Fliegeralarm und erste Liebe
Das Tanztheater Hagazussa zeigte in Münster ein generationenübergreifendes Projekt

Münster -

Eingeschlossen wie in Kokons liegen fünf Mädchen auf der Bühne, strecken hier einen Arm, dort ein Bein hervor, pellen sich schließlich ganz aus dem dehnbaren Stoff heraus. Am Anfang war die Geburt; heute ist die Jüngste, um die es hier geht, 70, die Älteste 83 Jahre alt. „Vergegenkunft“ lässt Unvergessenes lebendig werden. In einem generationenübergreifenden Projekt mit 15- bis 18-jährigen Schülerinnen traten fünf Darstellerinnen im Rentenalter unter der Regie von Christa Reißmann als Tanztheater Hagazussa in der Aula der Marienschule auf.

Sonntag, 03.02.2013, 16:02 Uhr

Ein Blick zurück in die eigene Jugend: Das Tanztheater Hagazussa führte junge und reife Semester zusammen, um Gegenwart und Vergangenheit zu bespiegeln.
Ein Blick zurück in die eigene Jugend: Das Tanztheater Hagazussa führte junge und reife Semester zusammen, um Gegenwart und Vergangenheit zu bespiegeln. Foto: Tanztheater Hagazusaa

Ihre Geschichten sind typisch für die Generation der Kriegs- und Nachkriegskinder. Traumata und Verlust nach Fliegeralarm , Bomben, die noch nach Jahren Schaden anrichten, später dann das Wirtschaftswunder und Petticoats – schüchtern die erste Liebe zu jungen Männern, die damals Willi, Engelbert oder Hans-Jürgen hießen. Die Älteren erzählen, die Jungen sitzen ihnen zu Füßen wie Enkelkinder und hören zu oder schlüpfen in die Rolle der jeweiligen Erzählerin, wenn sie das Erlebte in Tanztheater umsetzen.

Autoritäre Erziehungsmethoden kommen zur Sprache, der Verlust von Kindheit und Jugend, zum Beispiel, wenn eine schon mit 13 im Elektrogeschäft der Eltern arbeiten musste. Alle­samt Erlebnisse, von denen Altersgenossinnen wohl ein Lied singen können.

Bemerkenswerte Szenen gelingen Regisseurin Christa Reißmann, wenn sich Jung und Alt im Tanz verbinden, die Älteren ihre jungen Partnerinnen mal von sich stoßen und dann wieder auffangen, als wollten sie die Geschichte vergessen. Los lässt es sie doch nicht.

Geht es um die Gegenwart, zeigen sich diese Rentnerinnen erfrischend optimistisch, mitunter gar selbstironisch. Selbstbewusst und witzig lobt eine ihre neue Hüfte, preist ihre Altersflecken und die schönen Falten. Und wenn sie gemeinsam zur Musik der Beatles tanzen, ist das Lebensfreude pur. Nur einmal wird thematisiert, dass sich eine zu Hause einigelt. Mit dem Alter kann sie sich wohl doch noch nicht ganz anfreunden, aber Mut, auf der Bühne zu stehen, hat sie bewiesen. Herzlicher Applaus krönte die Aufführung.

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