Forschen und Heilen
Geborgen in einer Welt der Töne

Die voreilig auf die Welt gekommene Xeniabe kommt regelmäßig von Verena Lodde Besuch. Zwischen all den Pflastern, Schläuchen und Sonden versucht die Musiktherapeutin Xenia und den anderen Frühchen auf der Station Geborgenheit und Wohlbefinden zu vermitteln.

Freitag, 27.01.2012, 16:01 Uhr

Forschen und Heilen : Geborgen in einer Welt der Töne
„Hallo, liebe Xenia“: Musiktherapeutin Verena Lodde begrüßt ihre Patientin mit sanften, ruhigen Gitarrentönen. Im Arm der Mutter fühlt sich die Kleine schnell geborgen. Foto: Wilfried Gerharz

Behutsam, auf leisen Sohlen, nähert sich Musiktherapeutin Verena Lodde dem Bettchen. Ihr erster Blick gehört dem aus tiefem Schlaf erwachenden Mädchen, der zweite wandert zum Kontroll-Monitor herüber. Vorsichtig holt die 27-Jährige ihre Gitarre aus der Hülle, zupft probeweise zwei, drei Akkorde, beginnt dann den Begrüßungssong: „Hallo, liebe Xenia“. Fortan tönen sanfte Weisen durch den abgedunkelten Raum, verbreiten heimeliges Flair. Irgendwann legt die Nottulnerin das Griffbrett zur Seite, schaut sich die im Display aufblinkenden Werte genauer an – Daten zur Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung des Blutes, die sie sorgfältig im Erhebungsbogen vermerkt.

Xenia, gerade zehn Wochen alt, kam im Oktober am Ende des sechsten Monats voreilig auf die Welt. Seitdem zählt sie auf der Frühgeborenen-Station des Universitätsklinikums Münster (UKM) zu den jüngsten Patientinnen und Patienten, wird von Lodde nach Absprache mit Medizinern und Pflegepersonal regelmäßig besucht. Die Betreuung ist Teil eines Modell-Projekts, das die hiesige Sektion des Vereins „Das frühgeborene Kind“ und Professor Dr. Heymut Omran, Chef der Kinderklinik, mitsamt seinem Ärzteteam im Januar 2011 erfolgreich einrichteten – dank großzügiger Zuschüsse durch den „Herzenswünsche“-Fonds. Mittlerweile profitierten schon über 60 Babys davon.

Uta Steyvers , Vorsitzende der Initiative, hatte zuvor in etlichen Feldstudien gelesen, wie positiv sich Musik als Medium auswirkt. Voller Elan berichtete sie dem Vorstand von der Lektüre. „Wir brauchten uns gar nicht lange auszutauschen“, erinnert sich Steyvers‘ Stellvertreter Jörg Vetter an den Entscheidungsprozess, „die Idee, so etwas auch hier zu organisieren, begeisterte jeden.“ Mit Lodde wurde alsbald die geeignete Fachfrau gefunden. Heute zählt die Neonatologie im UKM zu den wenigen Standorten in Deutschland , die mit einem solchen Angebot aufwarten: „Eine passende Ergänzung zu der hervorragenden Behandlung, die man dort ansonsten erhält."

Was die Runde um Steyvers an dem Vorhaben faszinierte, waren dessen offensichtlichen Vorzüge: So zielt es darauf ab, den durch die vorzeitige Geburt jäh eingetretenen Verlust sämtlicher „intrauteriner, emotionaler Stimulierungen im Mutterleib“ zumindest partiell wieder auszugleichen. Laut Lodde demnach eine auf das jeweilige Individuum bezogene Kompensation für jene „Klänge, Schwingungen oder Vibrationen“, die den Fetus ab der zweiten Schwangerschaftshälfte erreichten, nun aber aufgrund des Klinikaufenthalts fremden, irritierenderen Sinneseindrücken weichen.
„Abgetrennt von der bisherigen, mütterlichen Nestwärme“, erläutern Oberärztin Dr. Isabell Hörnig-Franz und Stationsleiterin Barbara Jansen die inneren Abläufe, „geraten die Kleinen schlagartig in eine komplexe Umgebung, deren Reize das Gehirn kaum aufzunehmen versteht.“ Vieles ist fremd, ungewohnt – die laute Geschäftigkeit eines hoch technisierten Krankenhaus-Betriebs, das Wimmern und Weinen der übrigen Sprösslinge nebenan. Außerdem müssen Frühchen einschränkende Bewegungsmöglichkeiten und abweichende Temperaturverhältnisse bewältigen, sind zusätzlich permanenten Untersuchungen ausgesetzt. Pflaster, Schläuche, Sonden – Bedingungen, die oft Stress erzeugen, „dabei einen Teil der Energie aufzehren, die für Wachstum und Entwicklung dringend benötigt wird.“

