit diastolischer Herzschwäche nicht helfen. Den großen Durchbruch verspricht nun ein kleines Implantat. Das Implantat wird mithilfe eines Katheters, der über die Leistenvene eingeführt wird, in der Scheidewand zwischen den Vorhöfen des Herzens eingesetzt. Dort wird zuvor ein kleines Loch gebohrt. Die Passage zwischen den Vorhöfen wird dann durch das schirmchenförmige Implantat offengehalten. Durch die Öffnung mit einem Durchmesser von etwa acht Millimetern entsteht ein Blutfluss vom linken zum rechten Vorhof – der Druck im linken Vorhof sinkt.

„Es ist ein neues Verfahren, das wir natürlich noch nicht so gut kennen wie andere interventionelle(Anmerkung der Redaktion: also herzkathetergeführte)Therapien, die wir schon seit Jahrzehnten anwenden. Eine durch die Universität Göttingen geleitete multizentrische Studie bescheinigt dem Verfahren aber bereits seinen Erfolg: Den meisten Patienten ging es nach dem Eingriff merklich besser. Auch gibt es erste Hinweise auf eine höhere Lebenserwartung. Von daher wenden wir die Behandlung mit dem Implantat sehr zuversichtlich an“, heißt es am Universitätsklinikum Münster. Behandelte Patienten werden in eine sogenannte Registerstudie aufgenommen – so teilt das UKM seine Erfahrungen mit weltweit zehn anderen Zentren, die das Implantat einsetzen.

Dieser wie eine klitzekleine Lichterkette aussehende Shunt regelt den zu hohen Druck in der Herzkammer von Ralf Mondorf. Dr. Rudin Pistulli, Kardiologe am UKM, ist davon begeistert.

Dieser wie eine klitzekleine Lichterkette aussehende Shunt regelt den zu hohen Druck in der Herzkammer von Ralf Mondorf. Dr. Rudin Pistulli, Kardiologe am UKM, ist davon begeistert. Foto: Jürgen Christ

Ende August 2019 wird Ralf Mondorf im UKM operiert. Die Nacht vor dem Eingriff beschreibt seine Frau als „haarig“. Am Tag der Operation rumort die Angst: Bringe ich meinen Mann zum Sterben ins Krankenhaus? Schafft sein krankes Herz diesen Eingriff? „Mir war zum Sterben zumute“, erinnert sich der Sendenhorster selbst. Der Eingriff dauert etwa eine Stunde und verläuft erfolgreich – wie Dr. Pistulli schon bei der Operation beobachtet: „Ich habe gesehen, wie sich der Druck im linken Vorhof des Herzens schlagartig quasi halbiert hat. Daher war ich mir sicher, dass es Herrn Mondorf nach dem Eingriff besser gehen wird.“ Nach zwei Nächten im UKM wird der Sendenhorster wieder entlassen.

Vor der Operation ging es für Ralf Mondorf nicht mal vom Sofa bis zur Toilette, so schwach war er auf den Beinen, so wenig Luft bekam er. Jetzt schafft er auch längere Strecken ohne Atemnot, hat wieder Antrieb und Farbe im Gesicht. Von März bis Dezember hat er neun Kilogramm abgenommen.

Durch die Operation haben wir einen Teufelskreis durchbrochen.

Dr. Rudin Pistulli, Kardiologe am UKM

„Durch die Operation haben wir einen Teufelskreis durchbrochen. Durch die Herzschwäche werden Betroffene auch körperlich schwächer, haben weniger Spaß an Bewegung, nehmen zu, die Herzschwäche wird dadurch schlimmer“, erklärt Dr. Pistulli.

Ralf Mondorf gehört zu den ersten Patienten, die am UKM mit dem neuen Verfahren behandelt wurden. Auf die Frage, ob der Sendenhorster auch anderen Betroffenen zur Operation raten würde, antwortet er: „Wenn die Kriterien passen, würde ich keine Sekunde warten.“ Auch andere Patienten haben mit dem neuen Verfahren am UKM positive Erfahrungen gemacht, berichtet Dr. Pistulli. „Dennoch es ist nicht so, dass wir da ein Ventil im Herzen einsetzen und damit ist alles getan. Der gesamte Körper muss sich dann anpassen.“ So tritt Herzschwäche häufig in Kombination mit anderen Erkrankungen auf – bei dem 67-Jährigen sind es Rückenprobleme. Ralf Mondorf weiß: „Ich bin zwar nicht gesund, aber ich bin auf einem guten Weg.“

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