Von verlassenen Amerikanern, grenzenlosem Pazifismus und der Partyszene von Bratislava
Fliegende Fäuste

Immer schön vorsichtig sein, sonst fliegen die Fäuste. Interrailer Otis muss sich in Zagreb seiner Haut wehren. Einen Mitreisenden hatte seine Freundin sitzen gelassen und jetzt suchte er Blitzableiter. Von Budapest aus geht die Reise nach Slowenien, wo es das Museum der zerbrochenen Liebschaften gibt. 

Sonntag, 25.08.2013, 19:28 Uhr aktualisiert: 25.08.2013, 22:31 Uhr

Ich denke es macht jetzt keinen Sinn mehr, von Bratislava zu erzählen oder Euch mit Reisedetails von längst vergangenen Zeiten zu quälen. Meine Reiseerlebnisse sind zu viele, als das ich alles aufschreiben könnte. Dieser Post handelt von Budapest und Zagreb, geschrieben auf der Fahrt von Zagreb nach Sarajevo (9 Stunden). Die Interrailtour nähert sich unaufhaltsam ihrem Ende, zehn Tage habe ich noch vor mir, drei davon werde ich alleine in Prag verbringen. Am Anfang habe ich mich gefragt, ob es überhaupt möglich ist, so zu reisen, wie ich es mir vorgenommen habe. Eine Stadt, ein Tag.

 Im großen und ganzen habe ich dies durchgezogen. Abstriche muss ich aber trotzdem machen. In Brüssel, Luzern, Wien und Zagreb blieb ich jeweils zwei Nächte. Insgesamt war ich schon in diesen Städten: Leiden (Holland), Brüssel (Belgien), Paris (Frankreich), Bern (Schweiz), Genf (Schweiz), Sausset les Pins (Frankreich), Marseille (Frankreich), Valence (Frankreich), Barcelona (Spanien), Montpellier (Frankreich), Luzern (Schweiz), Zürich (Schweiz), Wien (Österreich), Bratislava (Slowakai), Budapest (Ungarn), Zagreb (Kroatien) und bald auch Sarajevo (Bosnien).

Ich hoffe, dass keiner von mir erwartet, diese Städte auch perfekt zu kennen. Ich habe zwar auch ein bisschen Sightseeing gemacht, meistens ging es mir aber nur darum, überhaupt da zu sein. Ich habe mir angeguckt, wie die verschiedenen Leute leben, was für Reisende in den Hostels abhängen und wieviel man aus ihnen rausquetschen kann. In dieser Dunstwolke aus Informationen gehen mir auch viele Erinnerungen schon nach zwei Tagen verloren. Ich werde ein paar Tage Zeit brauchen, wenn ich wieder zuhause bin, um alles zu ordnen und zu kompensieren.

Budapest also. Die beiden Mädchen aus England hatten schon ein Hostel gebucht. Es ist für seine schöne Lage bekannt. Ich hatte noch keins gebucht und wollte in dem selbigen mein Glück versuchen. Auf Umwegen fanden wir unser Ziel direkt an der Donau. Alle Betten waren ausgebucht, doch die Mitarbeiterin empfahl mir ein paar weitere, direkt ums Eck.

Die Partystadt Budapest ist immer sehr beliebt unter Backpackern. Alle mir genannten Hostels hatten leider auch keinen Platz mehr frei. Ich fragte ein paar Passanten nach weiteren Anlaufpunkten und in demselben Moment, ich hatte gerade das Wort "Hostel" ausgesprochen, kam ein Jugendlicher zu mir. Wie sich herausstellte, arbeitete er im Hostel "Tiger Tim" und zufällig wusste er, dass es zurzeit ziemlich leer war.

Er führte mich hin, angekommen wusste ich auch sofort, warum gerade dieses Hostel noch nicht ausgebucht war. Es war einfach sehr schwierig, es zu finden. Die Budapester Gebäude präsentieren such zur Straße hin nur mit einer kleinen Tür. Hinter diesen Türen aber befinden sich Labyrinthe aus Treppen und Fluren. Man geht durch Innenhöfe und kleine Gärten. Wer die Geschichte von Narnja kennt, der sollte sich die Budapester Gebäude so vorstellen. Man sieht nur die Tür, doch dahinter kann alles und jeder sein.

