Tanztheater „Envol“ zeigt „George Sande“-Abend im Kreativ-Haus
Frauenrechtlerin im Kampf mit der Tochter

Münster -

In roten Stoff gewickelt wie in einen Kokon, steht die Tänzerin auf der Bühne. Als sie sich dem Tuch entwindet, spannt sich der Stoff als breiter Faden mehrfach quer durch den Bühnenraum – eine gefährliche Falle. Das Opfer, das dieser diabolisch wirkenden Frau wie paralysiert ins Netz geht, ist der berühmte Musiker und Komponist Frédéric Chopin. Die Tochter der einst so berüchtigten Schriftstellerin George Sand, Solange Sand, lockt ihn hinein und macht der eigenen Mutter so den Geliebten streitig. Letztere schaut hilflos zu . . .

Montag, 28.04.2014, 19:04 Uhr

Wie ein Schmetterling tanzt Solange Sand für den alternden Chopin.
Wie ein Schmetterling tanzt Solange Sand für den alternden Chopin. Foto: Isabell Steinböck

Juliette Boinay begibt sich mit ihrem Tanztheater „Envol“ auf Spurensuche. „Ich schreibe, ich liebe, ich lebe!“ ist der Versuch einer Annäherung an die Frauenrechtlerin Sand, die vor rund 200 Jahren gesellschaftliche Konventionen sprengte, indem sie Männer-Kleidung trug, Zigarren rauchte und sozialkritische Artikel wie auch Romane schrieb, die zur damaligen Zeit als skandalös empfunden wurden. Im Kreativ-Haus feierte das Stück Premiere; es ist die dritte Produktion von Boinays semi-professionellem, achtköpfigem Ensemble.

Die 30- bis 60-jährigen Darstellerinnen zeigten abwechslungsreiche Szenen, wenn sie nacheinander in die Rolle George Sands schlüpften, sie mal männlich, mal weiblich darstellten, jung und vor Freude tanzend, oder gealtert, am Schreibtisch sitzend und aus ihren Briefen zitierend. Juliette Boinay schöpft ein breites Bewegungsrepertoire aus, zeigt moderne Choreographien am Boden wie auch klassischen Walzer, dann wieder kantigen Tanz zur Popmusik oder transzendent wirkende Szenen.

Eindrucksvoll sind die Momente, in denen Mutter und Tochter in Konkurrenz zueinander treten. Wenn die Jüngere den von seiner Krankheit gezeichneten, Blut hustenden Chopin wie ein tanzender, gelber Schmetterling umkreist oder auch rohe Gewalt gegen die Mutter zum Vorschein kommt. Chopin selbst in seiner weißen Kleidung wirkt dagegen geradezu unantastbar, sich selbst und seiner Musik ausgeliefert, die Boinay in fließende Bewegung übersetzt.

Alles in allem entsteht so das Bild einer selbstbewussten, leidenschaftlichen Frau, die ihrer Zeit voraus war. Herzlicher Applaus.

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