Prof. Andreas Blödorn schätzt den „Münster-Tatort“ als „selbstironische Inszenierung“
 Fundgrube für Germanisten

Münster -

Der münsterische Germanist Prof. Dr. Andreas Blödorn hat sich in seiner vielbeachteten Antrittsvorlesung mit dem Thema „Schwarze Komödie, provinzielle Abgründe. Raummetaphorik und Realität im ARD-Tatort Münster“ beschäftigt. Darüber sprach er mit unserem Redaktionsmitglied Johannes Loy.

Samstag, 05.05.2012, 14:05 Uhr

Wieso interessiert sich ein Germanist für den Münster-Tatort?

Andreas Blödorn : Der „ Tatort Münster “ ist für Germanisten sogar ganz besonders interessant – nicht nur wegen seines hohen Unterhaltungswertes, sondern weil er der literarischste und künstlerischste aller Tatorte ist, voller ironischer Anspielungen auf Literatur, Musik, Kultur. Ein zusätzlicher Anreiz für Studierende und Germanisten, hier auf Entdeckungsreise zu gehen. Aber auch ansonsten liegt Germanisten das Thema gar nicht so fern, denn in unserem Fach befassen wir uns ja mit kulturellen Ausdrucksformen, also auch mit dem Film. Hinzu kommt, dass der Tatort speziell in Deutschland als traditionsreicher TV-Krimi viel über die Mentalität und die kulturelle Befindlichkeit, also auch den Zeitgeist vermittelt.

Welche gesellschaftlichen Themen haben Sie da vor Augen?

Blödorn: Denken Sie nur an die Großstadtorte, in denen „Tatorte“ gedreht werden. Da geht es um Milieu-Fälle, zum Beispiel um Kindesmissbrauch, aber auch um Verwerfungen in einer stark durch Ausländermilieus geprägten Großstadt wie beim Tatort Köln. Mit anderen Worten: Die Brennpunkte und Themen, die in den Talkshows auftauchen, finden wir auch in vielen, durch ihre political correctness zuweilen belehrend wirkenden Tatort-Krimis. Anders beim Tatort Münster: Hier darf man sich zurücklehnen und entspannen – und auch an den Witzen erfreuen, die eben nicht mit einem erhobenen Zeigefinger kommen.

Als Germanist haben Sie sicher die Sprache der Täter und Ermittler im Blick…

Blödorn: Spannend ist, wie etwa die Figuren über ihre Sprache charakterisiert werden, denkt man zum Beispiel an Thiels norddeutschen Einschlag oder an die Verwendung von Ironie. Die Sprache ist aber nur ein Forschungsobjekt unter vielen, es geht auch um den Film und seine Inhalte aus kulturwissenschaftlicher Sicht, um Denkmodelle und semantische Feinheiten in Themenwahl und Ausdrucksweise.

Was bietet denn gerade der „Münster-Tatort“ Besonderes für den Germanisten?

Blödorn: Der Münster-Tatort ist ein Paradebeispiel für selbstironische Inszenierung . Er nimmt zudem häufig Bezug auf Vorbilder aus der Literaturgeschichte. Ich denke zum Beispiel an den ersten Münster-Tatort mit dem Titel „Der dunkle Fleck“, der deutlich mit dem Droste-Hülshoff-Gedicht „Der Knabe im Moor“ spielte. Aus dem Moor ragte die Hand einer Leiche empor. Münster als Stadt der Droste wurde als Sumpf des Verbrechens vorgeführt.

Welche Bedeutung hat das münsterische akademische Milieu für den Tatort?

Blödorn: Es ist ein inte­graler Bestandteil. Wir erleben eine vielfältige Kombination aus Typen und Themen: Es geht um Akademiker, um den ländlichen Adel, auch um Burschenschaften. Besonders höher stehende Kreise sind hier in Kapitalverbrechen verstrickt.

Können Sie als Germanist nachvollziehen, warum der Münster-Tatort derart beliebt ist?

Blödorn: Ja, natürlich: Er präsentiert eine groteske, selbstironische Weltsicht im Rahmen einer morbiden schwarzen Komödie. Deshalb ist dieser Krimi auch so populär. Der Zuschauer kann in eine konservative, mitunter altmodische Bürger- und Akademiker-Scheinwelt eintauchen, die dann lustvoll enttarnt wird. Mit Inzest, Scheinheiligkeit, Hab- und Machtgier langt der Tatort Münster ja auch gleich in die Vollen.

Finden Sie besondere, den Wissenschaftler inspirierende Querverweise?

Blödorn: Ja, zum Beispiel Anspielungen auf Vorbilder aus Literatur und Kulturgeschichte, etwa Hinweise auf Agatha-Christie-Einflüsse, auf die Edgar-Wallace-Filme der 1960er Jahre oder auf filmische Darstellungsweisen, wie Alfred Hitchcock sie geprägt hat. Spaß macht das vor allem deshalb, weil kulturelle Wissensbestände in den Dialogen zwischen Börne und Thiel kunstvoll und lustvoll präsentiert werden. Und dann denken Sie mal an die Kameraperspektive: Wir sehen die Protagonisten zuweilen aus dem Blickwinkel des verscharrten Opfers, schräg von unten.

Würden Sie Ihren Studenten den Münster-Tatort als Studienobjekt empfehlen?

Blödorn: Unbedingt. Hier wird eben kein reines Schwarz und Weiß, keine böse Täter- und keine heile Ermittler-Welt präsentiert. Grenzen von Gut und Böse verschwimmen, ein Augenzwinkern kommt hinzu. Korrekt und sauber sind nicht einmal die Ermittler. „Vadder“ Thiel baut sich Drogen an, die Ermittler gehen zuweilen auf krummen Touren durch die Welt, und wir dürfen uns entspannt zurücklehnen und dieses Szenario verfolgen.

Werden Sie Ihre Erkenntnisse eigentlich auch „Boer­ne“ und „Thiel“ mitteilen?

Blödorn: Wir haben als Germanisten schon einige Kontakte zum Produktionsteam des Münster-Tatorts. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich die Macher für unsere Ergebnisse interessieren. Mich würde es freuen.

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