Das Hostel kostet 5000 Forint, umgerechnet 1€ = 299 Forint = ca. 17€. Dafür bekommt man einen Safe, ein gemütliches Bett, jede Menge Zahlencodes für jede Menge verschiedene Türen, die man öffnen muss, wenn man dorthin will, und die Möglichkeit zu kochen oder irgendwelche idiotischen amerikanischen Fernsehserien zu gucken. Für die vollkommene Verdummung: „Angry boys“ - besondere Empfehlung.

Abends ging es dann auf die Pub Crowl. Das bietet so ziemlich jedes Hostel an. Man bezahlt einen Pauschalpreis und macht eine Kneipentour. Bei dieser sind dann alle Getränke frei oder die Preise für Teilnehmer zumindest heruntergesetzt. Bis zur ersten Bar dauerte es eine Weile und meine Reisemüdigkeit setzte relativ frühzeitig schon ein. Ich wollte die Gruppe verlassen, doch dann kamen drei andere, ebenfalls gelangweilt von dem Verlauf des Abends, auf die Idee, einen Club zu besuchen.

Ich wollte kein Spielverderber sein und begleitete sie mit dem Vorhaben, nach wenigen Minuten in der Discothek wieder zu gehen. Doch wieder einmal überraschte mich die Budapester Architektur. Der gut bewachte, jedoch relativ kleine Eingang, führte uns rein in einen einzigartigen Mix aus verschiedenen Theken, Aufenthaltsräumen und drei Dancefloors. Schnell konnte ich mich von meiner Gruppe abspalten, die nur etwas trinken wollte, und gesellte mich zu zwei wirklich sehr hübschen israelischen Mädchen um die 20. Ich muss zugeben, dass ich bei meiner Altersangabe ein bisschen aufgerundet habe, nur deswegen aber, weil es erstens keiner merkt und zweitens bei meinem wirklichen Alter meist immer sofort dumm geguckt wird.

Als zwanzigjähriger Reisender schenkten die beiden mir ihre Aufmerksamkeit, die ich dadurch noch verstärkte, dass ich immer mal wieder verschwand, um nach meiner Gruppe zu sehen. Irgendwann waren meine ursprünglichen Begleiter aber verschwunden und ich entschloss mich, selbst auch wieder ins Hostel zu gehen, am nächsten Morgen musste ich ja weiter reisen. Zwar war es etwas mühsam, mich aus dem Bett zu räkeln, doch nach ca. einer halben Stunde hatte ich mich aufgerappelt und auch schon eine Verbindung von Budapest nach Zagreb gefunden.

Witzigerweise wollten noch zwei Amerikaner aus demselben Hostel mein Ziel ansteuern und wir machten uns mit unseren Rucksäcken zusammen auf zum Bahnhof. Einer der beiden übernahm die Führung und wir folgten ihm auf dem Weg zu einem der drei oder vier Bahnhöfe, die in Budapest zu finden sind. Schon anfangs kam mir der eingeschlagene Weg jedoch suspekt vor. Meine ausgesuchte Verbindung sollte von dem Bahnhof Budapest Deli abgehen, der Ami jedoch bestand darauf, einen anderen anzusteuern.

Alle Bahnhöfe in Budapest sind Kopfbahnhöfe und liegen relativ weit voneinander entfernt. Es ist ein wenig wie in Berlin, wenn man z.B. vom FMO nach Norwegen will, muss man in Berlin nicht nur das Flugzeug, sondern gleich auch den Flughafen wechseln. Auf öffentliche Verkehrsmittel kann man dabei nicht verzichten.

Bei dem Bahnhof angekommen gaben mir die Info-Stationen gleich Recht. Wir waren am falschen Bahnhof, eine U-Bahn würde aber beide Bahnhöfe auf direktem Wege verbinden. Der zweite Amerikaner zeigte zu der Zeit schon eine Neigung zur Gewalt. Sauer auf den Fehler seines Kumpels, versuchte er ihn gleich mehrmals ins Gesicht zu boxen.

Ängstlich davor, in den Konflikt mit hinein zu geraten, lief ich schnell zur U-Bahn. Anscheinend schaffte es Julian aber nicht, Sam wirklich zu treffen. Die beiden folgten mir und der Streit ebbte ab. Ärgerlich oder ängstlich folgte Sam in einem großen Abstand, bis er irgendwann völlig verschwand. Die Ticket-Maschine war natürlich kaputt, die Zeit rannte uns davon. Julian lief mit einer U-Bahn Tageskarte gleich in die U-Bahn und verschwand hinter den Ticketkontrolleuren irgendwo im Untergrund. Ich stellte mich hinter viele andere Wartende vor einen Ticketschalter und bekam nach zehn Minuten Wartezeit auch eines der heiß begehrten kleinen Fahrscheinchen.

