Oliver Breitenstein besucht Ausstellungen und schaut dabei Kunst für andere
„Ich bin ein Kassettenrekorder“

Münster -

Oliver Breitenstein schreitet durch die Ausstellung „about:blank“ in der Kunsthalle Münster. Der 46-Jährige trägt Jeans, Turnschuhe und Brille. Er bleibt stehen und betrachtet Werke – wie alle anderen auch. Mit einem Unterschied: Im Gegensatz zu den anderen Besuchern ist er gemietet . . .

Dienstag, 10.04.2012, 18:04 Uhr

Oliver Breitenstein besucht Ausstellungen und schaut dabei Kunst für andere : „Ich bin ein Kassettenrekorder“
Oliver Breitenstein lässt sich dafür bezahlen, Ausstellungen zu besuchen und Kunst zu gucken. Foto: Tatjana Thamerus

Sein Kunde hat keine Zeit, selbst die Ausstellung zu besuchen. Das einzige, was Breitenstein verrät, ist sein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ich schaue Kunst für Stefan Riebel “. Oliver Breitenstein bietet außergewöhnliche Dienstleistungen an. Ihn kann man nicht nur mieten, um Kunst anzuschauen, sondern auch zum Bücher- oder Zeitunglesen.

Stefan Riebel (29 Jahre) ist Kurator und Lehrender an der Hochschule für Buchdruck und Gestaltung in Leipzig , hat Breitenstein schon mehrfach gebucht und ist begeistert: „Es gibt diesen sozialen Druck, immer mitreden können zu müssen“, erzählt Riebel. „Aber ich schaffe es zeitlich einfach nicht, mir alle Ausstellungen anzusehen. Da ist Breitensteins Angebot die ideale Antwort.“ Er sei gar nicht richtig an Malerei interessiert und hätte auch keine Lust, mehrere Stunden für eine Ausstellung anzustehen. Er verspüre aber den Zwang, auf dem Laufenden zu bleiben.

„Kunden suchen oft einen Ansprechpartner, mit dem sie über Ausstellungen reden können. Viele fühlen sich mit Kunst alleine gelassen“, sagt Breitenstein. Er empfinde es als große Freiheit, für andere in Ausstellungen gehen zu dürfen. Dafür Geld zu bekommen, wofür andere Geld bezahlen. Ihn zu buchen, kostet 150 Euro plus Spesen.

Breitenstein hat sich seine Arbeit frei ausgesucht. Dabei wirken die Menschen, die ihn buchen, sehr eingezwängt. In einem Korsett, dass sie sich selbst geschaffen haben: „Mein Tag ist so voll gestopft mit den Kindern, der Arbeit. Für Kultur bleibt nicht viel Zeit“, erklärt Riebel. Breitenstein fragt offen, ist unbequem: „Wer nimmt sich denn heutzutage noch die Zeit, ein Buch ganz zu lesen und nicht nur den Klappentext? Kunst nicht nur zu konsumieren, sondern sich Zeit zunehmen, innezuhalten?“ Seine Zigaretten dreht er selbst und raucht sie ohne Filter. Allerdings verliert er nie die Selbstironie.

So produziert er Stempel, hölzerne Sprechblasen oder Aufkleber, mit denen er den Kunstbetrieb, aber auch sich selbst durch den Kakao zieht. „Ich nehme Kunst ernst“, lautet einer der Stempelsprüche. Seine Wangen sind leicht eingefallen. Die hellblauen Augen stechen hervor. Er redet langsam und bedacht. Mit seiner etwas rauchigen Stimme erzählt er von Freiheit, von Arbeit, davon, was das eigentlich bedeutet: „Meine Arbeiten kreisen ganz oft um den Arbeitsgedanken. Was ist Arbeit, und wer definiert Arbeit“, sagt Breitenstein.

Sein Atelier im Atelierspeicher ist einfach eingerichtet. Fast wie eine Studentenbude. Doch die Maisonette bietet Platz. Viel Platz. Dank des vier Meter hohen Fensters ist der Blick auf den Hafen unversperrt. Hauptsächlich macht Breitenstein Aktionskunst und Installationen. Vor zwei Jahren stellte er in Holland einen bemalten und eingerichteten Bauwagen ohne Aufsicht in einem öffentlichen Raum auf und wartete, wie die Menschen reagierten. Raum für unkontrolliertes Denken nannte er das Projekt. „Die Leute konnten reingehen und sich benehmen, wie sie wollen“, sagt Breitenstein.

Er gestikuliert, zeigt Kataloge und Bücher über den Bauwagen, die sich in dem leicht chaotischen Atelier nicht so einfach finden lassen. „Viele brachten Gegenstände mit oder trafen sich einfach, auch für Partys. Ein paar bekiffte Jugendliche sind allerdings auch Amok gelaufen. Aber das finde ich dann nicht scheiße, das ist Freiheit.“

Zur Autorin

Tatjana Thamerus ist Stipendiatin der Journalisten-Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung und zurzeit auf einem Ausbildungsseminar für junge Journalisten in Münster.

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Mit dem Geld ist es für Breitenstein nicht immer leicht: „Ich mache eine Mischkalkulation aus Verkäufen, Projekten und Stipendien. Aber manchmal ist es auch hart mit dem Geld. Ganz klar.“ Doch er will sich nicht nur an der Vermarktbarkeit von Kunst orientieren. Für ihn ist Kunst eine Laborsituation und darf nie das Experimentelle verlieren: „Wo ist denn sonst noch Raum für das Absurde und das Paradoxe?“

Paradox ist auch sein Projekt „Ich schaue Kunst auch für Sie“, das mit dem Absurden spielt. Der verrückte Gedanke, sich für Freizeit bezahlen zu lassen, mutet in der Tat absurd an. „Ich bin ein Kassettenrekorder, der das kulturelle Gewissen seiner Kunden beruhigt“, sagt Breitenstein und meint, das Ganze habe etwas von Ablasshandel.

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