Interview mit Professor Stephan Ludwig
Virologe aus Münster kritisiert Konzentration auf Corona-Impfstoff

Münster -

Der Virus-Experte der Uni Münster, Professor Stephan Ludwig, warnt davor, in der Debatte um einen Corona-Impfstoff die Suche nach Medikamenten zu vernachlässigen. „Wer im Moment infiziert im Krankenhaus liegt und beatmet wird, dem hilft kein Impfstoff. Der braucht ein Medikament“, sagte der Direktor des Instituts für Molekulare Virologie der Universität Münster und Mitbegründer des Unternehmens „Atriva Therapeutics“.

Samstag, 21.11.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 21.11.2020, 13:46 Uhr
Interview mit Professor Stephan Ludwig: Virologe aus Münster kritisiert Konzentration auf Corona-Impfstoff
Virologe Stephan Ludwig: „Wenn Egoismus, Gedankenlosigkeit und pure Blödheit zusammenkommen, hat man ansteigende Infektions­zahlen.“ Foto: privat

Herr Ludwig , würden Sie auch gerne so in der Öffentlichkeit stehen wie Ihr Kollege Christian Drosten von der Charité ?

Ludwig: No way. Ich bin so froh, dass ich das nicht bin. Ich hatte Anfragen, und hab das alles abgeblockt. Ich sehe mich in keinen Talkshows. Das sind ja Formate, die einem nicht guttun. Sie bedienen diese Empörungskultur, nach der sich die Zuschauer immer über irgendetwas aufregen müssen. Dafür sucht man Leute, die Öl ins Feuer gießen. Markus Lanz und Maybrit Illner bekämpfen mit ihren Shows sicher keine Pandemie. Das ist nicht meine Welt. Deswegen bin ich heilfroh, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen ist.

Haben Sie denn auch schon mal schlechte Erfahrungen gemacht?

Ludwig: In Zeiten der Schweinegrippe habe ich mich mehr in diese Dinge hineinziehen lassen. Das kostet unglaublich viel Zeit und bringt unglaublich viel Ärger. Einige meiner Kollegen müssen in den sozialen Medien Morddrohungen ertragen. So etwas brauche ich überhaupt nicht. Wir setzen uns lieber ins Labor und arbeiten konzentriert an einem Medikament, damit wir dann hinterher wirklich etwas haben, mit dem wir die Krankheit bekämpfen können.

Wie weit sind Sie da schon gekommen?

Ludwig: Wir forschen an einem Medikament für Sars-CoV-2-Patienten, das sehr gute Verträglichkeit gezeigt hast und in Kürze tatsächlich schon an infizierten Probanden getestet wird.

Das regelt das neue Infektionsschutzgesetz

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  • Am Mittwoch wurden Änderungen am Infektionsschutzgesetz beschlossen. Doch was regelt dieses Gesetz überhaupt?

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  • Im Gesetz ist jetzt die Möglichkeit für eine Maskenpflicht verankert.

    Foto: Federico Gambarini
  • Auch die Möglichkeit für Kontaktbeschränkungen sind im Infektionsschutzgesetz geregelt.

    Foto: Oliver Berg
  • Ebenso steht in dem Gesetz, wann die Gastronomie geschlossen werden kann.

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  • Ebenso ist die Absage von Veranstaltungen geregelt.

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  • Wann gelten welche Reisebeschränkungen? Auskunft gibt das geänderte Infektionsschutzgesetz.

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  • Wann Schulen und Kitas geschlossen werden, ist ebenfalls geregelt.

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  • Risikogruppen sollen zuerst geimpft werden, aber auch allen anderen - unabhängig von der Krankenkasse - steht die Möglichkeit offen, heißt es in dem Gesetz.

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  • Auch ein mögliches Alkohol-Konsum-Verbot ist verankert.

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  • Alles Maßnahmen dürfen nur zeitlich beschränkt werden und müssen verhältnismäßig sein, heißt es.

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  • Eltern sollen einen Verdienstausfall bekommen, wenn das Kind in Quarantäne muss.

    Foto: Felix Kästle
  • Keinen Verdienstausfall gibt es für Reise-Rückkehrer aus Risikogebieten.

    Foto: Colourbox.com
  • Das Infektionsschutzgesetz schafft immer noch keine komplett einheitliche Regelungen. Die Bundesländer können weiterhin eigene Verordnungen herausgeben.

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Was kann das denn?

Ludwig: Jedes Virus braucht eine Zelle, um sich zu vermehren, und ist deswegen abhängig von den Faktoren einer Zelle. Wir haben einen spezifischen Faktor identifiziert, den auch das Corona-Virus braucht, um sich vermehren zu können. Mit diesem Wissen und einem darauf abgestimmten Hemmstoff können wir die Vermehrung des Virus erschweren. Das klappt sehr, sehr gut. Außerdem normalisiert das Medikament bei einem sehr schweren Verlauf von Sars-CoV-2 auch die überschießende Immunantwort.

Die was?

Ludwig: Gerade bei schweren Infektionen mit Sars-CoV-2 kann es passieren, dass das Immunsystem viel zu viele Botenstoffe ausschüttet. Eigentlich sollen die das Virus abwehren. Werden die aber in zu großen Mengen produziert, richten sie sich gegen den eigenen Körper.

Warum beteiligen Sie sich denn nicht an dem Wettlauf um einen neuen Impfstoff?