In eben diesen Situationen, betont Hörnig-Franz, gelte es, sich der Musik als „Intervention zwischen Anregung und Entspannung“ zu bedienen. Sie schaffe Geborgenheit, vermittele Sicherheit, festige die seelische Balance, stärke die auseinandergerissene Bindung zum Kind – und unterstütze wichtige Körpermechanismen: Weil Neugeborene oft unregelmäßig Luft holen würden, seien die dem Atemrhythmus angeglichenen Melodien überaus wertvoll, um den Organismus zu regulieren. „Ferner“, fügt Jansen hinzu, „helfen sie mit, Funktionen wie die Kalorienaufnahme oder Schmerztoleranz zu begünstigen.“ Je relaxter daher die Atmosphäre, desto besser der Allgemeinzustand.

„Ein Konzept, das die Familien bewusst einbezieht“, sagt Lodde. Häufig stünden sie – teils traurig, teils enttäuscht – vor dem Inkubator, empfänden Sorgen, Ängste, Ohnmachtsgefühle. „Gerade deshalb möchte ich die Eltern motivieren, für ihre Schützlinge, aber auch für sich selbst Angenehmes zu tun“ – durch gemeinsames Singen, gemeinsames Improvisieren, begleitet von innigen Zuwendungen. „So entsteht ein privater, intimer Zusammenhalt, der die Beteiligten frische Kräfte sammeln lässt.“ Sensible Interaktionen, bei denen Sprache und Stimme der Mutter – weil vertraut – besonders präferiert werden. Um derlei Momenten richtige Impulse zu geben, besitzt die Expertin einen prall gefüllten Reisekoffer mit Instrumenten – darunter verschiedene Resonanzkörper wie die Sansula. Und ein Ocean-Drum zur Imitation der einst pränatal wahrgenommenen Geräusche findet sich in den Taschen ebenfalls.

Valentina Rat, die Mama der mittlerweile munter gewordenen Xenia, erzählt: „Super, wie unser Schätzchen auf Lieder reagiert. Die scheinen ihm zu gefallen, denn es verhält sich merklich ruhiger.“ Zunächst, die Münsteranerin gesteht’s gerne ein, vermochte sie Loddes Anwesenheit auf der Station nicht recht einzuschätzen, inzwischen aber will sie deren 20-Minuten-Einheiten nicht mehr missen. „Die macht einen tollen Job, sehr feinfühlig, sehr taktvoll. Mit guten Anregungen.“ So weiß Rat von zahlreichen Erwachsenen, „mich inbegriffen“, die dann, wenn der Publikumsverkehr auf der Station abflaut, plötzlich intuitiv zu summen beginnen.

Dass mit der Musiktherapie ein „absoluter Volltreffer“ gelang, wurde Vereinsvertreter Vetter in Gesprächen mit betroffenen Eltern ausdrücklich bestätigt: „Kaum zu glauben, wie inständig man sich bei uns bedankt – nur positives Echo.“ Deshalb soll „alles Erdenkliche“ unternommen werden, um das Programm fortzuführen.

Da es aber bislang im Leistungskatalog der Krankenkassen nicht auftaucht, muss die Finanzierung mit ehrenamtlichem Engagement und Spendenbereitschaft bewerkstelligt werden: „Ohne die Unterstützung von Sponsoren wären wir aufgeschmissen.“ Umso mehr freut es ihn, dass der münsterische Leo-Club die aktuellen Einnahmen aus dem letzten Adventskalender-Verkauf stiften will. | www.Fruehchenverein-muenster.de

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