Sie trommeln auf Leitern
Das Duo „Skills“ zeigt im Pumpenhaus „Der Aufbau“

Münster -

Ein fast leerer Bühnenraum mit Überresten vergangener Aufführungen. Es ist die Inszenierung vor der Inszenierung. Wenn Theater- und Konzertmacher die Bühne herrichten. Davon kriegt das Publikum nichts mit. Normalerweise.

Sonntag, 14.04.2013, 17:04 Uhr

Wie von der Tarantel gestochen: Camilla M. Fehér und Sylvi Kretzschmar bringen Dinge zum Klingen, mordsmäßig laut, aber höllisch gut.
Wie von der Tarantel gestochen: Camilla M. Fehér und Sylvi Kretzschmar bringen Dinge zum Klingen, mordsmäßig laut, aber höllisch gut. Foto: Carola Loeser

Anders ist es beim Stück „Der Aufbau“. Das Performance-Duo „Skills“ lässt das Publikum direkt teilhaben am Modellierungsprozess. Die Künstlerinnen Camilla M. Fehér und Sylvi Kretzschmar machen das Einrichten zum eigentlichen Konzert, probieren alles aus. Requisiten, Musikinstrumente, Ton, Licht und Mikrofone verlassen ihre Materialebene, werden zu Hauptdarstellern.

Mit ihrem „Aufbau“ begeisterte „Skills“ am Samstag bei der NRW-Premiere im Theater im Pumpenhaus das Publikum. Fehér und Kretzschmar arbeiten mit vollem Körpereinsatz wie zwei Berserker, die sich in einem Steinbruch aus elektronischer Musik und hin und her geworfenen Requisiten bis zur Ekstase und Erschöpfung spielen. Auf fliegenden Leitern trommeln sie, treten Klaviere mit Füßen und werfen Stühle so voller Wucht zusammen, als ob Knochen an den Wänden einer Tropfsteinhöhle zersplittern. „Der Aufbau“ bringt die Idee der Utopie als materielle Konstruktion auf die Bühne. Aus allen Materialien soll etwas völlig Neues entstehen.

Das gelingt Fehér und Kretzschmar nur in völliger körperlicher Verausgabung aus einem inneren Zwang heraus. Arme werden zu verlängerten Reglern, Beine zu Tastaturmechaniken, Menschen zu Robotern, die Maschinen nutzen, um visionäre Klänge zu erzeugen. So fremdgesteuert, zerfallen die angestrebten Klangkonstrukte zu seelenlosen Dissonanzen. Sie zerfallen wie der Glaube der Menschen an die Utopie, die Sucht nach einer besseren Welt. Deren Umsetzung scheint Lichtjahre entfernt, wie das Bühnenbild des „Aufbau“ am Ende kaum noch bespielbar ist. Die einzigen Texte von Fehér und Kretzschmar sind Zitate von Theodor W. Adorno, dessen Kulturpessimismus sie auf Kopfhörer lauschend und fast unberührt nachsprechen. Seine mahnenden Worte überleben den avantgardistischen Klangkosmos wie Zeitreisende, in dem Fehér und Kretzschmar die konstruktivistische Avantgarde der 20er Jahre mit dem experimentellen 70er-Krautrock, dem 80er-New- Wave, 90er-Techno und dem Industrial Noise der Nuller Jahre geschickt verquicken. Eine musikalische Materialschlacht – als Grundstock einer neuen, einer besseren Welt?

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