Die Spuren des Krieges in Bosnien und eine ängstliche Italienierin
Die Friedhöfe von Sarajevo

In Sarajevo besucht Interrailer Otis eine Verwandte, die ihm die Kulturschätze dieser multi-religiösen Stadt zeigt. Aber auch die Friedhöfe mit den Toten des Jugoslawien-Krieges. Danach fährt er an die Küste mit einer ängstlichen Italienerin.

Sonntag, 25.08.2013, 19:08 Uhr

Die Spuren des Krieges in  Bosnien und eine ängstliche Italienierin : Die Friedhöfe von Sarajevo
Moschee in Sarajevo Foto: Otis Benning

Diesen Post widme ich jetzt mal dem Titel "Fehlplanung". Es ist zwar schwer etwas schwer zu planen, wenn man eigentlich überhaupt keinen Plan hat, aber es kann trotzdem immer was schiefgehen. In Sarajevo angekommen, rief ich Zana an. Zana ist eine Bosnierin und die Patentante meiner Zwillingsschwester. Ich hatte mich schon im voraus angekündigt, jedoch in der Email nur erwähnt, dass ich ''übermorgen'' kommen werde. Natürlich lässt sich übermorgen nicht eindeutig definieren. Es hängt ja von dem Tag ab, an dem man dieses Wörtchen liest.

Darüber hatte ich nicht nachgedacht. So kam es also, dass Zana erst einen Tag später mit mir gerechnet hatte. Zum Glück konnte sie mich dennoch schnell abholen. Ihr Empfang war überragend. Sie lud mich zum Essen ein und zeigte mir noch kurz einen kleinen Teil der Stadt.

Direkt neben dem Bahnhof haben sich die Amis breit gemacht. In jeder Hauptstadt sieht man Botschaften. Meistens fallen sie klein aus. Auch große Länder wie Russland oder China repräsentieren sich meist mit nur mittelgroßen Gebäuden und kaum wahrnehmbaren Sicherheitseinrichtungen. Das einzige Land der Erde, welches immer gut gesicherte Gebäudekomplexe besitzt, sind die USA. Es ist mehr spannend als störend, amerikanischen Sicherheitskräften dabei zuzugucken, wie sie mit schweren Geschützen versuchen, eine vollkommen leere Straße zu sichern. Zugegeben macht es einen auch nervös, direkt vor einem mit einer Maschinenpistole bewaffneten Sicherheitsmann zu stehen. Dieser stolzierte auf der Straße vor der Botschaft herum. Anscheinend sollte er für die Sicherheit des Rasens vor dem Zaun der Botschaft sorgen. Als ob das nicht genügte, stellte die Botschaft noch ein Schild auf. Hunde sind auf dem Rasen genausowenig erlaubt wie Waffen.

Vom Reisen schon sehr müde, entschied ich mich, schnell ins Bett zu gehen. Die Nacht war ein wahrer Traum. Kein Hostelfeeling. Keine Leute, die einen noch spät in der Nacht aufwecken, keine Musik von draußen, keine sich anstauende Hitze. Wunderbarer, dachte ich, konnte es gar nicht werden. Doch dann kam die Dusche am morgen, das Frühstück, welches Zana, bevor sie zur Arbeit ging, schon vorbereitet hatte. Der Ausblick aus dem Fenster auf das rege Treiben in Zanas Wohngebiet.

Während alle Menschen herumrannten, irgendein Ehepaar auf der Straße einen Streit anfing, saß ich in meiner kleinen Oase mit einem Kaffee und selbst gebackenem Brot und selbst gemachter Marmelade, deren Früchte jemand im Wald sammelte. Um ca. 12 Uhr verließ ich dann das Haus, um mit einer alten deutschen Straßenbahn in die Innenstadt zu fahren.

Zana wollte mich herum führen und nahm sich extra frei dafür. Nach ein paar Stopps, bei denen immer ein kleines rotes Lämpchen aufflackerte mit der Aufschrift "Wagen hält", kam ich direkt im Zentrum an. Zana stand direkt gegenüber einer Moschee, sie erzählte mir, dass sie eine der Ältesten in ganz Sarajevo wäre. Auf Anhieb gefiel mir die Bauweise. Diese runde Kuppeln mit dem hohem Turm haben auf mich eine irgendwie beruhigende Wirkung.

