Karrieremenschen auf einem Seminar in freier Wildbahn
Vom Job regelrecht zerfressen

Münster -

Ein Mann in legerem Anzug läuft hektisch über die Bühne und drückt genervt auf seinem Handy herum. Sein Headset nützt ihm wenig, denn er befindet sich in einem entlegenen Waldgebiet, wo der Empfang denkbar schlecht ist. Als dann auch noch eine Frau auftaucht und die Situation mit falschem Lächeln kommentiert, wird er aggressiv. Dabei wollte der gestresste Coach hier in einem Seminar sein (Arbeits-)Leben optimieren.

Sonntag, 16.03.2014, 17:03 Uhr

Stressgeplagte Erfolgsmenschen treffen sich bei einem Seminar in freier Wildbahn wieder. Natürlich läuft dieses Zusammentreffen schnell aus dem Ruder.
Stressgeplagte Erfolgsmenschen treffen sich bei einem Seminar in freier Wildbahn wieder. Natürlich läuft dieses Zusammentreffen schnell aus dem Ruder. Foto: Meyer Originals

„Zu spät! Zu spät! Zu spät!“ ist der Titel von Lothar Kittsteins „Überforderungsprojekt“, das nach seiner Kölner Uraufführung im November nun im Pumpenhaus Premiere feierte. Ein Drama, mit dem der Autor den Ton der Zeit trifft, wenn er Seelenfitnesstrainer auf die Bühne bringt, die in die Natur flüchten, um schmerzhaft auf sich selbst zurückgeworfen werden. Denn so lange die fünf Teilnehmer auch warten, weit und breit findet sich kein Seminarleiter. Als dann auch noch ein Sturm einsetzt und umgestürzte Bäume die Wege versperren, gibt es kein Zurück mehr. Hat das alles Methode? Wird die Gruppe vielleicht sogar gefilmt, während Einzelne allmählich die Beherrschung verlieren, Alkohol trinken, sich sogar einmal prügeln?

Regisseur Michael Lippold gelingt es, auf der effektvoll ausgestatteten Bühne aus verschiebbaren Wänden und Videoprojektionen (Sarah Bernardy/Freya Hattenberger) die Spannung bis zum Ende zu steigern. Hält Kittsteins satirisches Stück in der ersten Hälfte viele groteske Momente bereit, spitzt sich die Situation zu, als sich die Teilnehmer gegenseitig entlarven. Traumatische Erlebnisse und verletzte Gefühle treten zutage. Sind die Figuren auch beruflich etabliert, so ist ihr Privatleben vom Job zerfressen. Michael Lippold führt mit seinem famosen Ensemble die auf Leistung getrimmte Gesellschaft sich selbst ausbeutender, beständig „optimierender“ Individuen ad absurdum. Mal witzig und überzogen, mal schmerzhaft werden persönliche Grenzen von Menschen offenbar, die allzu oft negiert werden. Ein prägnantes, hochaktuelles Stück, in dem sich jeder auf seine Weise wiedererkennen kann.

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