Zwanzig Minuten später... Bahnhof Budapest Deli, von Sam und Julian war nichts zu sehen. Wahrscheinlich würden sie noch eine Nacht in Budapest bleiben. Einerseits war ich erleichtert, andererseits ärgerte ich mich auch ein wenig. Sie hatten über mein Handy eine Reservierung in einem Hostel in Zagreb vorgenommen.

Eigentlich würden sie nie Reservierungen via Telefon annehmen, so der Mitarbeiter des Hostels, doch bei uns würde er da eine Ausnahme machen. Ich hatte Angst davor, nachher für die beiden Reservierungen verantwortlich gemacht zu werden. Im gemütlichen, klimatisierten Zugabteil setzte ich mich neben zwei Engländer, sie waren auf Erkundungsreise durch Ost-Europa. Die lange Fahrt zehrte an meinem Magen. Ich hatte wegen des Zeitdrucks nichts mehr eingekauft. Zum Glück durfte ich mich ein wenig an den Lebensmittelvorräten meiner Mitfahrer bedienen.

Der Zug passierte die Grenze zwischen Ungarn und Kroatie, „Passports please!'', dieser Spruch ist für mich nunmehr gleichbedeutend mit „wir machen erst mal zwei Stunden Pause, bitte nicht aussteigen oder die Toiletten benutzen, dann werden die Grenzbeamten pissig!“

Wegen der lang anhaltenden Grenzkontrolle und wahrscheinlich einem Fahrgast, der keinen Pass besaß, kam unser Zug zwei Stunden nach der im Fahrplan stehenden Zeit in Zagreb an. Selbst in der angehenden Dunkelheit konnte ich zwei mir bekannte Personen aus den hinteren Waggons des Zuges aussteigen sehen. Immer noch grimmig lief Julian vor Sam her und auch meine freundliche Begrüßung vermochte ihn nicht aufzumuntern.

Das Hostel war schnell gefunden, Begleitungen für den Abend auch und ein Ziel auf der Karte markiert. Die Begleitungen bestanden aus vier Britinnen und einer Spanierin. Für mich also eine glückliche Fügung. Während die einen in ihrer Muttersprache sich prächtig zu amüsieren schienen, frischte ich mein Spanisch ein bisschen auf. Wieder wurde ich zunehmend müder und wollte schnell von der Bar, in der wir uns kurz aufhielten in irgendeinen Tanzschuppen gehen.

Julian bemerkte, dass ich ein bisschen ungeduldig auf unseren Abgang wartete und machte eine lustige Bemerkung über deutsche und ihr Zeitverständnis. Ich versuchte darauf zu reagieren, jedoch kam mir Sam zuvor. Er würde den Weg zu einer Partymeile in Zagreb kennen, er würde auch vorschlagen, zu gehen. Julian war schon angetrunken und hatte wahrscheinlich immer noch ein Trauma von Budapest, er hielt überhaupt nichts von Sams Vorschlag. Er stand auf, packte sich Sam am Kragen und bot ihm eine seiner Fäuste an. Die Mädchen drum herum sagten vor lauter Schreck über dieses rabiate Verhalten erst einmal gar nichts. Weil ich schon einmal Julians Kampfkünste bewundern durfte und ich nicht wollte, dass Sam wieder ein Opfer von Julians Gewaltattacken würde, versuchte ich, Julian von Sam weg zu ziehen. Daraufhin schrie er mich an, ich als Deutscher hätte doch sowieso keine Chance gegen ihn. Ich meinte daraufhin im Spaß, dass wir nun genug Russlanddeutsche in Deutschland hätten und wir, wenn wir uns mit Russland zusammen tun würden, sehr wohl eine Chance hätten.

Hätte ich doch besser meinen Mund gehalten. Julian ließ Sam los, der anscheinend sehr erleichtert darüber war, und wandte sich dann mir zu. Seine Riesenhände (ich habe auf meinem Trip wirklich bemerkt, wie sich alleine die Anatomie von Amerikanern von denen der Europäer unterscheidet, wahrscheinlich durch eine Mischung aus sehr viel Fastfood und noch mehr Sport, in Julians Fall Rugby) packte mich am Kragen und schrie mir zu, was für ein schlechter Deutscher ich sei. Ich würde Deutschland so unglaublich schlecht repräsentieren etc.