Ich bin zwar in keiner Weise ein Fan von Religionen aller Art, aber wenn man in Sarajevo ist, dann sollte man sich doch so viele religiöse Häuser ansehen wie man kann. Orthodoxe, Jüdische, Islamische und Christliche Gemeinden schmiegen sich in Sarajevo aneinander. Wenn man dort ist, dann kann man sich gar nicht vorstellen, dass dort je ein Krieg stattgefunden hätte.

An die graue Vergangenheit Sarajevos erinnern aber überall in der Stadt noch Häuser, die von Einschusslöchern nur so übersät sind. Zana führte mich nicht nur im Zentrum von Sarajevo herum. Wir besuchten auch ein Museum außerhalb des touristischem Zentrums. Eine reiche Familie baute sich damals einen großen Gebäudekomplex. Dieser veranschaulicht heute Besuchern, wie man vor vielen Jahren als reicher Mensch leben konnte.

Außerdem ging unser Rundgang noch auf einen Friedhof . Überall um Sarajevo herum sind groß angelegte Friedhöfe zu finden. Die Todesdaten erstrecken sich oft vom Jahre 1990 bis 1994. In Sarajevo alleine kamen während des Krieges mehr als 10.000 Menschen um. Eingekesselt von Bergen, auf denen sich Truppen versammelten, die von weitem auf die Stadt und ihre Bewohner feuerten, gab es für viele kein Entkommen.

Der Konflikt hinterließ auch auf dem Schienennetz in Ex-Jugoslawien seine Spuren. Früher fuhren oft Züge bis nach Deutschland durch, Sarajevo war ein wichtiger Knotenpunkt und Umschlagplatz im europäischen Osten, jedoch gibt es heute nur noch wenige Verbindungen am Tag, die einen mit 50 km/h weiter in den Norden bringen.

Ich verließ Sarajevo nach zwei Übernachtungen bei Zana mit dem Bus. Mein Ziel war Kroatiens Küstenstadt Split. Von dort aus, so plante ich es zumindest, wollte ich irgendwie noch schnell nach Polen kommen, ohne durch Städte fahren zu müssen, die ich bereits besichtigt hatte.

Im Bus saß neben mir eine Italienerin auf Heimreise. Sie hatte unheimlich viel Angst vor Reisebussen, Flugzeugen und Schiffen, musste sich aber für eines entscheiden. So fuhr sie mit den Bus nach Split, um von dort aus mit der Fähre weitere acht Stunden nach Italien überzusetzen. Es war sehr lustig, ihr zuzuhören bzw. sie zu beobachten.

Jeder noch so kurze Tunnel bedeutete für sie einen halben Nervenzusammenbruch. Ihr Magen rebellierte ein wenig und um sich abzulenken wiederholte sie bosnische Wörter vom Radiosprecher. Meine Tipps und Vorschläge, was noch evtl. gegen ihre Panikattacken helfen könnte, z.b. einfach mal die Augen zu schließen nach dem Motto "Augen zu und durch", fanden bei ihr keinen Anklang.

Im Bus befanden sich zu meinem Glück noch vier andere Deutsche. Sie hatten schon ein Hostel gebucht und überredeten den Vermieter, noch ein Zustellbett zu genehmigen. Wir besichtigten die Partystadt Split dann im Mondlicht, doch mein Hang zur Müdigkeit zwang mich, die Anderen früh alleine zu lassen. Ich informierte mich noch über jegliche Reisemöglichkeiten von Split nach Ljubiana, wollte aber auf keinen Fall über Zagreb fahren, denn dort war ich schon einmal.

Leider gibt es von Split aus keine andere Möglichkeit irgendwohin zu kommen, ohne über Zagreb zu fahren (abgesehen von einem Nachtzug, der direkt nach Prag führt, für die nächsten paar Wochen aber komplett ausgebucht ist). So sitzte ich nun in einem wunderbaren Hostel namens "Taban-Hostel" in Zagreb, warte den heutigen Tag ab, um morgen weiter nach Ljubliana zu fahren. Ich habe hier zwei Nächte gebucht, um meine Wäsche zu waschen und ein bisschen runterzukommen.

Reisen ist schön und sauinteressant aber auch genauso anstrengend und ermattend. Ich freue mich schon auf zwei Tage Luxushotel in Prag. Zu meinem Glück regnet es heute schon den ganzen Tag und das Klima liegt gefühlt bei 15 Grad. Ich habe meine lange Jeans heraus gekramt und einen Wollpulli an. Ich habe nicht gedacht, dass ich beides auf meinem Trip brauchen werde, jedoch in weiser Voraussicht alles einfach mal eingepackt. Ein guter Westfahle ist eben auf alles vorbereitet.

Grüße aus Zagreb, Otis  

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