Eigensinnig und unabhängig
Die Literaturzeitschrift „Am Erker“ besteht seit 35 Jahren – eine Rückschau

Münster -

Rosenverkäufer, Zigaretten-Promoter und Junggesellenabschiede jagen abendlich durch Münsters Kneipenszene. Vor 35 Jahren waren das noch die unermüdlichen Mitarbeiter von „Am Erker“. In der Redaktions-WG am Dahlweg 64 schrieben sie erst ihre Texte und verkauften sie dann in Münsters Kneipen.

Freitag, 06.07.2012, 20:07 Uhr

Mittlerweile gehört „Am Erker “ zu den bundesweit renommiertesten Literaturzeitschriften . 1998 wurde sie mit dem Hermann-Hesse-Preis für deutschsprachige Zeitschriften ausgezeichnet. Mit der aktuellen Ausgabe Nr. 63 feierte die Redaktion um Gründer Joachim Feldmann und Michael Kofort am Donnerstag in der Stadtbücherei im Aaseemarkt 35-jähriges Bestehen. Sie erinnerten sich an die ersten 20 Abonnenten und an die Geschäftseinlagen von 100 D-Mark pro Mitarbeiter. „Keiner von uns hat die bis heute wiedergesehen“, ulkte Feldmann. Rezensionsexemplare gab es von den Verlagen noch zuhauf. Die Bücher wurden im „Erker“ besprochen, danach in der Redaktion ersteigert. „Manchmal bekamen wir mehr Geld für ein Buch, als hinten drauf stand – der Ebay-Effekt“, erzählte Feldmann. Wenn pro Versteigerung um die 150 D-Mark eingenommen worden waren, war der Druck der nächsten Erker-Ausgabe gesichert. Früh arbeitete man mit einem PC, dem Schneider Commodore. Viele Erfolgsautoren, wie Ralf Thenior und Burkhard Spinnen , beschritten ersten Pfade im „Erker“. Schmerzhaft erinnert sich Feldmann daran, wie die „Erker“-Redaktion die Texte des späteren Ingeborg-Bachmann-Preisträgers Georg Klein abgelehnt hatte. „Das Ablehnungsschreiben hängt eingerahmt im Büro“. Anja Schütte zitierte pointiert aus ihrer Magisterarbeit über „Am Erker“, die am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz erschien. Die „Erker“-Erfolgsformel aus Eigensinn und Unabhängigkeit schätzt sie sehr. Die Auswahl der richtigen Texte für jede monothematische Ausgabe des „Erker“ aus Hunderten von Einsendungen ist auch heute noch Hauptaufgabe der Redaktion. Ins aktuelle Heft hat es auch die Düsseldorfer Autorin Gisela Trahms geschafft. Ihre Geschichte „Verschwinden“ las sie vor. In nüchterner Tristesse erzählt sie von der Sinnsuche eines älteren Mannes, den die Einsamkeit aufzufressen vermag. Er gräbt sich im Garten eine Grube. Ein bitteres, aber lebensnahes Werk über das Verlassensein im Alter, nicht ohne schwarzen Humor. So will der Todessehnsüchtige vorher noch das aktuelle Konzert der geliebten Philharmoniker auf keinen Fall verpassen. Trahms lieferte das Zitat des Abends: „Die Literaturzeitschrift ,Am Erker’ ist einzigartig, weil die Macher einen sehr gut durch das Leben begleiten.“ Das wollen sie auch weiterhin so machen. Und das ist gut so.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/997057?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F696547%2F1164172%2F
Steinmeier eröffnet Kirchentag im Ruhrgebiet
«Was für ein Vertrauen», das Motto des Evangelischen Kirchentages 2019, steht an der Dachkrone des Dortmunder U. .
Nachrichten-Ticker