Forschen und Heilen
Schleichender Prozess

Parkinson – eine Krankheit, die oft schleichend beginnt. An der Universitätsklinik werden jährlich rund 1000 Patienten betreut. Exakte Untersuchungen sind nötig, um anschließend die individuelle Therapie auf das Stadium der Erkrankung einzustellen.

Samstag, 21.04.2012, 01:04 Uhr

Forschen und Heilen : Schleichender Prozess
Dr. Sonja Suntrup gehört zu der Forschungsgruppe, die den Zusammenhang zwischen Parkinson und Schluckstörungen untersucht. Dieses Gerät misst die Hirntätigkeit während des Schluckens. Foto: Jürgen Peperhowe

Walter Winter ist 76 Jahre. Glücklicher Ehemann, Vater und Großvater. Zufriedener Pensionär mit Zeit für Hobbys. Begeisterter Sänger, begeisterter Sportler. Und noch eins ist er: ein Bilderbuch-Patient. Der Ochtruper hat Parkinson. Eine Krankheit, die schleichend begonnen hat – und von der er sich keineswegs unterkriegen lässt. Regelmäßige Untersuchungen, exakte Einnahme der verordneten Medikamente – und die eigene, positive Haltung, das Leben dennoch zu genießen und dafür alles zu tun, prägen seinen Alltag. Von dem er heute voller Überzeugung sagt: „Ich bin gut zufrieden. Meine Lebensfreude ist wieder da.“

Das war nicht immer so. Denn am Anfang, als die ersten Symptome zeigten, „da stimmt was nicht“, da war eine Zeit der Unsicherheit, auch der Angst, was auf ihn zukommt.

„Das geht vielen Betroffenen so“, versichert Dr. Tobias Warnecke . Der Neurologe im Universitätsklinikum berichtet von Patienten, die zunächst oftmals beim Orthopäden landen: „Weil sie Beschwerden verspüren, die in die Fachrichtung weisen. Zum Beispiel Schmerzen in der Schulter, Probleme im Arm“, nennt er Beispiele. Oft werde dann geröntgt – ohne etwas zu finden. Insgesamt trete bei Parkinson zunächst auch eine Verlangsamung der Bewegung überhaupt auf: „Die Betroffenen merken das oft aber erst, wenn die Beschwerden schon längere Zeit andauern“, berichtet der Experte. Auch die Mimik verändere sich, später können Schluck-, manchmal auch Sprechstörungen folgen.

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Dr. Tobias Warnecke - Neurologe im Universitätsklinikum.

So war es auch bei Walter Winter. Er erinnert sich gut, dass sein Arm immer steifer wurde, unbeweglich. Dass seine Hand leichte Flatterbewegungen machte: „Besonders beim Rasieren fiel mir das auf.“ Sein Hausarzt überwies ihn zum Neurologen. Und dem reicht fast schon der Blick auf seinen Gang: „Laufen Sie mal ein paar Schritte“, fordert er Walter Winter auf. Und diagnostiziert: „Sie haben Parkinson.“ In der Rückblende fällt seiner Ehefrau auf: „Dein Gang hatte sich da schon längere Zeit verändert.“ Manchmal sei er durch die Räume „geschlufkert“. Eine Bedeutung beigemessen habe sie dem aber gar nicht.

Der Arzt verordnet Tabletten. Walter Winter nimmt sie – und spürt keine Linderung. Im Gegenteil. „Ich bekam auch noch Gleichgewichtsstörungen“, blendet er zurück. Er fühlt sich schlecht, die Einschränkungen machen ihm zu schaffen. Besonders als er merkt: „Mein Sohn spricht mit mir, ich will antworten und kriege nichts richtig raus.“ Weitere Gänge zu Ärzten bringen nur das Ergebnis: „Damit müssen Sie leben.“

„Muss man nicht“, sagen Dr. Warnecke und seine Kollegin Dr. Sonja Suntrup energisch. Wichtig sei nur: „Der Patient muss richtig eingestellt sein, das ist bei jedem individuell anders.“ Die Tabletten gleichen den Dopaminmangel im Gehirn aus, der für Parkinson verantwortlich gemacht wird. Und sie lösten die „Steifigkeit“ des Körpers.

Heute kann Walter Winter das alles bestätigen. Er hat sich stationär behandeln und einstellen lassen: „Von da an ging es aufwärts.“ Was er zu Beginn seiner Behandlung nicht wusste: „Die Tabletteneinnahme muss komplett auf die Essenszeiten abgestimmt sein. Entweder eine halbe Stunde vorher oder eine Stunde nachher, sonst wirken die Medikamente nicht.“ All das managt jetzt Ehefrau Sabine. Sie achtet auch darauf, dass er sich nicht übernimmt. „Ein Termin am Tag ist genug, sonst wird es zu anstrengend“, sagt sie fürsorglich – und lässt nicht mit sich handeln.

Die ersten Jahre nach Diagnose und Medikamenteneinstellung nennen Mediziner oft die „Honeymoon-Zeit“. Alles läuft gut, die Therapie wirkt. Nach fünf Jahren, so Dr. Warnecke, müsse oft die Dosis erhöht werden, zudem können immer wieder neue Beschwerden auftauchen. Schluckstörungen zum Beispiel plagen einen Großteil der Parkinson-Patienten. Damit beschäftigt  sich innerhalb des UKM eine Projektgruppe, die untersucht, wie sich die Steuerung des Schluckaktes im Gehirn bei Parkinson-Patienten mit einer Schluckstörung von Gesunden unterscheidet.

Eine Schluckstörung, so betonen die UKM-Neurologen, sei nicht nur unangenehm, sie kann auch bedrohlich werden. „Die Gefahr, sich zu verschlucken, ist groß. Außerdem können Betroffene dann nur schwer ihre Medikamente einnehmen. Sie haben oft eine Lungenentzündung, bekommen Panik bei Atemnot, es kann zu Erstickungsanfällen kommen“, zählen Dr. Warnecke und Suntrup die Komplikationen auf, vor denen sich Betroffene besonders hüten müssen.

Und: Man kann auch als Betroffener vorbeugen. Ein bisschen zumindest. Walter Winter, der ein begeisterter Sänger ist, macht Atem- und Stimmübungen, um die Atem- und Luftwege zu trainieren. „Laut und kräftig sprechen, mit dem ganzen Körper schlucken, laut singen und Ausatmen trainieren“, sind Tipps, die Mediziner den Betroffenen ans Herz legen. Denn: Wichtig sei, dass der Patient mitmache. Walter Winter tut das. Wie war das noch? „Ja, er ist ein Bilderbuchpatient.“

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