Ludwig: Zum einen haben wir hier kein ausgewiesenes Impfstofflabor. Weil das alles sehr schnell gehen muss, sind da jetzt die Labors aufgerufen, die das schon seit Jahren und Jahrzehnten machen. Wir forschen stattdessen auf dem Gebiet der antiviralen Medikamente. Es wird immer wieder auch infizierte Personen geben. Für die muss man auch etwas tun. Wer im Moment infiziert im Krankenhaus liegt und beatmet wird, dem hilft kein Impfstoff. Der braucht ein Medikament.

Was halten Sie denn dann von der Aufregung um den Impfstoff?

Die Vorbereitungen auf die globale Verteilung von Covid-19-Impfstoffen läuft bereits auf Hochtouren.

Die Vorbereitungen auf die globale Verteilung von Covid-19-Impfstoffen läuft bereits auf Hochtouren. Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Ludwig: Impfstoffe und Medikamente sind eigentlich immer gleich wichtig. Insofern ist es auch ein bisschen unglücklich, dass man sich in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung extrem auf die Impfstoffe stürzt und da auch sehr viel Geld investiert – mehr als in die Forschung für Medikamente, mit denen wir akut die Krankheit bekämpfen können und für die sehr, sehr wenig getan wird. Da gibt es kaum signifikante Unterstützung. Die ganzen Firmen, die Impfstoffe herstellen, sind in aller Munde und werden mit Millionen auch vom Staat gefördert. Entsprechendes für ein Unternehmen, das Medikamente herstellt, habe ich bislang noch nicht gesehen. Meiner Ansicht nach ist ein Umdenken nötig, damit die Entwicklung von Impfstoffen und Medikamenten den gleichen Stellenwert bekommt.

Wir Laien haben ja bis vor Kurzem geglaubt, dass es in der Forschung entweder ein Falsch oder ein Richtig gibt. Maske oder keine Maske? Impfen oder nicht impfen? Lockdown oder kein Lockdown. Aber so einfach ist es nicht.

Ludwig: Das kommt in der Öffentlichkeit manchmal falsch an oder wird von den Medien provokativ dargestellt. Dieses Virus kannte früher niemand. Wir haben im Laufe der Zeit ganz viel gelernt. In der Wissenschaft sind kon­troverse Diskussion gang und gäbe. Die einen Forscher haben andere Ergebnisse als die anderen, die sie miteinander diskutieren und so einen Erkenntnisschub gewinnen. Bei diesen angeblichen Wissenschaftszwisten geht es darum, ob etwas hell- oder dunkelgrau ist – aber nicht, ob etwas schwarz oder weiß ist.

Wissenschaftler beeinflussen inzwischen viele gesellschaftliche Fragen.

Ludwig: Da tun sich einige keinen Gefallen. Wenn einige meiner Kollegen anfangen, gesellschaftspolitische Empfehlungen zu geben, dann gehen sie zu weit. Es ist ein Unterschied, was wir aufgrund unserer Expertise aussagen und empfehlen können und was die Politik dann daraus macht.

Mein Hausarzt hat mir einen zwanzigminütigen Vortrag über das Staatsversagen der Bundesrepublik Deutschland gehalten, weil viele Herzinfarkt- und Schlaganfall-Patienten wegen Corona nicht ins Krankenhaus gekommen sind. Was glauben Sie: Wie viel ist in den letzten Monaten richtig und wie viel ist auch falsch gelaufen?

Ludwig: Sie können Ihren Hausarzt ja mal fragen, in welchem Land es denn besser gelaufen ist. Ich kenne kein anderes Land der Welt, das zum Beispiel von der Bevölkerungsdichte mit uns vergleichbar wäre, und wo es besser gelaufen wäre. In Italien geht es wieder los, in Frankreich sind die Zahlen so hoch, dass man nur mit den Augen rollen kann. Belgien Holland, Spanien, überall. Bei uns ist es immer noch einigermaßen unter Kontrolle. Natürlich gab es auch Fehler. Wahrscheinlich war es falsch, im Frühjahr alle Schulen und Kindergärten zu schließen.

Alle Bundestrainer, die Jogi Löw früher erklärt haben, wie man Fußball spielt, sind Anfang März mir nichts, dir nichts zu Virologen geworden.

Ludwig: Absolut. Jeder weiß Bescheid. Als Virologe finde ich es tatsächlich interessant, wie viel die Menschen mittlerweile angeblich wissen. Vieles steht allerdings im kompletten Gegensatz zu dem, wie ich es selber sehe. Wir wissen über dieses Virus noch gar nicht gut Bescheid. Zum Beispiel wissen wir überhaupt noch nicht, warum die Krankheit bei einigen lebensgefährlich verläuft und bei anderen nur sehr vernachlässigbar Symptome macht. Das muss irgendetwas mit dem Immunstatus oder mit den Genen zu tun haben.

Haben Sie noch ein kleines Lob für uns Laien, wie wir mit dem Virus umgehen?

Ludwig: Ich habe das Gefühl, dass die Bevölkerung in großen Teilen verantwortungsvoll mit der Pandemie umgeht und zu schätzen weiß, was die Wissenschaftler herausfinden – trotz der Corona-Leugner. Es gibt heute aber leider doch einige schwarze Schafe aus der „Unterm-Strich-zähl-ich-Fraktion“, die mitverursacht haben, dass wir jetzt wieder härtere Maßnahmen ertragen müssen. Der Anstieg kommt nicht durchs Wetter. Es gibt am Ende drei Faktoren für so einen Anstieg. Der eine ist Egoismus, der zweite ist Gedankenlosigkeit und der dritte ist pure Blödheit. Wenn diese drei Dinge zusammenkommen, hat man ansteigende Infektionszahlen. Das ist sehr bitter.

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