Gröhlende Fußballfans und Vourteile über deutsche Hitler-Begeisterung
Fünf-Sterne-Luxus zum Schluss

Alles Gute hat ein Ende. Die Interrailreise des WN-Reporters Otis endet in Prag. Standesgemäß im Fünf-Sterne-Hotel. Es könnte alles so easy sein, wenn es keine gröhlenden Fußballfans gäbe. 

Mittwoch, 04.09.2013, 10:09 Uhr

Die Zeit in Zagreb ging harmlos vorüber. Mein Sechs-Bett-Zimmer blieb für die Nacht leer und eine Einladung zum Feiern von mehreren Briten im Nebenzimmer schlug ich aus. Die Pause hatte ich mir redlich verdient. Am nächsten Tag nahm ich einen frühen Zug und traf in diesem auf zwei weitere deutsche Reisende. Zwei Mädchen, beide erst 17 und Zwillinge, hatten eine vergleichbare Interrail-Reise hinter sich gebracht. Ihr Interrail-Ticket-Umschlag war nicht weniger gefüllt als meiner und wir plauderten eine Weile über unsere Erlebnisse.

In Ljubljana trennten wir uns wieder und ich lief zu meinem schon reservierten Hostel . Das bei „Hostel-Bookers“ mit den besten Bewertungen versehene Hostel „Villa Veselova“ lag direkt im Botschaftenviertel und unterschied sich nicht wesentlich in der Bauweise von der österreichischen oder auch deutschen Botschaft . Schöne und geschmackvoll eingerichtete Räume mit Kochmöglichkeiten im Altbaustil zogen sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich würde sogar behaupten, dass dies das beste Hostel meiner ganzen Reise war.

In diesem Hostel lernte ich einen australischen Musiker kennen, der als Festangestellter in einem Orchester gerade auf Durchreise war. Humorvoll erklärte er mir kurz die australische Weltansicht. Die Inselbewohner sehen sich vom Weltgeschehen eher unangetastet. Ob in Europa oder auf dem Mars Krieg ausbrechen würde, das wäre für die Australier fast gleichbedeutend. Die einzige dem Australier bekannte Kriegsgeschichte des zweiten Weltkrieges, die ihren Kontinent direkt betraf, war ein vorbeifahrendes U-Boot irgendeiner Armee. Natürlich schicke man auch Soldaten irgendwohin, das würde ihn aber eher weniger interessieren.

Ein gemütliches Land, dachte ich mir. Nach einer eher schlechten Tütensuppe machten wir uns auf einen kurzen Spaziergangs durch die slowenische Hauptstadt. Die Bezeichnung „Stadt“ hat Ljubljana aber fast nicht verdient. Eher versprüht dieser Ort einen gemütlichen Dorfcharakter. Auf unserem Weg trafen wir die beiden deutschen Mädels wieder. Wir luden sie auf ein paar Bier ins Hostel ein und fragten bei der Rezeption nach einem Ausgehtipp. Sie verwies zwar auf den Wochentag – Montag - aber es sollte irgendwo ein Rockfestival stattfinden.

Wir luden einen weiteren Australier, er war gerade erst eingetroffen, dayu ein, uns zu begleiten,  und machten uns zu Fuß auf den Weg. In Ljubljana erreicht man so ziemlich jeden Fleck in 15 Minuten, so auch das „Rock“-Festival. Gespielt wurde kein Rock. Ein DJ mixte irgendwelche Techno-Songs mithilfe seines riesigen Mischpults und ein paar Leute bewegten sich wie in Trance zu der Musik. Keiner von uns kam aber wirklich auf den Geschmack und wir verzogen uns nach einem Guinness wieder zurück zu unserem Ausgangspunkt. Die beiden Mädels verschwanden in ihr Hostel und wir in unsere Betten. Das Frühstück mit einem echten Kaffee, Kaffee aus einer Kaffeemaschine, also kein blödes instantpulver, erleichterte mir das Aufstehen.

Quer durch die Stadt, von Regenschauern begleitet, stapfte ich zum Hauptbahnhof. Meine nächste Station sollte zum wiederholten Male Wien sein. Um nach Prag zu kommen, ist dieser Stopp von Ljubljana aus unausweichlich. Zum Glück konnte ich dort wieder bei einer Bekannten schlafen, Edwina – eine Freundin von Karo, bei der ich während meines letzten Besuches eine Bleibe gefunden hatte, nahm mich für eine Nacht auf. Viel bekamen wir beide nicht voneinander zu sehen. Sie musste lernen und ich war zu müde, um noch etwas in Wien zu unternehmen.

Um halb acht am nächsten Morgen nahm ich einen direkten Zug nach Prag und kam um halb zwei dort an. Am Bahnhof wartete schon Kira. Sie ist eine Schulfreundin, mit der ich dann zwei Tage in Prag verbringen wollte. Ich hab vielleicht schon von dem Gutschein für das fünf Sterne Hotel „Zlata Husa“ in Prag erzählt. Eine Theaterfreundin von mir hatte diesen gewonnen, konnte selbst aber in dem dafür vorgesehenen Zeitrahmen nicht nach Prag reisen. Ihr Angebot, den Gutschein für das Zweibettzimmer für sie einzulösen, nahm ich vor meiner Reise dankend an.

