Keine Berührungsängste
Die Künstler und der Karneval

Münster -

Künstler und Karneval? Geht gar nicht? Früher schon. In den 50er Jahren waren die Karnevalsfeiern der Künstlergemeinschaft „Die Schanze“ legendär. Wie sieht´s heute aus? Die WN haben sich bei den Künstlern umgehört.

Mittwoch, 15.02.2012, 19:02 Uhr

Künstler und Karneval ? Geht gar nicht? Früher schon. In den 50er Jahren waren die Karnevalsfeiern der Künstlergemeinschaft „Die Schanze“ legendär. Deren Plakate hängen im Stadtmuseum. Aber heute? Rümpfen die Kreativen die Nase oder feiern sie mit? Die WN haben sich bei Künstlern umgehört:

► Elke Seppmann: „Ich war früher leidenschaftlicher Karnevalist.“ Allerdings nahm die Malerin die närrische Tradition wie Altweiberfastnacht eher nur zum Anlass, um um die Ecken zu ziehen. „Ich wohne schließlich über einer Kneipe. Und wenn dann das Pferd solange auf dem Flur stand, wurde man halt animiert.“ Heute geht die Münsteranerin als „Elke Seppmann“. Aber als Jugendliche ging sie als Steinzeitfrau mit Knochen und selbst genähtem Leoparden-Kostümchen – „Vielleicht sollte man das wieder aufleben lassen . . .“ Immerhin hat sie auch Erfahrungen mit Karneval am Rhein: „Ich habe mal in Düsseldorf gefeiert, da war der in Münster lustiger.“

► Matthias Zölle: „Ich komme vom Niederrhein und habe früher exzessiv Karneval gefeiert – von donnerstags bis dienstags.“ Der Fotograf ist bis zu seinem 25. Lebensjahr oft als Vampir gegangen. Hier in Münster habe er aber nicht den Zugang zur lokalen Karnevalsszene bekommen. „Der westfälische Karneval ist nicht so einfach; er erschließt sich nicht. Auf den Dörfern scheint es aber wohl einfacher zu sein: Der in Ottmarsbocholt soll legendär sein.“ Doch: „Wenn Rosenmontag ist, dann werde ich immer noch unruhig.“

► Gail Kirkpatrick: In ihrer Kindheit in Amerika gab es nur Halloween, das sei auch mit Verkleiden. „Das erste Mal Karneval habe ich in Köln mitbekommen, und das war fantastisch, ein großartiges Erlebnis.“ Ende der 70er Jahre hat sie dann in Münster Karneval mit ihrem Sohn gefeiert. „Ich habe mich immer als Hexe verkleidet.“ Wie das ihr Sohn fand? „Passend“, lacht die Leiterin der Kunsthalle Münster. Kirkpatrick findet Karneval gut; wenn sie in Münster ist, feiert sie auch mit. „Aber es sollte kein Zwang sein. Um ein bisschen Dampf abzulassen, ist Karneval ganz gut.“

► Selda Marlin Soganci: „Äh, also . . . ich geh ganz selten hin,“ gesteht Soganci, um gleich viele Einschränkungen hinterherzuschieben. „Ich komme aus einer karnevalsuntypischen Gegend – Oberfranken.“ In ihrer Heimat werde Fasching gefeiert: „Wir schmeißen nicht so viele Bonbons. Die Kölner würden sich über uns kaputtlachen. Doch wir haben auch Spaß.“ In Münsters Karneval ist die Illustratorin auch schon unterwegs gewesen, zum Teil sogar auf der Straße. Kostüme? „Von Marienkäfer bis Putzfrau habe ich schon alles dargestellt – das macht mir richtig Spaß. Kostüme – das ist richtig cool.“ Wo Soganci nicht hingeht, sind Sitzungen – „das ist mir eher fremd“. Und doch: „Irgendwas ist dran am Karneval, was auch uns Künstler anspricht.“

►  Oliver Breitenstein : „In mir fließt zwar rheinisches Blut. Aber Karneval ist nicht mein Ding.“ Dabei richtet sich seine Kritik gegen die Tradition: „Karneval das ganze Jahr finde gut. Aber einmal im Jahr verkleiden? Ne.“ An sich findet der Künstler das Verkleiden gut. Zusammen mit Stephan US und Ruppe Koselleck hat Breitenstein jüngst sogar auf einem Balkon des Atelierspeichers am Hafen als „Freddy & Quinn“ mit Perücken den Song „Wirr“ zum Besten gegeben. Das hätte Oma Breitenstein sicher gut gefallen. Die lebt in Andernach am Rhein, und die feiere mit ihren 85 Jahren immer noch. Enkel Breitenstein allerdings ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Immerhin: „Der anarchistische Grundgedanke gefällt mit am Karneval.“ Daher findet er diese Kultur zwar „sympathisch, aber zu beschränkt“. Und Breitenstein fällt spontan der russische Kunsttheoretiker Michail Michailowitsch Bachtin ein; der entwickelte das „Konzept der Karnevalisierung“: Der alle Schichten erfassende Tabubruch trage dazu bei, die Grenze zwischen Hoch- und Populärkultur aufzuheben . . .

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/659399?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F696547%2F696549%2F
61-Jährige wimmelt Telefonbetrüger ab
Die Polizei warnt aktuell vor Telefonbetrügern, die vermehrt Münsteraner anrufen.
Nachrichten-Ticker