Orgelsommer in Münster:
Von der „Marktlücke“ zum Kult

Münster -

Alles begann vor gut 42 Jahren. Da klingelte einen schönen Tages das Telefon daheim bei Martin Blindow, damals Kirchenmusikdirektor und Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Uni. Am anderen Ende der Leitung: der Chef des damaligen Verkehrsvereins der Stadt Münster mit der Frage, ob er, Blindow, sich vorstellen könne, eine „kulturelle Marktlücke“ zu füllen. Mitten in den Sommerferien! Blindow erinnert sich noch heute an dieses Telefonat: „Ich fand den Ausdruck ‚kulturelle Marktlücke’ toll.“ Was ist das Ergebnis dieses Telefonates? Die Orgelsommerkonzerte, die nun seit 1973 Jahr für Jahr stattfinden und alles andere sind als sommerliche Lückenfüller. Mit Ende des diesjährigen Zyklus’ Mitte August übergibt Martin Blindow deren Leitung an Tomasz Adam Nowak, Organist von St. Lamberti.

Donnerstag, 31.07.2014, 17:07 Uhr

Stabwechsel: Tomasz Adam Nowak   (l.), Organist an St. Lamberti, übernimmt ab 2015 die Leitung der Orgelsommerkonzerte von Martin Blindow.
Stabwechsel: Tomasz Adam Nowak   (l.), Organist an St. Lamberti, übernimmt ab 2015 die Leitung der Orgelsommerkonzerte von Martin Blindow. Foto: Lukas Speckmann

Anfangs zeigte sich Martin Blindow eher skeptisch. „Ich habe mich gefragt, wer da zum Konzert kommen soll. Mitten im Sommer und seinen warmen Temperaturen.“ Gleichwohl: ein erster Konzertreigen wurde terminiert – und der Publikumszuspruch war überraschend groß. Grund genug, dieser Premiere gleich einen nächsten Zyklus folgen zu lassen. Die Unterstützung seitens des Verkehrsvereins lief gut. „Es gab sogar riesige Transparente vor dem Hauptbahnhof, mit denen geworben wurde“, erinnert sich Blindow.

Von Anfang an konzen-trierte sich das Angebot auf die Innenstadtkirchen mit ihren Orgeln, von denen indes nicht jede geeignet war. In St. Lamberti etwa stand erst ab 1989 mit der Schuke-Orgel ein erstklassiges Ins-trument zur Verfügung. Fast immer mit dabei war die Clemenskirche mit ihrer vorzüglichen Akustik, ihrem barocken Charme – und ihrem kleinen Örgelchen.

Längst ist in all den Jahren ein festes Stammpublikum herangewachsen, dem sich natürlich auch immer wieder etliche Touristen hinzugesellen. Und genau so war es gedacht. Interessant ist Martin Blindows Beobachtung, dass in den Anfangsjahren zu über neunzig Prozent Barockmusik auf den Programmen stand. „Das war damals das Standardrepertoire.“ Erst später seien Romantiker wie Felix Mendelssohn Bartholdy oder Max Reger hinzugekommen, danach Franzosen wie Louis Vierne oder Charles-Marie Widor. Damit spiegeln die Orgelsommerkonzerte einen Trend, der für die ganze Orgelszene typisch ist.

Organisten sind in der Regel entbehrungsreiche Künstler. Kaum einer von ihnen verdient sich einen goldenen Fingernagel, auch nicht in Münster . Und doch: die meisten konzertierenden Gäste beim Orgelsommer kamen und kommen immer sehr gern wieder.

Woran das liegt? „Weil sie in unserer Stadt auf ein gutes Publikum treffen. Und viele haben mir gesagt, so eine perfekte Organisation wie hier fände man selten“, so Blindow. Und da kommt Christiane auf dem Kampe mit ins Spiel. Sie ist sozusagen die „gute Seele“ (nicht nur) dieser Konzerte, kümmert sich um das Drumherum, hegt und pflegt die Künstler. „Ohne sie wäre der Zyklus nicht denkbar“, unterstreicht Blindow.

Christiane auf dem Kampe wird auch weiterhin dabei sein, wenn der Orgelsommer ab 2015 von Tomasz Adam Nowak geleitet wird. Von dessen internationalen Beziehungen in die Szene hinein profitiert die Reihe schon seit einigen Jahren. So konnten bereits mehrfach renommierte ausländische Interpreten nach Münster geholt werden, auch 2014.

Gefragt, ob jemals etwas gründlich schief gegangen sei, antwortet Blindow mit einem klaren „Nein“. „Nur ein einziges Mal musste ein Termin abgesagt werden: just vor wenigen Wochen, weil Klaus Vetter krankheitsbedingt ausfiel.“ Bleibt Tomasz Adam Nowak zu wünschen, dass er in den nächsten 41 Jahren ebenso viel Glück hat wie Blindow.

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