Ich entschuldigte mich für meinen zugegeben schlechten Witz, gab ihm aber auch zu verstehen, dass seine Reaktionen mehr als unangemessen seien. Er ließ sich von mir aber nicht mehr besänftigen. Die Mädchen erwachten aus ihrer Starre und schritten ein. Auch Sam versuchte zu schlichten, hielt sich aber eher im Hintergrund, was mehr als verständlich war. Julian hatte vor dem Streit versucht, eines der Mädchen anzubaggern, dieses erkannte nun ihre tragende Rolle in unserem Schauspiel. Sie beschuldigte Julian, ein aggressiver Idiot zu sein und nun wandte sich Julian seiner neuen Feindin zu. Weil es aber eben ein weibliches Wesen war, ihm also unter keinen Umständen gestattet war, es tätlich anzugreifen, stand er nun da wie eine Bulldogge der man gerade einen Maulkorb und eine rosane Leine umgebunden hatte.

Irgendwie tat er mir leid. Ich versuchte mich noch ein paar Male zu entschuldigen, doch nichts konnte ihn jetzt noch aufheitern. Er beschuldigte mich noch des öfteren als Nazi und schlechter Vertreter Deutschlands. Das gab mir im Übrigen zu denken. Wie soll eine Person denn das ganze Land, 81 Millionen Bürger, vertreten? Ist es denn nicht schon schwer genug, sich selbst zu vertreten? Wieso muss ich überhaupt Deutschland vertreten? Im Grunde bin ich doch nur einer von vielen Menschen. Wie ich bin, das liegt allein an meiner Erziehung und Erfahrungen. Ich wohne in einem Gebiet das man Deutschland nennt und ich fühle mich wohl dort. Aber mein Volk ist die Menschheit im allgemeinen. Ich repräsentiere, wenn ich noch wen anderen als mich repräsentieren sollte, nur die gesamte Menschheit, sowie jeder Andere um mich herum auch.

Jetzt drifte ich wieder in was anderes ab. Ich fand es nicht so passend Julian, jetzt mit meinen Gedanken über solche Themen zu konfrontieren, eine Sache wollte ich aber noch unbedingt loswerden. Ich finde, dass Gewalt absolut nicht notwendig ist. Es gibt viele Leute, die etwas anderes sagen, alle haben natürlich Argumente, jedoch habe und werde ich auch nie Gewalt anwenden. Vielleicht liegt es daran, dass ich einfach nicht die körperlichen Voraussetzungen dafür erfülle, aber bis jetzt habe ich es auch nie gebraucht. Man kann alle Konflikte mit Worten lösen oder wie z.B. Gandhi mit gewaltfreiem Widerstand. Doch auch davon wollte Julian nichts wissen, er hielt nichts von meiner utopischen Vorstellung und natürlich auch nichts von der Kritik, die mit ihr kam.

Ein paar Minuten später verließ er unser Grüppchen und erst im Hostel sah ich ihn wieder. Dort massierte er gerade eine Deutsche. Er kann auch gut mit Menschen umgehen, im Flirten ist er mir sehr überlegen. Die Deutsche lag auch am nächsten Morgen in seinem Bett, als ich aufwachte, um mich duschen zu gehen. Den nächsten Tag verbrachte ich mit derselben Gruppe, abgesehen von Julian, in Zagreb. Wir liefen in der Stadt herum und besuchten das Museum "of broken relationships". Als wir dort ankamen sahen wir Julian gerade rauskommen, er wechselte ein paar Worte mit Sam und lief dann wieder davon. Wir erfuhren über Sam, dass Julian erst einen Tag zuvor mit seiner Freundin in den Staaten Schluss gemacht hatte, bzw. sie hatte mit ihm Schluss gemacht.

Das Museum stellt verschiedenste Erinnerungsstücke aus. Diese symbolisieren kaputt gegangene Beziehungen von freiwilligen Spendern aus der ganzen Welt. Deutsche scheinen ein besonderes Problem mit Zwischenmenschlichem zu sein. Von ihnen kommen die meisten Geschichten dieses Museums. Am nächsten Morgen musste ich schon um 9 Uhr am Bahnhof sein. Die Fahrt nach Sarajevo dauert noch bis 19 Uhr. Ich werde euch noch mehr darüber berichten.

Danke für eure Aufmerksamkeit. Gruß, Otis

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