Tempo macht alles gleich
Klanginstallation in der Stadthausgalerie

Münster -

Der erste Eindruck: Krieg. So muss es sein, wenn einem Projektile und Raketen um die Ohren fliegen. Langsam lauscht das Gehör nach Differenzen in diesen Dopplereffekten, die jeder aus dem Straßenverkehr kennt. Nähert sich ein Auto, ist der wahrgenommene Ton höher als normal, entfernt es sich, wirkt er tiefer. Osvaldo Budón hat in seiner Klanginstallation acht Lautsprecher in der Stadthausgalerie aufgebaut, die scheinbar nichts anderes als Variationen dieses Effektes liefern.

Montag, 05.03.2012, 18:03 Uhr

Tempo macht alles gleich : Klanginstallation in der Stadthausgalerie
Sieht aus wie ein Verhör, ist aber vielleicht eher das Gegenteil. Osvaldo Budón will die Besucher nicht zum Sprechen bringen, sondern zum Zuhören. Foto: kok

Und doch ist die Komposition komplexer. Ab und an sind Streichinstrumente, ist Schlagzeug zu hören. Es scheint ein Orchester sich einzustimmen oder Konzeptmusik zu spielen. Und in der Tat hat der argentinische Komponist in seiner Arbeit „Hacia el azul / hacia el rojo“ für das Klangzeit-Festival Musik des 20. Jahrhunderts eingespielt, verschiedene Stilrichtungen wie Folk, Jazz oder Rock. Insgesamt sind 84 Elemente verarbeitet, die aber alle einer, wenn nicht der bestimmenden Kraft des 21. Jahrhunderts unterworfen wurden: dem Tempo. Teilweise hat Budón die Stücke um ein Vielfaches beschleunigt, sie auf eine mal gerade, mal kurvige Strecke geschickt. Das Ergebnis: Durch Schnelligkeit verlieren sie ihre Identität, werden unerkennbar. Das einzelne Stück sowieso, aber selbst der Stil lässt sich nicht mehr heraushören. „Je schneller die Musik läuft, desto weniger unterscheidet sie sich von anderen“, erläutert der Komponist. Mit seiner 21-minütigen Polyphonie des Raumes verbindet Budón aber mehr als nur Musik. Er sieht darin auch eine Metapher auf die Jugend von heute, die im digitalen Zeitalter mehr als 100 Stunden und mehr Musik gleichzeitig mit sich herumträgt. Und man kann noch weitergehen: Wenn Beschleunigung die Unterscheidbarkeit, letztlich Differenz und Einzigartigkeit von Augenblicken von Musik einebnet, ist es vielleicht bei der Beschleunigung des menschlichen Miteinanders nicht anders. Die Installation ist bis Sonntag (11. März) in der Stadthausgalerie, Platz des Westfälischen Friedens, zu hören. Geöffnet ist dienstags bis freitags von 16 bis 20 Uhr sowie samstags und sonntags von 12 bis 16 Uhr. Eintritt frei.

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