Hier wird Klartext geredet
Theaterstück über Umgang mit Behinderten

Münster -

„Ich bin auf einer Party, und meine Begleitung wird gefragt, ob ich ein Bier trinken darf – da schämt man sich für die Anderen fast schon mit!“. Mit Erfahrungsberichten wie diesem beginnt das Theaterstück „Im toten Winkel“, das am Donnerstagabend im Pumpenhaus Premiere feierte.

Freitag, 29.06.2012, 17:06 Uhr

Hier wird Klartext geredet : Theaterstück über Umgang mit Behinderten
Einige Szenen von „Im toten Winkel“ halten dem Zuschauer den Spiegel vor, zeigen ihm seine eigene Unbedachtheit im Umgang mit gehandicapten Menschen. Foto: Peter Leßmann

Das Publikum hört gebannt zu, denn die, die da reden, kommen sonst seltener zu Wort. Es sind Menschen mit Behinderungen. Sie sind gehörlos, blind, sitzen im Rollstuhl – und haben jede Menge zu sagen. Die jüngste Inszenierung des Schrägstrichtheaters gewährt einen schonungslos ehrlichen Einblick in die wenig beleuchtete Welt derer, die sich viel zu oft „im toten Winkel“ der Gesellschaft bewegen müssen. Auch für das Regie-Duo Annette Knuf und Manfred Kerklau bedeutete das Projekt neue Erfahrungen. „Man braucht mehr Geduld, weil man gewohnt ist, dass alles sofort funktioniert. Dabei vergisst man zu schnell, auf welche Barrieren behinderte Menschen im Alltag treffen“, erklärt Kerklau. Um das Stück allen Gästen zugänglich zu machen, gibt es in jeder Vorstellung zwölf Plätze für Audiodeskription. Blinden Zuschauern werden vor der Aufführung der Raum, das Bühnenbild und die Schauspieler erklärt. Während der Vorstellung bekommen sie über Kopfhörer das Geschehen auf der Bühne erzählt. Darüber hinaus werden signalverstärkende Induktionsschleifen für Menschen mit Hörgeräten gelegt, und ein Gebärdendolmetscher übersetzt das ganze Stück über. In vielen kleinen Szenen entführen die Akteure das Publikum in eine andere Welt – so wie im Theater üblich und doch anders. Einige Szenen halten den Zuschauern einen Spiegel vor, zeigen ihnen ihre eigene Unbedachtheit, Ignoranz und Überheblichkeit im Umgang mit beeinträchtigten Menschen auf. „Ihr redet zu schnell!“, „Ihr nehmt mich nicht für voll!“ – endlich dürfen die, die sonst mit Samthandschuhen angefasst werden, mal Klartext reden. Wenn plötzlich das Licht aus-, aber das Geschehen auf der Bühne weitergeht, fühlt sich das Publikum hilflos – neugierig, was da vor sich geht in dieser Welt, die einem auf einmal nicht mehr zugänglich ist. Doch die Inszenierung ist keine Moralpredigt. „Unser Anspruch war es, künstlerisch zu arbeiten und dem Publikum auf humorvolle Weise einen Einblick in die Welt behinderter Menschen zu gewähren“, erläutert Manfred Kerklau. Und so wird getanzt, gesungen, gelacht und gestaunt. Am Ende steht die Erkenntnis, dass die Grenzen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung weitaus weniger offensichtlich sind als gedacht.

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