„Frpp! Drrrt! Tüt!“
Klangchor der Paradeiser-Productions interpretiert die Musik der Maschinen

Münster -

„Das Leben von früher war nichts als Stille“, sagt der Conférencier des Konzerts, Thomas Schweins. „Dann kamen die Maschinen.“ Tatsächlich? Gab es vor der Industrialisierung etwa keine Postkutschen, die übers Pflaster ratterten? Glocken, die läuteten? Bäche, die plätscherten, und Mühlräder, die darin schaufelten? Man merkt: Die Geräusche, um die es hier geht, sind maschineller Natur – ausschließlich. Die Chormitglieder imitieren die eigene Arbeitswelt, und die ist dominiert von Kopiergeräten, Motoren, Fabriklärm. So hatten es Futuristen wie Luigi Russolo vor 100 Jahren vorausgesehen – und das Geräusch zur Musik der Zukunft erkoren. Arrangiert und gebündelt zu einer heulenden, dröhnenden oder knisternden Symphonie der Geräusche.

Donnerstag, 05.06.2014, 21:06 Uhr

Im postfuturistischen Chorkonzert versuchen Menschen die „Stimmen“ der Maschinen nachzuahmen. Die münsterischen „Paradeiser Productions“ stellten dieses ungewöhnliche Projekt im Pumpenhaus vor. Die Leitung hat Kai Niggemann (l.).
Im postfuturistischen Chorkonzert versuchen Menschen die „Stimmen“ der Maschinen nachzuahmen. Die münsterischen „Paradeiser Productions“ stellten dieses ungewöhnliche Projekt im Pumpenhaus vor. Die Leitung hat Kai Niggemann (l.). Foto: Dominic Sehak

Und die Sängerschaft summt und raunt, klickt und klackt, schnalzt und schmatzt. Sirenen heulen „Ääääääh!“. Maschinen machen „ Frpp ! Drrrt ! Tüt!“. Man hört das fasziniert und grinst sich manchmal eins – denn Stimmen klingen letztlich immer menschlich. Und so driften manche Sounds dann eben doch in Richtung Tiergeheul oder „Indianer-Kriegsgeschrei“. Und die Maschinen sind ganz weit entfernt.

Chorkonzerte mobilisieren meist viel Publikum aus dem Umfeld der Chormitglieder. Das Pumpenhaus platzte aus den Nähten, der Beifall war lang und herzlich. Kein Wunder, unter den zahllosen Chor-Events in Münster war das, was Kai Niggemanns Dirigat hier mit perfekter Präzision aus den Kehlen kitzelte, fraglos etwas Besonderes. Da zischte und wuschte der Chor zunächst unsichtbar hinterm Glitzervorhang. Da kamen Schalltrichter aus Plastik zum Einsatz, da kam gelegentliches „Telekom-Gedudel“ und in der Folge Kichern aus dem Publikum.

Die Regie (Ruth Schulz, „Paradeiser Productions“) wirkte möglicher Monotonie durch Umgruppierungen im Raum entgegen. Außerdem veranstalteten die Chormitglieder ein Defilee „traditioneller“ Musiker, deren Namen von Mozart über Herbie Hancock bis zu Rolf Zuckowski reichten. „Wir haben die Klänge der alten Meister geliebt, aber wir sind ihrer überdrüssig geworden“, zitierte Thomas Schweins die Futuristen. Diese allerdings suchten das „echte“ Geräusch mittels eigener, neuartiger Tonerzeuger („Intonarumori“).

Was die „AG Klang“ hier zelebrierte, ging den umgekehrten Weg. Und leider macht es mehr Spaß, in der Maschine das Menschliche zu suchen, als das Maschinenhafte im Menschen.

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Das nächste Konzert ist am Freitag (6. Juni) um 20 Uhr im Pumpenhaus: Karten: ✆ 23 34 43.

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