„Sollen ist Unterwerfung – Wollen ist Macht“
Gelungene Identitätsfindung: Theater „Artig“ führt Woyzecks Marie zu sich selbst

MünsteR -

„Sollen ist Unterwerfung, Wollen ist Macht. Macht soll ich nicht haben . . .“ Ein Mädchen sitzt auf der Bühne des Pumpenhauses und sinniert über seine Position in der Gesellschaft. Die junge Darstellerin spielt Woyzecks Marie. In Georg Büchners Drama um den armen Soldaten ist die junge Frau hin- und hergerissen zwischen dem Vater ihres Kindes und dem feschen Tambourmajor. Eine Situation, die das Ensemble „Artig“ der Marienschule in seiner Produktion „Du hast ein’ roten Mund, Marie“ aufgreift und mit modernen Lebenssituationen verknüpft.

Donnerstag, 27.02.2014, 19:02 Uhr

Das Ensemble Artig der Marienschule zeigte im Pumpenhaus seine Sicht auf Büchners „Woyzeck.
Das Ensemble Artig der Marienschule zeigte im Pumpenhaus seine Sicht auf Büchners „Woyzeck. Foto: is

Unter der Spielleitung von Christian Reick ist den Schülerinnen ein Stück gelungen, das Beziehungsprobleme zeitgemäß auf die Bühne bringt. Die Texte der 14- bis 17-Jährigen und ihre gut ausgearbeiteten Szenen machen die Produktion bemerkenswert authentisch, auch wenn sie inhaltlich so weit wegführt vom Original, dass Büchners Tragödie nur noch assoziativ durchscheint.

Im Zentrum steht Jo, als Abkürzung des historischen Johann Woyzeck , der Büchner zu seinem Stück inspirierte. Hier dient er als Prototyp Mann, der zwar nirgends auftritt, von dem jedoch, in Auseinandersetzung mit diversen Maries, ständig die Rede ist. Etwa, wenn sich eines der Mädchen die Lippen rot malt, bereit für den (desillusionierenden) ersten Kuss mit Jo bei der „super Party am See“. Eine 32-Jährige kann sich nicht entscheiden, ob sie ein Kind von ihm möchte. Wieder eine andere ist bereits Mutter, fühlt sich jedoch an der Seite ihres Jo so allein, dass sie ihn schließlich verlässt.

Als Vaterfigur ist Jo nicht minder problematisch: Fast-Food-Fan Marie liefert sich hitzige Diskussionen mit ihrem Erzeuger, wenn es um Ernährung geht. Ein Scheidungskind nimmt seinen Vater vergeblich in die Verantwortung.

Die Frage: „Worauf soll das hinaus?“ zieht sich, mehrstimmig skandiert, wie ein roter Faden durch das Stück, sei es spielerisch in der „Jo-Show“ oder in einsamen Momenten am See. Wie bei Büchner endet das Stück auch hier an einem Teich, wenn sich das Ensemble in einem Wasserbecken aalt, nicht tot, sondern sehr lebendig. „Zwischen Sollen und Wollen liegt immer das Sein“, sagt das Mädchen am Ende. Marie hat zu sich selbst gefunden.

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