Interrail 1990
Von Zackelschafen und Zwangsaufenthalten

Gronau - 1990. Ein Jahr vor dem Abitur. Das Jahr in dem Deutschland in Italien Fußballweltmeister werden sollte. Ein durchaus heißer Sommer. Mit meinen beiden Freunden Christoph und Holger geht es auf eine vierwöchige Reise durch Europa. Jeder mit knapp 17 Kilo auf dem Rücken und einer vagen Routenplanung im Kopf. Die hält allerdings nur wenige Stunden.

Mittwoch, 07.08.2013, 15:08 Uhr

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  • Die Interrailtour startete zwar nicht in Paris, sondern streng genommen in Enschede, weil man in Deutschland zusätzlich zum Interrailticket noch Geld für das Zugfahren hätte bezahlen müssen. Der erste Aufenthalt aber (nach dem Bahnhof von Rotterdam) war dann die französische Hauptstadt.

    Foto: Carsten Vogel
  • Zeitloses Paris. Ob in Farbe oder in Schwarzweiß: Die Stadt hat immer den (Triumph-)Bogen raus.

    Foto: Carsten Vogel
  • Apropos Bogen: Einen Bogen müsste man jetzt zu diesem (etwas lädierten) Foto schlagen. Doch weiß der Autor und damalige Interrailfahrer 23 Jahre später leider nicht mehr, was auf diesem Bild zu sehen ist. Die Google-Bildersuche behauptet: Hôtel des Invalides.

    Foto: Carsten Vogel
  • Wichtigstes Utensil: Das Drei-Mann-Zelt. Allein die drei Rucksäcke bildeten bereits einen Mann. Mit anderen Worten: Die drei Interrailer waren in diesem Zelt Ölsardinen nicht ganz unähnlich. Insbesondere bei starker Hitze.

    Foto: Carsten Vogel
  • Ein Schlenker Richtung Porto. Zwei der Reisenden flankieren eine einheimische Portugiesin. Der dritte Reisende muss schließlich schnappschießen.

    Foto: Carsten Vogel
  • Ein kleiner Schlenker und schon sind wir in Rom. Hier das Monumento a Vittorio Emanuele II.

    Foto: Carsten Vogel
  • Wunderbar: Die Piazza Navona ist einer der charakteristischen Plätze des barocken Rom im Stadtviertel Parione. Behauptet zumindest Wikipedia. Der Autor kann sich leider nicht mehr daran erinnern.

    Foto: Carsten Vogel
  • In diesem Fall hilft auch Google nicht weiter. Aber vielleicht weiß ja jemand, welcher Brunnen das ist? Bitte an redaktion.online@wn.de mailen. Danke.

    Foto: Carsten Vogel
  • Rom war teuer. Die Fußball-Weltmeisterschaft hatte gerade den gebührenden Meister gekürt. Und deshalb war Rom noch teurer. Der Eindruck täuscht, dass die drei Interrailer hier lange ausgeharrt haben. Tatsächlich haben sie in zwei Tagen alles abgelaufen, was es an Sehenswürdigkeiten so gibt. Auch das Kolosseum von innen.

    Foto: Carsten Vogel
  • Und auch das Kolosseum von außen.

    Foto: Carsten Vogel
  • Knapp zwei Jahre vor dem Beginn des Geschichtsstudiums besucht: Tempel der Venus und der Roma

    Foto: Carsten Vogel
  • Google vermutet, dass es sich hier um die Piazza della Rotonda handelt. Der Autor gibt keine Widerworte. Kann schon sein, dass wir diese Sehenswürdigkeit zufälligerweise erkundet haben.

    Foto: Carsten Vogel
  • Die Engelsburg in Rom wurde ursprünglich als Mausoleum für Kaiser Hadrian und seine Nachfolger errichtet und später von verschiedenen Päpsten zur Burg umgebaut. 1990 sah sie so aus.

    Foto: Carsten Vogel
  • Schon damals der Versuch ein Panoramabild zu erzeugen: Der Petersplatz mit dem Petersdom. Erster Teil.

