Als wäre es gestern gewesen
Westfalens älteste Urkunde wird 1200 Jahre alt

Münster -

Der Weg ganz tief hinein in die Geschichte ist eigentlich gar nicht weit. Im Magazin des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen am münsterischen Bohlweg lagert bei idealen klimatischen Bedingungen von etwa 17 Grad Celsius und rund 50 Prozent Luftfeuchtigkeit neben vielen anderen Urkunden der älteste geschriebene Schatz Westfalens und sogar ganz Nordwestdeutschlands: Es ist ein Diplom Karls des Großen aus dem Jahr 813. Auf den Tag genau an Christi Himmelfahrt wird die Urkunde 1200 Jahre alt.

Mittwoch, 08.05.2013, 17:05 Uhr

Schriftlicher Schatz: Dr. Mechthild Black-Veldtrup und Dr. Johannes Burkardt präsentieren im Magazin des Landesarchivs in Münster die älteste Urkunde Westfalens. Karl der Große ließ sie 813 ausfertigen und ein Wachssiegel mit einem stilisierten römischen Herrscher anbringen.
Schriftlicher Schatz: Dr. Mechthild Black-Veldtrup und Dr. Johannes Burkardt präsentieren im Magazin des Landesarchivs in Münster die älteste Urkunde Westfalens. Karl der Große ließ sie 813 ausfertigen und ein Wachssiegel mit einem stilisierten römischen Herrscher anbringen. Foto: Jürgen Christ

Dr. Mechthild Black-Veldtrup , Leiterin des Landesarchivs NRW, Abteilung Westfalen , und ihr Mitarbeiter Dr. Johannes Burkardt ziehen sicherheitshalber die weißen Handschuhe an, um das wertvolle Stück, das auf einem weißen Karton befestigt ist, nicht mit Fingerabdrücken zu beschädigen. Aber so, wie die stabile Pergament-Urkunde ausschaut und so klar und deutlich die Tintenschrift zu lesen ist, wird das wenige Monate vor dem Tod Karls des Großen ausgefertigte „Diplom“ bei idealen Lagerbedingungen sicher noch weitere tausend Jahre schadlos überstehen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Karl der Große konnte nach allem, was Historiker heute wissen, nicht schreiben. Es fehlt auch das Monogramm des Herrschers, das dieser im Regelfall mit einem einzigen Federstrich („Vollziehungsstrich“) vollendete und damit „beglaubigte“. Dennoch ist die Urkunde authentisch: Karl der Große, der in der 1. Zeile als „Karolus serenissimus Augustus“ vorgestellt wird, ließ die Pergamenturkunde in seinem Kaiserpalast in Aachen ausfertigen (letzte Zeile: „actum Aquisgrani palatio regio“) und auch sein Siegel anbringen.

Das Wachssiegel ragt aus der Urkunde heraus und zeigt in stilisierter Form „das Bildnis eines römischen Herrschers“, wie Dr. Mechthild Black-Veldtrup erklärt. In kunstvollen lateinischen Redewendungen berichtet die Urkunde über den Anlass der Privilegierung des Empfängers Asig (Adalrich) durch den Kaiser. Dieser lässt rückblickend die Verhältnisse während der Sachsenkriege und seine Kolonisationspolitik schildern.

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Das Archiv wird den 1200-jährigen „Geburtstag“ seiner ältesten Urkunde feiern. Am 13. Mai um 19 Uhr referieren Dr. Leopold Schütte und Prof. Dr. Uwe Lobbedey zum Thema „Die Frühgeschichte Corveys aus historischer und archäologischer Sicht“. Die Urkunde wird aus diesem Anlass auch im Vortragssaal in einer Vitrine ausgestellt. Ein Faksimile ist außerdem im Schaukasten des Hauses zu sehen.

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Die Urkunde dreht sich um den sächsischen Edlen Hiddi, der offenbar treu an der Seite Karls des Großen stand und im Gefolge des Krieges ein Stück Land im heutigen Kaufunger Wald bei Kassel in Besitz nahm und es schließlich an seinen Sohn Asig vererbte. Eigentlich aber war das Land Königsland. In diesem Diplom von 813 gewährt Karl nun dem Asig wegen seiner und des Vaters treuen Diensten das Recht, dieses vom Vater geerbte Gebiet als sogenannten „Bivanc“ (Beifang, das bedeutet: geschlossenes Landgebiet mit eigener Gerichtsbarkeit) zu behalten.

Im späten 9. Jahrhundert gingen die hier genannten Besitzungen übrigens an das Kloster Corvey über, so auch die Urkunde, die älter ist als das Kloster selbst. Das Corveysche Archiv gelangte dann vor 200 Jahren in den Besitz des Staatsarchivs Münster, das sich heute Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, nennt.

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