Poetry Slam im Großen Haus
Wenn Dalibor Annette trifft

Münster -

Wenn Annette von Droste-Hülshoff neben einem Berliner Jung steht und verschmitzt den obersten Knopf ihrer Bluse aufmacht, freut sich das voyeuristische Publikum. Im Theater Münster bot sich am Freitagabend den Zuschauern eben diese Szene. Sie waren amüsiert über den spontanen Reiz einer eigentlich unmöglichen Liaison. Denn Annette ist tot, und ob sie der Typ des glücklicherweise noch unter uns weilenden Poetry-Slammers mit Namen „Dalibor“ gewesen wäre, scheint zumindest fraglich. Was sie dennoch eint, ist ihr gemeinsamer Sieg. Dalibor aus Berlin und „Annette von Droste-Hülshoff“ teilen sich neben einem 90 Euro teuren Whisky auch den ersten Platz im Dichterwettstreit der besonderen Art, dem „Dead or Alive Poetry Slam“.

Sonntag, 06.10.2013, 16:10 Uhr

Der Poetry-Slammer Dalibor (am Mikrofon) teilt sich den ersten Platz mit Annette von Droste-Hülshoff (Claudia Frost, linke Couch, Mitte). Nach dem Finale versammelten sich alle Beteiligten auf der Bühne. Nur einer fehlte: Klaus Kinski (Florian Steffens) schlich hinter der Bühne rauchend umher.
Der Poetry-Slammer Dalibor (am Mikrofon) teilt sich den ersten Platz mit Annette von Droste-Hülshoff (Claudia Frost, linke Couch, Mitte). Nach dem Finale versammelten sich alle Beteiligten auf der Bühne. Nur einer fehlte: Klaus Kinski (Florian Steffens) schlich hinter der Bühne rauchend umher. Foto: kwi

Das Junge Theater Münster und die Wortbühne TatWort hatte verstorbene Legenden der Literatur, die von Schauspielern verkörpert wurden, gegen lebende Slam-Poeten ins Duell geschickt. Durch den Abend führte das Moderatorenduo Andreas Weber und Stefan Schwarze, die neben bester Unterhaltung auch mathematisches Geschick unter Beweis stellten.

Auf die Suffgeschichte von Felix Römer ( Berlin ) folgte die morbide Annette (Claudia Frost), die statt des „Knabe-im-Moor-Vortrags lieber Käsebrot und Milch wollte und auch ganz anders kann – zum Beispiel humorvoll. Andy Strauß ( Münster ) entzückte mit einer Neuauflage des Zauberlehrlings von Goethe aus der Sicht des Besens („Du kannst schreiben, du kannst lesen – ich kann nichts, ich bin ein Besen“), und Aurel Bereuter kam nicht nur als Ernst Jandl, sondern auch als Buch zerreißender Marcel Reich-Ranicki auf die Bühne. Der beatboxende Poetry-Slammer Dalibor (Berlin) konnte mit seiner ganz besonderen Wortakrobatik („Halt meine Hand oder: Halt! Meine Hand!“) neben seiner morbiden Kollegin den lautesten Applaus ernten.

Die Befürchtung der Moderatoren, der folgende Verstorbene könnte ganz nach alter Manier seinen Auftritt überstrapazieren, bewahrheitete sich: Klaus Kinski (Florian Steffens) schuf mit seiner Gestik und Mimik, mit seinem Geschrei und seinen Pöbeleien eine Spannung in der Luft, die dem Publikum signalisierte: Hier kann noch so einiges passieren. Ganz kinskiesk musste er von der Bühne geholt werden. Zeitvorgaben für Klaus? Nicht wirklich.

Bevor Marlene Dietrich (Isa Weiß) pompös mit langer Schleppe und Glitzerregen die Bühne betrat und ihre andere, tiefgründige Seite zeigen konnte, schwebte noch das „Weißt du noch“ von Poetry-Slammerin Anke Fuchs (Bonn) durch den Raum.

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