    Foto: Carsten Vogel
  • Und der zweite Teil. Johannes Paul II. haben wir an diesem Tag aber nicht gesehen.

    Foto: Carsten Vogel
  • Ein paar Zugstunden später: Hortobágy in Ungarn. Die Puszta von Hortobágy (hier nicht im Bild) ist das größte und bekannteste mitteleuropäische Steppengebiet. Ausnahmsweise haben wir mal nicht im Zelt übernachtet, sondern bei dieser netten Familie.

    Foto: Carsten Vogel
  • Und wenn der Fotograf selbst mit auf dem Bild sein möchte (Mitte) und anderen das Knipsen überlässt, dann sehen die Reisenden schon mal guillotiniert aus.

    Foto: Carsten Vogel

Ich unterstelle Martin Walser mal, dass er eine Geschichte darüber erzählen könnte, dass Erinnerung ein fliehendes Pferd ist. Wenn sie (also die Erinnerung) mit einem durchgeht, weiß man ja nie, was man mit ihr so recht anfangen kann. Sie lässt sich sehr schwer wieder einfangen, ist sie erst einmal davon galoppiert.

Das Tagesbudget ist von uns selbst auf 25 Mark limitiert worden. So ist der Preis der ersten französischen Jugendherberge, der wir unsere Körper zur Übernachtung anvertrauen wollen, derart hoch, dass wir dankend ablehnen und weiter suchen müssen. Letztlich finden wir eine Herberge mit Zeltplatz. Sofort bauen wir unser Drei-Mann-Zelt auf, was wir bereits im elterlichen Schlafzimmer erfolgreich erprobt hatten. Nicht bedacht aber haben wir, dass allein unsere Rucksäcke bereits einen ganzen Schlafplatz vernichten. Es wird eng für die Isomatten. Und für uns.

Wir zücken den Campingkocher und kochen Spaghetti. Schmeckt fast wie bei Muttern. Hätte einer von uns einigermaßen die französische Sprache beherrscht, hätten wir gewiss auch verstanden, dass die Küchennutzung der Jugendherberge inklusive gewesen wäre.  

Macht nichts, das Spülen des dreckigen Geschirrs übernimmt an diesem Abend der Regen. Und wenn schon alles nass wird, dann dürfen natürlich die Rucksäcke nicht fehlen. Am kommenden Morgen werden die Klamotten zum Trocknen aufgehängt. Es soll aber auch der einzige Tag dieses Urlaubs bleiben, an dem es regnet.

Portweinkellereien gratis besichtigen

Das touristische Programm in Paris erledigen wir weitestgehend: was die Füße und die Geldbörse hergeben eben. Das ist im ersten Fall recht viel, im letzteren eher nicht.

In diesem Moment bräuchte ich ein Lasso. Eventuell auch eine Peitsche, um die Einhufer wieder einzutreiben, die vor langer Zeit bereits die Koppel verlassen haben. Ich erinnere mich noch, dass wir von Paris nach Biarritz aufgebrochen sind. Dort gibt es einen Strand, einen Leuchtturm und die Erinnerung behauptet bis heute, es gäbe dort die besten Croissants der Welt.

Direkt weiter nach Porto. Auch dort gibt es nicht soviel, was die Gedächtnisleistung zu bieten hätte. Einen Waldbrand , sodass der Zug haltmacht und den Rückwärtsgang einlegt, das Weltmeisterschaftsfinale in einem portugiesischen Café und die Besichtigung von drei Portweinkellerein am Stück mit jeweiliger Verköstigung. 1:0 für portugiesische Gastfreundschaft.

Das Leben bleibt nicht auf der Strecke

Zugegeben: Nach vier Wochen ist man das Zugfahren leid. Das Stehen auf den Gängen, überfüllte  Abteile mit verschwitzten Leuten, Schlafen auf dem Fußboden unterhalb von Zugspitzen. Irgendwann mag es manch Bahnfahrendem unangenehm aufstoßen, wenn ein ungeduschtes und übermüdetes Trio sich zu ihnen gesellt, dessen Schmutzwäsche dringend nach einem Waschsalon schreit. Dennoch gibt es während der Zeit auch schöne Seiten, weil man viele interessante und spannende Leute kennenlernt, die einem die Südstaaten-Rockband Lynyrd Skynyrd ans Herz legen können. Mit einem Walkman!

