Die Flut führt sie in den Ehe-Hafen
Eigentumswohnung an der Kanalstraße stand bis unter die Decke unter Wasser

Münster -

Vieles ist eigentlich undenkbar. In Münster gehören dazu Wohnungen, die untergehen und standesamtliche Hochzeiten an einem Dienstag. Silke Dreier und Reiner Sievert aber haben beides erlebt. Vor einem Jahr ertrank ihre Eigentumswohnung, heute gaben sie sich im Lotharinger Kloster das Ja-Wort.

Dienstag, 28.07.2015, 08:07 Uhr

Nur noch die weißen Blenden der Wohnzimmerjalousien lagen nach der Regenkatastrophe über dem Wasserspiegel. Reiner Sievert zeigt den Blick auf seine Terrasse. Drinnen hatte die Welle den Kühlschrank glatt umgeworfen (kl. Foto)
Nur noch die weißen Blenden der Wohnzimmerjalousien lagen nach der Regenkatastrophe über dem Wasserspiegel. Reiner Sievert zeigt den Blick auf seine Terrasse. Drinnen hatte die Welle den Kühlschrank glatt umgeworfen. Foto: Uwe Wahlbrink

Dabei werden sie auch daran denken, wie die Haustür damals, am 28. Juli 2014, gegen 21.30 Uhr mit einem Knall aufsprang, gleichzeitig ein Terrassenfenster zerbarst und das Wasser der Aa von zwei Seiten in die Souterrainwohnung an der Kanalstraße strömte. Hilf­los hatten sie vorher mit ansehen müssen, wie die Flut draußen wie in einem Aquarium langsam an der Scheibe emporstieg, während sich das Nass unter Fensterrahmen und Türschwellen bereits spritzend seinen Weg nach drinnen suchte.

„Da haben wir schon begonnen, unsere Sachen auf Tischen hoch zu lagern. Aber dass es so schlimm kommen würde, damit haben wir nicht gerechnet“, erinnert sich Reiner Sievert mit Schaudern. „Als das Wasser kam, haben wir nur noch unsere Katze und einen Korb mit Papieren geschnappt und sind auf den ersten Treppenabsatz im Erdgeschoss geflüchtet.“

„Das Ganze war so unwirklich“, schildert Silke Dreier ihre damaligen Empfindungen, „wie in einem schlechten Film. Ich hab mich komplett leer gefühlt.“ Irgendwann in der Nacht sei sie dann zu ihrer Mutter nach Telgte gefahren, „die konnte das gar nicht glauben, weil es dort fast nichts geregnet hatte“. Ihr Lebensgefährte kam derweil bei seinem Bruder in Münster unter.

Wie von Geisterhand war das Wasser von der Kanalstraße verschwunden, als sie um 5.30 Uhr am nächsten Tag zurückkehrten. „Da zappelten Goldfische in den Pfützen“, weiß Dreier noch.

Das ganze Ausmaß der Verwüstung sahen die beiden erst am Mittwochvormittag. Dann hatte die Feuerwehr ihre bis unter die Decke vollgelaufene Wohnung leergepumpt. „Die sind erstmal woanders hingefahren und haben uns gesagt, hier sei sowieso nichts mehr zu retten“, berichtet Sievert.

Er wisse noch, dass die Welle Vorratsschränke, Kühlschrank und Herd der erst einen Monat alten Küche auf die Seite geworfen habe. Bis auf einen fast hundert Jahre alten Eichenstuhl sei kein Möbelstück mehr brauchbar gewesen. Wie in Trance hätten sie mit dem Ausräumen der Wohnung begonnen.

Chaos in der Küche

Chaos in der Küche

„In solchen Momenten erkennt man seine wahren Freunde“, erinnert sich Sievert dankbar an die vielen Helfer aus der Verwandtschaft, von Kollegen und von Mitgliedern des Schalke-04-Fanclubs, dessen Vorsitzender er ist. Sogar eine Nachtwache sei organisiert worden, um Diebe von den Habseligkeiten fernzuhalten, damit diese der Versicherung vorgezeigt werden konnten. „Eine Frau hielt mit dem Auto an und schenkte uns ein Tablett mit Brötchen, weil sie nicht mit aufräumen helfen konnte“, schildert Silke Dreier. „,Pommes-Man’ Carsten Hoppe hat die ganze Straße kostenlos verpflegt“, berichtet Sievert.

Am wichtigsten in dieser Phase war aber die Erkenntnis beider, sich aufeinander verlassen zu können. „Die Flut hat uns zusammengeschweißt. Ohne Silke hätte ich das nicht überstanden“, weiß Reiner Sievert, warum er den Wunsch seiner künftigen Frau, nach achtjährigem Zusammenleben doch noch einander zu heiraten, heute gerne erfüllt. „Mir ist es im Verlauf der Katastrophe bewusst geworden, dass es mir persönlich sehr wichtig gewesen wäre, damals schon verheiratet gewesen zu sein“, schildert Silke. Angesichts des Schicksals der beiden gab es vom Standesamt keine Einwände, den Katastrophen-Jahrestag als Hochzeitstag anzunehmen. Dienstags wird nämlich in Münster normalerweise nicht geheiratet.

Blick auf die Sievertsche Terrasse

Blick auf die Sievertsche Terrasse

„So kann auch aus etwas Schlechtem noch etwas Gutes werden“, freut sich die Braut und zitiert mit dieser Aussage einen Taxifahrer. Als der sie einmal zu ihrer Wohnung fahren sollte, brauchte sie den Weg nach der Adressenangabe nicht noch einmal zu schildern. „Die Anschrift kennt seit dem Unwetter doch jeder“, habe der Mann gesagt, woraufhin sie ihm von der bevorstehenden Hochzeit erzählt habe.

Aber es gab auch negative Erlebnisse, Plünderer zum Beispiel. Oder dass der Oberbürgermeister bei einem Ortstermin versprochen habe, sich persönlich für ihn einsetzen zu wollen, er brauche ihm nur eine E-Mail zu schicken. „Darauf hat er dann aber nicht reagiert“, sagt der 50-jährige Sievert. „Auch von Seiten der Kirche hat es keinen Kontakt gegeben. Und bei der Aufarbeitung der Flut während einer Informationsveranstaltung des Tiefbauamts seien viele Fragen unbeantwortet geblieben. Außerdem: „Hätten wir gewusst, dass unser Bereich seit acht Jahren Hochwassergebiet ist, hätten wir vielleicht bessere Vorsorge treffen können.“

Finanziell hat die Katastrophe das Paar, dessen Wohnung erst am 6. November wieder bezugsfertig war, enorm belastet. Die Hausratversicherung beglich etwa die Hälfte des sechsstelligen Schadens. Silker Dreier bekam vom Sozialamt 340 Euro für Bekleidung, Reiner Sievert 500 Euro aus dem Soforthilfefonds. Den Rest mussten sie selbst tragen.

Und auch das tragen sie mit sich herum: „Ich glaube, ich werde mich nie wieder in Räumen mit Fliesen und Wasser oder Schwimmbassin aufhalten können“, sagt Silke Dreier. Sievert dazu: „Wenn ich Unwetterwarnungen wie die vom Wochenende höre, bekomme ich sofort Fracksausen.“

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