Kurioses Stück bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen
Tanzen, trinken, grölen

Recklinghausen -

„Sag mal“, fragt eine der Schauspielerinnen, „meinst du, es wird noch schlimmer?“ Fröhlicher Applaus: Die Zuschauer hegen die gleichen Befürchtungen. Schon zuvor klatschten sie, als auf der Bühne jemand sagte: „Wir arbeiten an einigen Schwachstellen.“ Während andere längst das Theater verlassen haben.

Sonntag, 18.05.2014, 15:05 Uhr

Sechs Akteure suchen einen Sinn: Ihr Tanz zu Beginn von „Purpurstaub“ ist bereits eine lustvolle Zumutung des Regisseurs.
Sechs Akteure suchen einen Sinn: Ihr Tanz zu Beginn von „Purpurstaub“ ist bereits eine lustvolle Zumutung des Regisseurs. Foto: Julian Roeder

Regisseur Sebastian Hartmann macht seinem Ruf alle Ehre. Vor zwei Jahren hatte er bei den Ruhrfestspielen eine schräge Bühnenversion von „Krieg und Frieden“ präsentiert und manchen Zuschauer verschreckt. In diesem Jahr bringt er als Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart „Purpurstaub“ von Sean O’Casey heraus – und hat nach vier Stunden Aufführungszeit so viele Leute hinausgetrieben, dass sich sein Ensemble von den Gebliebenen buchstäblich per Handschlag verabschiedet.

„Purpurstaub“, eine Komödie um zwei reiche Engländer, die in einem alten Tudor-Gebäude das irische Landleben genießen wollen, geht nach pompöser Ouvertüre sehr irisch los: Sechs Schauspieler tanzen zu Volksmusik. Tanzen, trinken, tanzen, essen, tanzen, grölen ... So geht das fünf Minuten, zehn Minuten, schier endlos weiter – und wenn sie endlich aufhören, ertönen die ersten Buhrufe. In dieser Zeit hätte mancher Regisseur den ersten Akt inszeniert – bei Hartmann hat er noch gar nicht begonnen.

Mit lustvoller Konsequenz verfolgt der Regisseur seine Strategie, das Stück nicht zu inszenieren, sondern in Bestandteile zu zerpflücken, die er dann ins Groteske steigert. So wird Nebentext bisweilen wichtiger als Dialog: Ein Schauspieler spricht die englischen Szenenanweisungen, und als Übertitel werden Wort-Übersetzungen eingeblendet, bis ein ganzer Lexikonartikel die Dimension sprengt. Stunden später verkündet ein Akteur: „Dritter Akt!“ Ah, denkt man, der Abend kriegt Struktur. Doch mit den beiden Worten füllt der Schauspieler die kommende Viertelstunde, macht ein dadaistisches Gedicht daraus oder deklamiert sie mit pathetischen Gesten.

Jede normale Verabredung zwischen Bühne und Publikum wird ad absurdum geführt: Mini-Dialoge dauern ewig, die Akteure schwäbeln oder berlinern grausam herum, eine Frau mit Bart veralbert den österreichischen Tonfall. Auch Bühnenbild und die Musik werden dieser Prozedur unterworfen.

Viele Zuschauer folgen deshalb gern der Aufforderung, zwischendurch mal rauszugehen – die wenigsten kehren zurück. Dabei hat vieles, was Hartmann mit sechs Schauspielern und einem Musiker anzettelt, absurden (oder albernen) Witz: Der echte (!) Hahn, den die Stadtbewohner für eine Kuh halten, gehört ebenso dazu wie Reminiszenzen an Marcel Marceau, Hape Kerkeling, Didi Hallervorden ... Listig spielt der Regisseur ein Interview mit O’Casey ein, der sich von den Realismus-Ansprüchen ans Theater distanziert. Richtig lustig wird der Abend, wenn die Aufführung selbst thematisiert wird. „Im Herzen sind Sie bei uns“, ruft ein Geistlicher mit rheinischem Tonfall den flüchtenden Zuschauern nach – und studiert mit dem Rest einen Kanon ein.

Das fröhliche Zerfleddern, dem auch der Vorhang zum Opfer fällt, kristallisiert aber auch die Frage des Textes heraus „Wo ist die wirkliche Welt?“ Mit dem Theater sollte man sie zumindest nicht verwechseln. Vielleicht ist darum das letzte Wort, das man als Leuchtschrift auf der Bühne sieht, der Schluss des Titels: Dust – Staub.

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