Rückblickend ist es schon erstaunlich, wie man es ohne ein Handy oder ohne ein Smartphone geschafft hat, sich an den vereinbarten Plätzen trotzdem nicht zu verfehlen. Gut, der Begriff “Zeit” war 1990 ein dehnbarer. Wenn jemand mit der U-Bahn versehentlich bis zur Endstation gefahren ist, während die anderen beiden längst ausgestiegen waren, dann gehört Ungewissheit und Warten eben mit zum Gesamtpaket.

Nach diesen allgemeinen philosophischen Betrachtungen der Zeit um anno Dazumal wieder zurück zur eingeschlagenen Route. Von Porto geht es nach Toulouse. Lagerkoller, Verlust der Traveller Checks, schlechte Laune. Ab nach Avignon. Wunderbare Stadt, tolles Festival, großartiges Feuerwerk. Weiter nach Nizza. Erinnerungslücke: Der Gedächtnis-Gaul von Nizza ist längst zu Entrecôte verarbeitet worden. Auf nach Italien .

Finale. Oho!

Rom ist teuer. Als die deutsche Fußballnational-Elf den WM-Pokal in den Händen hält, ist Rom immer noch teuer. Und als wir ein paar Tage darauf in der Hauptstadt Italiens auflaufen, hat noch keine urplötzliche Rezession stattgefunden. Die 25 Mark am Tag sind unrealistisch. Nach zwei Tagen Blasenlaufen, geht es hurtig weiter in die deutlich günstigere Stadt Budapest.

Das Zelt wird eingetauscht gegen ein Zimmer in einem Studentenwohnheim. Der McDonalds in einem alten Bahnhof lädt zu einem großen Schlemmermenü ein. Ungarn ist derart günstig (die Öffnung des Landes zum Westen auch gerade erst im Gange), dass wir beschließen den Rest der Reise dort zu verbringen.

Nächster Aufenthalt: Hortobágy. Nie gehört? Wir bis dahin auch nicht. Der Zug fährt am Bahnhof wieder an, als wir noch im Aussteigen begriffen sind. Dass nicht ein Steppenläufer von links nach rechts rollt, verbuchen wir als kleines Wunder dieser Zeit und dieses Ortes. Eine nette ältere Frau nimmt uns Deutsch radebrechend verbal an die Hand und gewährt uns Unterkunft. Sie lässt es sich nicht nehmen, für das wenige Geld, was wir ihr zahlen sollen, ein Gulasch zu kredenzen, für das sie eigens ein Huhn aus ihrem Garten schlachtet. Besser haben wir auf der Reise niemals gegessen. Dagegen können selbst die biarritzschen Croissants einpacken. Behauptet der Hirn-Hottemax.

Durch die Puszta gibt es eine geführte Kutschen-Tour. Für uns Interrailer ist das viel zu kostspielig, weswegen wir die heimischen Zackelschafe lieber zu Fuß aufsuchen. Ein Aha-Ärgernis für die Kutschfahrenden, als wir sie einholen und mit ihnen gemeinsam die ungarische Schafrasse begutachten. Eine Forint-Zurück-Garantie gibt es aber nicht.

Letzte Station: Der Plattensee. Für Seepferde gilt übrigens das gleiche Walsersche-Prinzip. Die Art des Einfangens mag eine andere sein, aber sind sie erstmal auf und davon geschwommen, ist es schwierig, sie jemals einzukeschern. Kurzum: Ohne detaillierte Kenntnisse vom Balaton geht es zurück. Es folgt eine zweitägige Marathonzugfahrt mit erwähntem Zwangsaufenthalt in Wien. Der Lagerkoller wird erneut aufgesucht, ist aber auch schnell wieder vergessen. Es gibt eben auch Pferde, die man bewusst fliehen lässt.

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