Labiles Gleichgewicht
English Drama Group brilliert mit „Earthquakes in London“

Münster -

Der Klimawandel ist im Theater angekommen – in einer fulminanten, mitreißenden und temporeichen Inszenierung der English Drama Group. Das labile Gleichgewicht, in dem die Welt sich befindet, spiegelt sich bei Mike Bartletts „Earthquakes in London“ im Kleinen wider.

Sonntag, 04.11.2012, 16:11 Uhr

Labiles Gleichgewicht : English Drama Group brilliert mit „Earthquakes in London“
Im Gespräch: Sarah (Sarah Giese) und ihr Assistent Simon (Felix Pörsch) beraten über ihr strategisches Vorgehen beim Ausbau des Flughafens. Foto: jig

Da sind die drei Schwestern Sarah , Freya und Jasmin. Sarah (furios verkörpert von Sarah Giese), die gestresste und opportunistische Umweltministerin, die sich nicht so leicht einschüchtern lässt, deren schlagfertiges Temperament aber manchmal mit ihr durchgeht. Die Schwangere Freya ( Mirja Wenker ), die in Angst vor der Zukunft durch die Welt streift, um Antworten auf ihre bangen Fragen zu finden. Und die genusssüchtige Jasmine (Stephanie Escudeiro Kießling), die Jüngste, welche keine Gelegenheit auslässt, um sich zu amüsieren, und die ganz im Hier und Jetzt lebt. Die Zerrissenheit der Familie steht sinnbildlich für die Katastrophe, auf welche die Erde zusteuert. Jede versucht das Beste aus ihrem Leben zu machen und trägt gerade dadurch zur Verschlechterung der Gesamtsituation bei. All das ist nichts Neues. Der Klimawandel ist hinlänglich diskutiert, die Schnelllebigkeit der Gesellschaft und die Verlagerung sozialer Kontakte ins Internet sind bekannt. Aber die Geschichte überzeugt, weil sie weder dramatisiert noch belehren will. Trotz einiger Musikelemente ist das Theaterstück weit von einem Musical entfernt. Stattdessen wird dabei das Surreale im Alltäglichen wiedergegeben. Die einflussreiche Sarah muss vor ihrer politischen Verantwortung kapitulieren: „Wenn du in der Wirtschaft wärst, könntest du mehr und schneller etwas ändern und dabei auch noch mehr verdienen“, muss sie sich von ihrem Berater Simon (Felix Pörsch) sagen lassen. Und der einzige Mensch, der Freya mit ihren Sorgen anhört, ist der nervende und pubertierende 14-jährige Schüler Peter (Ruth Jansen), der trinkend und rauchend seine Weisheiten verbreitet. Ausgerechnet er vereinsamt, weil sich seine „Freunde in der digitalen Welt“ tummeln. Liberty, hinreißend komisch gespielt von Anja Vogt, sorgt sich nur um das farblich zum Firmenschild passende Outfit. Ihre Individualität verliert sich ganz in ihrem Verkäuferinnen-Dasein, ihr Selbstwertgefühl löst sich in hohler oberflächlicher Phrasendrescherei auf. In den letzten Zügen wurde es zwar leicht pathetisch und man fragte sich, ob Bartlett da nicht seinen eigenen Träumereien erlegen war. Durch Aufbrechen der chronologischen Erzählweise gelingt es ihm jedoch, das Pathos zu durchbrechen. Derart spritziges Theater tut gut, und es war trotz der fast dreistündigen Spielzeit ein extrem kurzweiliger Theaterabend. Weitere Aufführungen des Stückes sind am 8., 9., 10. und 15. November jeweils um 20 Uhr in der Studiobühne am Domplatz. Der Eintritt beträgt 8 (ermäßigt 6) Euro.

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