Ein kurzer Fußmarsch vom Bahnhof und wir waren dort. Das Hotel überragte alle meine bisherigen Stationen. Der Gutschein bescherte uns zwei Willkommensgetränke, zwei Frühstücke im VIP/Bereich, Sekt und Erdbeeren auf dem Zimmer und wenn möglich auch ein kostelonses Upgrade in ein Apartment des gleichen Hotels. Diesen letzten Komfort konnten wir leider nicht in Anspruch nehmen. Dennoch war die Ausstattung unseres Zimmers (25 m²) auch nicht zu verachten. Marmor im Badezimmer, eine Badewanne mit Whirlpool/Ausstattung und der Sekt waren nicht schlecht. Die Marke „Ambassador“ war wohl hauseigen.

Für die Besichtigung der Stadt hatten wir zwei Tage Zeit. Die erste Stadt übrigens, in der ich wirklich das Ziel hatte, alle Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen. Wir nutzten das in allen Städten Europas vorhandene „Hopp on hopp of“-Angebot und ließen uns Prag zeigen und erklären. Nach zwei Tagen hatte ich dann genug von dieser Touri-Tour und wir änderten den Plan. Eigentlich wollten wir noch eine weitere Nacht in Prag verbringen, jedoch buchten wir einen Nachtzug zurück nach Bielefeld, um von dort aus weiter Richtung Heimat zu düsen.

In den letzten drei Stunden hatten wir schon keine Ahnung mehr, was wir eigentlich noch in Prag zu tun hatten und zogen uns eine Pizza rein. Ein bisschen verwundert verfolgten wir die immer größer werdende Ansammlung von Polizisten in der Nähe des Hauptbahnhofs. Grölende Bayern-München Fans gaben uns auf die Frage nach den vielen Polizisten eine Antwort. Bayern gegen Chelsea am Abend, da muss man schon ab zehn Uhr morgens anfangen zu saufen. Dem Fußball will ich ja nicht die Schuld geben aber den Fans würde ich gerne mal sagen, dass es sich einfach nicht gehört, in eine Stadt zu kommen, in ein fremdes Land, um dort zu saufen, rumzugrölen, den Polizisten die Arbeit schwer zu machen und den Einwohnern der Stadt auf den Sack zu gehen. Mal ganz ehrlich. Besauft euch zuhause. Fußball wird meist auch im Fernsehen übertragen und zuhause stört ihr höchstens eure Nachbarn.

Fremdschämend verschwanden wir im Zug und fanden dort einen Indonesier vor, der uns interessiert über Deutschland ausfragte. Schockiert stellten wir fest, dass er glaubte, die Deutschen würden Hitler als Helden sehen, leider hatte er aber auch Beispiele, Geschichten von Freunden, die in Deutschland studierten, die das belegten. Zumindest konnten wir sagen, dass dies nicht in ganz Deutschland und bei der Mehrheit der Deutschen der Fall wäre. Trotzdem, sagte er uns, würde er lieber in den Niederlanden studieren. Die wären freundlicher zu Ausländern und außerdem hält die Niederlande wohl auch gute Kontakte zu ihrer ehemaligen Kolonie.

Um sieben Uhr morgens am Samstag endete dann meine interrail-Reise endgültig in meiner Heimatstadt Ibbenbüren. Melancholie stellte sich aber nicht ein, eher die Müdigkeit, weil im Zug an Schlaf fast nicht zu denken war. Am Abend musste ich für die zweitgrößte Stadtkirmes NRWs ja wieder fit sein. 

Fragt mich irgendwer, was das Beste an der Reise gewesen wäre, dann fällt es mir schwer, zu antworten. Es ist viel passiert und ich habe unzählige Leute getroffen. Ich würde mich gerne bei allen bedanken, jedoch habe ich nie nach Kontaktdaten gefragt. Wer das Lied „Heute hier morgen dort“ von Hannes Wader kennt, der kann sich meine Reise so vorstellen. Das Lied beschreibt nahezu perfekt, was und wie ich meine Reise angefangen und beendet habe. Abgesehen von dem Fakt natürlich, dass es bei mir nur ein Monat war, den ich durchgereist bin.

Jetzt bin ich pleite, bin wieder abhängig von meinen Eltern und die Schule lässt auch nicht weiter auf sich warten. Im nächsten Jahr bin ich endlich von meinen Pflichten als Schüler befreit und habe keineswegs vor, sofort zu studieren. Reisen bildet, macht Spaß und erweitert den Horizont. Die Erde ist groß, die Geschichten sind ungezählt und auf jeden Fall ist es, so finde ich, wichtig so viel wie möglich während seiner Lebenszeit von der Welt sehen und lernen. 
Danke für die Aufmerksamkeit.
Otis

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