Mit allen Sinnen im Rinnstein-Milieu
Das Paradeiser-Stück „Hobophobia“ konfrontiert die Zuschauer mit dem Wegschau-Reflex

Münster -

Wer hat Angst vorm armen Mann? Eine abgründige Frage, der viele von uns gern ausweichen. Im Kellergewölbe des Pumpenhauses gab es am Mittwoch keine Chance wegzuschauen. Die zwangsläufig kleine Zuschauerschar wurde buchstäblich mit allen Sinnen ins Rinnstein-Milieu geworfen. Dorthin, wo die Bettelbüchse klingt. Dorthin, wo es stinkt. Dorthin, wo dich der Blick des Obdachlosen trifft und dir zuraunt: „Ich bin du.“

Donnerstag, 15.03.2012, 19:03 Uhr

Mit allen Sinnen im Rinnstein-Milieu : Das Paradeiser-Stück „Hobophobia“ konfrontiert die Zuschauer mit dem Wegschau-Reflex
Wer hat Angst vorm armen Mann? Das fragen diese vier Akteure des Stückes „Hobophobia“ (v. l.): Kai Niggemann, Leena Keizer, Philip Gregor Grüneberg und Harald Redmer. Foto: Torsten Meyer-Bautor

Mit Verve und bitterem Humor konfrontierte das Stück „Hobophobia“ das Publikum. Als „Live-Hörspiel“ betitelt, räumte es dem Sound viel Bedeutung ein. Musiker Kai Niggemann saß wie ein Laptop-Schamane am Keyboard, spielte Geräusche ein oder verfremdete das, was die Schauspieler ins Mikro sprachen, zu kalten Roboter-Arien. Und die Münzen im Becher wurden zur klimpernden Rhythmus-Studie. Ebenfalls gut war die Bildprojektion (Lea Tenbrock) von endlosen Häuserfluchten, die klaustrophobische Großstadt-Atmosphäre schufen. Regie führte Ruth Schultz („Paradeiser-Productions“). Man mag bemängeln, dass hier einmal mehr viele gute Einzel-Ideen zur Collage vermengt wurden. Getragen wurde die Performance von den starken Schauspielern, die schier eruptiv den Raum in Beschlag nahmen. Philip Gregor Grüneberg , Harald Redmer und die Tänzerin Leena Keizer gingen ganz dicht ran. Hielten einem die Bettelbüchsen vors Gesicht. Rannten wie in Panik im Kreis. Die zierliche Tänzerin wirkte neben den schlaksigen Hünen wie ein Kind. Wie Rotkäppchen umschlich sie die weißen Säulen – und Redmer und Grüneberg verfielen in wildes Werwolfgebrüll. So prall war die sinnliche Ebene – doch das Stück wollte mehr. Die Textcollage reichte von Eichendorffs romantisch verbrämtem „Taugenichts“ bis zum EU-Bericht über Obdachlose. Vom zynischen Vergnügen an Armut ist die Rede, von Jugendlichen, die sich am „Penner-Spotting“ ergötzen. Und überhaupt, so fragt Redmer: Was kann unsereins schon tun? „Soll ich etwa Pennern Obdach geben, vielleicht gar mit Bier-Flatrate?“ Statements vom Marktapostel Friedrich von Hayek kommen vom Band. Das ist dicht an der Sozial-Reportage und übt jene wohlfeile Kritik an der „Marktgesellschaft“, auf die heute kaum eine Kunstproduktion verzichtet. Doch den schmerzvollen Widerspruch will das Stück nicht auflösen. „Penner“ Grüneberg grinst den Betrachter eisig an. Wie ein aggressives Flirten, das sagt: Gib mir Kohle – ich bin du. Die nächste Termine: 21. und 22. März, 20 Uhr im Pumpenhaus , Gartenstraße 123. Kartenreservierung: '  23 34 43.

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