Villon-Abend im Bennohaus
Schön statt wild

Münster -

„Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ – so schmachtete einst Klaus Kinski, als er den mittelalterlichten Dichter François Villon rezitierte. Der Schauspiel-Beserker Kinski identifizierte sich mit dessen rauen, rebellischen Texten und kroch geradezu in sie hinein. Dabei stammt der „Erdbeermund“ (Die verliebte Ballade für ein Mädchen namens Yssabeau) gar nicht von Villon, sondern dem Expressionisten Paul Zech, der in den 1930er Jahren Villon frei eindeutschte und noch freier Eigenes hinzudichtete.

Dienstag, 10.06.2014, 17:06 Uhr

Villon-Freunde (v. l.): Friedrich Raad, Barbara Uhling, Hans Doetsch und Christine Schräder.
Villon-Freunde (v. l.): Friedrich Raad, Barbara Uhling, Hans Doetsch und Christine Schräder. Foto: zin

Die berühmte Ballade stand auch am Beginn des Villon-Abends im Bennohaus . Zwar hatte Sänger und Rezitator Friedrich Raad („Theater der Dämmerung“, Düsseldorf ) ein mittelalterliches Wams angelegt, doch man erkannte Villon , den triebhaften Raufbold und Vaganten kaum wieder. Er wirkte eher wie ein moderner, melancholischer Softie, der Witz und Wut nicht hinausbrüllt, sondern sie in gepflegten Sarkasmus kleidet.

Der Eindruck wurde durch die Vertonungen des anwesenden Komponisten Hans Doetsch noch verstärkt. Die Lieder mit Klavierbegleitung (sehr gut: Barbara Uhling) bewegten sich in vertrauten romantischen Bahnen, nahmen sich süffige Anleihen bei Grieg oder Chopin und würzten das Menü mit einer kräftigen Prise Chanson. Schön – aber eben nie wild. Auch Hans Doetsch, so erzählte er im Gespräch, konnte sich vor über 25 Jahren in Villons Wut und Liebesschmerz wiederfinden: Als frisch Verlassener kam er so zur „Ballade an eine treulose Freundin“.

Oft hat Villon die Frauen besungen. Hier durften sie sich selbst besingen: Wenn die Jazz-Sängerin Christine Schröder die „Sommerballade von der armen Louise“ lerchenhell anstimmte, war Villon endgültig in urbanen Chanson-Gefilden angelangt. Mädchenträumerei statt Mittelalter-Machismo.

Dem kleinen Kreis von Zuschauern gefielen diese Villon-Deutungen ausnehmend gut. Sie kannten eben nicht die genialen Vertonungen des Schweizer Trios Vollenweider, Bardet und Valentini. Dessen folkig-jazziges Kräutergebräu ist auf Youtube zu bestaunen.

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