Louise Lecavalier mit „So blue“ im Pumpenhaus
Wie unter Strom

Münster -

Eine Frau in Trainingshose und Shirt jagt in rasantem Tempo über die Bühne. Mal sind es ihre flinken Füße, die in kleinen Schritten vorwärts drängen, mal die flatternden Hände, dann ist es plötzlich ein Bein, zitternd, wie unter Strom. Getrieben von den wummernden Bässen des Elektrosounds (Musik: Mercan Dede) wirkt diese zarte Tänzerin ruhelos, gehetzt, verwundet. Dass irgendwann ein Mann neben ihr auftaucht, der ihre zappelnden Glieder mit stoischer Geduld einzufangen versucht, bringt sie nur in kurzen Augenblicken zum Stillstand.

Sonntag, 01.06.2014, 17:06 Uhr

Louise Lecavalier und ihr Partner Frédéric Tavernini faszinieren im Pas de deux mit grandiosen Hebungen und Pirouetten.
Louise Lecavalier und ihr Partner Frédéric Tavernini faszinieren im Pas de deux mit grandiosen Hebungen und Pirouetten. Foto: Carl Lessard

Die kanadische Tänzerin und Choreografin Louise Lecavalier , die mit ihrer Produktion „So blue“ im voll besetzten Pumpenhaus gastierte, gilt als Ikone des zeitgenössischen Tanzes. Ihre Auftritte mit den La La La Human Steps in atemberaubenden Choreografien von Édouard Lock haben sie in den 1980er und 1990er Jahren berühmt gemacht. Nach einem Unfall musste sie kürzertreten, versuchte sich in Langsamkeit; jetzt scheint es, als hätte sie ihre unerschöpfliche Energie wiedergefunden.

Im Zentrum des Geschehens steht die Physis: „Ich wollte dem Körper erlauben, alles zu sagen, was er möchte oder kann“, schreibt die charismatische Künstlerin im Programm. Aus spontanen Bewegungen sollte etwas Ehrliches erwachsen. Was das sein kann, bleibt wohl jedem Zuschauer selbst überlassen. Louise Lecavalier, die das Stück gemeinsam mit ihrem Bühnenpartner Frédéric Tavernini entwickelt hat, scheint sich nur ungern festlegen zu wollen. Immerhin bietet ihr abstraktes, melancholisches Stück Raum für Assoziationen.

Sei es Unfreiheit oder Einsamkeit, die meiste Zeit ist man doch so fasziniert von der hochvirtuosen Leistung dieser Mitte 50-Jährigen und ihrem sich selbst entgrenzenden Tanz, dass die Suche nach Bedeutung in den Hintergrund tritt. Großartig ihr Pas de deux mit Tavernini, ihre grandiosen Hebungen und Pirouetten, die an die Ästhetik Édouard Locks erinnern. Und berührend der Moment, als Louise Lecavalier auf dem Kopf steht, mit nacktem, bebendem Waschbrettbauch, um laut in sich hinein zu schluchzen. Ein seltener Augenblick der Ruhe und vielleicht ein Moment der Ehrlichkeit ...

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