„Kohlhaas“ auf der Wanderbühne
Originelle, temporeiche Inszenierung der kleistschen Novelle im Pumpenhaus

Münster -

Eine Wanderbühne wie vor 200 Jahren: Fünf Schausteller, weiß geschminkt wie Harlekine, unterhalten ihr Publikum durch dilettantische Tricks, gaukeln vor, Messer zu schlucken, „verbiegen“ Löffel oder zeigen Handstand mit zaghaftem Überschlag. Eine witzige Parodie auf Straßenkunst und Zirkus, die allerdings mehr im Sinn hat als pure Unterhaltung. Es geht um „Geschichten von Gewalt“, genauer: um die kleistsche Novelle „Michael Kohlhaas“, die hier im Stil eines Volkstheaters erzählt wird.

Sonntag, 24.03.2013, 17:03 Uhr

Was hier ausschaut wie Jonglage für Anfänger, ist nichts anderes als eine spielerische Variante vom Rachefeldzug des Michael Kohlhaas. Die fünf Akteure boten den kleistschen Stoff als Parodie auf Straßenkunst und Zirkus dar.
Was hier ausschaut wie Jonglage für Anfänger, ist nichts anderes als eine spielerische Variante vom Rachefeldzug des Michael Kohlhaas. Die fünf Akteure boten den kleistschen Stoff als Parodie auf Straßenkunst und Zirkus dar. Foto: Willi Filz

„Heute: Kohlhaas “ ist der Titel dieser mehrfach ausgezeichneten Inszenierung von Claus Overkamp , einer Gemeinschaftsproduktion des belgischen Agora-Theaters in Zusammenarbeit mit dem Theater Marabu aus Bonn . Im Pumpenhaus brachten die Künstler ein Stück auf die Bühne, das durch Vielschichtigkeit fasziniert. Schon das Bühnenbild lässt diverse Per­spektiven zu: Links ist Platz für Schlagzeug und E-Gitarre, rechts blickt man in die Garderobe, in der Mitte befindet sich ein roter, meterlanger Samtvorhang – eine überdimensionierte Puppentheaterbühne, die auch als Folie für kunstfertiges Schattenspiel dient. Im fliegenden Rollenwechsel spielen, erzählen und singen fünf Darsteller die Geschichte des Pferdehändlers Kohlhaas, der durch einen Burgherren schikaniert wird, jedoch als einfacher Bürger im Kampf gegen die Obrigkeit keine Chance hat. Als auch noch seine Frau umgebracht wird, dreht der Mann durch, wird zum Brandstifter und Mörder.

Claus Overkamp, der Kleists Text mit Reden des Anarchisten Erich Mühsam kongenial verwoben hat, inszeniert den schweren Stoff mit Witz und Tempo. Grandios ist der Auftakt zu Kohlhaas’ Rachefeldzug, wenn Dutzende Handpuppen von hoch oben herunter auf die Bühne fliegen und mit einem Baseballschläger wieder hinaufkatapultiert werden. Herrlich auch die Szene, in der das Publikum den verhassten Burgherrn in Gestalt einer Handpuppe mit Bällen umwerfen darf, nicht zu vergessen die vielen inszenierten Pannen. Dass bei einem derart turbulenten Stück der Sinn für die Dramatik nicht verloren geht, liegt an den versierten Darstellern. In ruhigen Momenten gelingen bewegende Szenen, die nachdenklich machen in diesem letztlich zeitlos-aktuellen Stück um Recht und Freiheit.

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