Im Zug lernt man alte Interrail-Hasen kennen
Backpacker-Invasion in einer französischen Studentenbude

Montpellier ist eine schöne französische Studentenstadt. Otis lernt dort erst zwei, dann vier Backpacker kennen, trifft einen alten Freund wieder und quartiert sich mit allen in einer Studentenbude ein. Interrailer-Solidarität eben.

Samstag, 17.08.2013, 13:08 Uhr

Im einzigen Zug, der für Interrailer kostenlos verfügbar war, er glich eher einer S-Bahn in Berlin , verließ ich den spanischen Sektor wieder auf dem Weg, den ich noch einen Tag zuvor in die entgegengesetzte Richtung angetreten war. Mit einem dicken Rucksack besetzt man schon mal leicht einen kompletten Vierer, wenn nicht soviel los ist, dann ist es auch egal.

Doch in diesem Zug stiegen, kurz nachdem ich mich ausgebreitet hatte, noch zwei andere deutsche Backpacker ein. Sofort bot ich ihnen einen Sitzplatz an und wir stapelten unsere Rucksäcke übereinander. Sie wollten nach Montpellier , zwei Jungs in meinem Alter, die, wie sie mir erzählten, während ihrer Tour meist nur in ihren Schlafsäcken irgendwo wild campten.

Sie erzählten von ungemütlichen Polizisten, Freunden, denen sie begegnet waren, und so weiter und so fort. Die Fahrt dauerte dreieinhalb Stunden, und ich kann mich gar nicht mehr an alles erinnern,  worüber wir sprachen. Am Endbahnhof angekommen, hatten sie nur eine kurze Umsteigezeit. Ich verabschiedete mich, um am Schalter nach einer geeigneten Verbindung nach Luzern zu fragen.

Wie in Paris war die Interrailer-Schlange wieder unendlich lang. Eine Beamte fragte jeden Neuankömmling, wohin es denn ginge und verwies einige einfach auf Züge, die man nicht reservieren müsse und die sofort abfahren würden. Vor mir standen zwei ältere Backpacker, beide 24 Jahre alt. Ich fragte sie kurz, wohin sie unterwegs waren und fand dabei heraus, dass beide aus Berlin stammten und auch nach Montpellier wollten. In zwei Minuten sollte der Zug losfahren, von dem beide nichts wussten und für den man keine Reservierung brauchte.

Weil jetzt schon vier Backpacker aus Deutschland nach Montpellier wollten, ließ ich mich einfach mitreißen. Die Stadt hätte ich so oder so mit dem Zug durchquert. Die beiden Jungs vom Zug aus Barcelona staunten nicht schlecht, als ich mit zwei neuen Interrailern zu ihnen in den Zug gelaufen kam. Danach wurde wieder viel geredet, jetzt aber meist über Fußball, von dem ich nicht die leisesten Ahnung habe. Die Zeit überbrückte ich dann einfach mit schlafen.

Wir kamen erst gegen 19 Uhr am Hauptbahnhof an, alle waren fertig von der Zugfahrt und wir musste  uns noch eine Unterkunft suchen. Die meisten Hotels, die wir abklapperten, waren ausgebucht oder zu teuer. Wir fanden über verschiedene Personen heraus, dass es in der Nähe des Hauptplatzes ein günstiges Hostel geben sollte, also begaben wir uns auf den Weg dorthin. Zufälligerweise lief mir einer der Canadier aus dem Hostel in Marseille über den Weg. Er wartete auf eine Freundin, bei der er schlafen konnte.

Als Witz gemeint fragte ich ihn, ob da noch Platz für fünf weitere wäre, ich dachte mir nichts dabei. Als die Freundin da war, sagte sie zu! Wir konnten alle in ihrer Studentenwohnung schlafen! "So ist echtes Backpacking'', sagte Shahin, einer der beiden älteren Berliner, der sich gerne an seine ''alten Zeiten'' erinnerte. So alt war er doch gar nicht.

Wir zogen prompt bei dem Mädchen ein, welches uns die Wohnung für eine Nacht komplett zur Verfügung stellte. Sie selbst würde bei ihren Eltern schlafen. Dieses Entgegenkommen lag aber eher daran, dass sie glaubte, wir würden alle zusammen reisen. Als sie von unserer Geschichte hörte, da waren wir schon bei ihr im Apartment, verwandelte sich ihr Gesichtsausdruck merklich zu einer skeptischen Miene.

Das war auch verständlich für uns alle. Wir schworen ihr, nichts zu zerstören und wollten ihr unsere Freude über das neu gefundene Heim mit einem Gastgeschenk gutheißen. Doch unsere Gastgeberin musste schnell wieder weg, sie musste noch arbeiten. Alle sechs wollten wir nun etwas von der Studentenstadt sehen, wir liefen hier und da herum, aßen etwas und fragten, ob am Sonntag Abend noch irgendeine Party stattfinden würde. Es gab eine Ladysnight in einem Club namens ''Milk''. Wir also ins Taxi , 28 € Euro bezahlt, und dann ab in den Club. Eintritt frei, die Musik konnte man auch schon draußen hören. Nur leider war bis ein Uhr außer uns und ein paar anderen Franzosen kein weibliches Wesen im Club zu sehen.

Wir schliefen fast auf den unbequemen Partysesseln ein und entschlossen uns, dann zu gehen. Auf dem Vorplatz des Clubs war genauso wenig los wie drinnen, drei Türsteher sicherten den nicht vollen Eingang und mehrere Autos samt Insassen standen noch unentschlossen auf dem Parkplatz. Der Mann, der uns das Taxi gerufen hatte, schien uns dummen Touris eins auswischen zu wollen. Eine S-Bahn Linie hielt direkt vor dem Club und ließ uns dann für 2 € pro Person im Zentrum wieder raus.

Ab ins Bett, die anderen wollten um 9 Uhr morgens wieder aufstehen, um kurz zum Strand zu fahren. Ich hatte meine Züge schon vorher reserviert und keinen Spielraum mehr, um mit ihnen zu kommen. Wir verabschiedeten uns kurz, ich lieh den Berlinern mein Buch ''Das Kapital'' aus, welches ich schon in der ersten Reisewoche durchgelesen hatte, und weg waren sie. Um das Buch wieder zu bekommen, muss ich wohl nach Berlin fahren, wieder eine Reise, bei der man was erleben kann. Erst einmal geht es für mich aber in die Schweiz. Ich sitze gerade in dem Hauptbahnhof von Lyon. Ich hab gehört, dass es eine schöne Stadt wäre. Um dem noch einmal Nachdruck zu verleihen, hat mir gerade eine Taube, die Ratten der Lüfte, auf mein Hemd geschissen, schönen Dank auch. Heute um 23 Uhr komme ich in Luzern an und darf meinen Gastgebern beim Umzug helfen. Bis dahin schlaf ich noch ein wenig im Zug. Gruß, Otis

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