Kunst wird das Viertel verändern
Die Arbeiten für das Rehberger-Projekt vor dem Hauptbahnhof haben begonnen

Münster -

Als das „Beaubourg“ 1977 fertig gestellt worden war, stellte sich Empörung ein. Rohre und Leitungen außen? Als Fassade? „La Raffinerie“ nennen die Pariser das Kunst- und Kulturzentrum „Centre Georges Pompidou“. Es hat Architektur-Geschichte geschrieben und ist überaus beliebt. Nun ist Peter Cremer nicht Georges Pompidou und das Bahnhofsviertel nicht Frankreich. Aber Geschichte schreiben könnte das vom Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Bahnhofsviertel (ISG) initiierte und maßgeblich vorangetriebene Projekt schon. Die Fundamente sind inzwischen fast alle gelegt, in drei Wochen sollen die ersten Schaltkästen ihre Transformation erleben.

Freitag, 23.08.2013, 23:08 Uhr

Tobias Rehberger stellte im Frühjahr seine Modelle für die Schaltkästen im Bahnhofsviertel vor – hier das Modell an der Litfaßsäule Von-Steuben-Straße.
Tobias Rehberger stellte im Frühjahr seine Modelle für die Schaltkästen im Bahnhofsviertel vor – hier das Modell an der Litfaßsäule Von-Steuben-Straße. Foto: Matthias Ahlke

Als Cremer die Idee mit den „Schaltkästen“ hatte, war die Skepsis groß – auch bei Kasper König. Doch Tobias Rehberger fand diese Idee „schräg“, ließ sich begeistern. Und mit diesem renommierten Vertreter zeitgenössischer Kunst änderte auch der Skulptur-Projekte-Gründer seine Meinung: Es „könnte kurioserweise etwas wirklich Interessantes in Gang kommen“.

Mit Sparkasse, Kaiserhof, LVM und Aurelis fanden sich Sponsoren-Vorreiter, so dass das Projekt maßgeblich privatwirtschaftlich gestemmt wird. Die ersten Modelle sind bereits verkauft, um die Kunst mitzufinanzieren.

Die Stadtverwaltung arbeitet konstruktiv und kreativ mit, so dass dieses Projekt in verblüffend kurzer Zeit realisiert werden kann. Eine Firma aus Havixbeck ist mit der Herstellung beauftragt. Technische Fragen (Strom, Leitungen, Zugänglichkeit) werden in diesen Wochen geklärt. In spätestens einem halben Jahr wird das Bahnhofsviertel nicht wiederzuerkennen sein.

Oder genau das Gegenteil. Es erhält Charakter. Denn Rehberger ist kein Designer. Er hat nicht Objekte verbessert, sondern wird aus Unorten Plätze mit Aufenthaltsqualität schaffen. Technische Objekte wie eben Schaltkästen werden in Planungen oft vergessen und so lieblos irgendwo technisch sinnvoll platziert. Rehberger rückt diese Stiefkinder in den Mittelpunkt. Der Künstler greift das Material des Ortes (Rohre, Kabel, Energie) auf, stülpt sie gleichsam überdimensioniert und optisch geadelt nach außen. Jeder Kasten hat Sitzplätze unter einer Lampe, die den Titel des Projekts „Moon in Alabama“ verkörpert. Und jeder Münster-Mond ist einem Ort auf der Erde zugeordnet. Ist dort Vollmond, brennt das Licht in Münster.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie dieser massive Eingriff durch Kunst, diesen Raum verändert. Gerade das Bahnhofsviertel hat es verdient, auch wenn es nicht Paris ist.

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