Tschechowsche Verzweiflung
„Twain“: Behäbig, aber anrührend

Münster -

„Bei uns im amerikanischen Süden ticken die Uhren langsamer“, hieß es mal vor Jahren in einer Whiskey-Werbung. Daran erinnert sich, wer Pitt Hartmann in der Maske von Mark Twain sieht. Mit Schnauzbart und grauem Wuschelkopf schenkt er sich Whiskey ein, pafft Zigarren-Wölkchen an die Decke des Pumpenhauses und sinniert über sein Leben und Lieben. Und während Karl-Heinz Schaar, der Bluesman, vor der Bühne versonnen die Gitarre zupft, dehnt sich die Zeit in quälender Langsamkeit wie bei Tschechow.

Freitag, 28.09.2012, 21:09 Uhr

Tschechowsche Verzweiflung : „Twain“: Behäbig, aber anrührend
Mark Twain (Pitt Hartmann) lauscht dem Wutausbruch von Tochter Clara (Gabriele Brüning). Foto: Carola Loeser

„Jeder Mensch ist ein Mond. Er hat eine dunkle Seite, die er niemals jemandem zeigen würde“, sagte Mark Twain . „ Hartmann & Konsorten“ haben sich durch eine Flut von Briefen und Dokumenten gewühlt, um die dunkle Seite des Star-Schriftstellers mit dem blitzenden Witz ans Licht zu holen: die des düsteren Zweiflers, des kontrollsüchtigen Patriarchen. Eine teils behäbige, doch anrührende Reise, die im American Dream Tschechowsche Verzweiflung aufspürte und vom Publikum mit viel Applaus bedacht wurde. Was für das Konzept von Johannes Fundermann (Regie) einnimmt, ist die Liebe zum Detail. Das Bühnenbild giert nicht nach Abstraktion, sondern zeigt „Southern Comfort“, wie er Twain wohl seinerzeit behagte. Denn der war auch Geschäftsmann, Goldgräber und Star-Conférencier, der sich seine bissigen Bonmots fürstlich entlohnen ließ – nicht zuletzt für seine Frau und die drei Töchter. Diesen gibt Gabriele Brüning mit ihrer ganzen Gefühlsklaviatur Stimme. Sie ist die liebende Ehefrau Olivia, die inbrünstige Briefe schreibt an ihren Sam (Samuel Langhorn Clemens war Twains echter Name). Sie hasst als Tochter Clara, die Opernsängerin, die der Schatten Twains erdrückt, oder leidet als epileptische Tochter Jean. Pitt Hartmanns Spiel tastet die Rätselhaftigkeit Twains nicht an, und das ist ganz gut so. Zweimal tritt er vor die Bühne und präsentiert Twain, den gefragten Redner, mit der kabarettistischen Zunge. Er zitiert auch den „Fall der Mrs. Morris “, die verhaftet wurde, obwohl sie nur mit dem Präsidenten sprechen und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben wollte. Twain wusste um die Schattenseiten Amerikas . Dort, wo die Werke der Nationalikone Gemeingut sind, würde dies Stück wohl intensiver wirken. In Münster dagegen wird sich der Theatergast gern in die schön bebilderte Kurzbiografie vertiefen, die im Pumpenhaus ausliegt.

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