Rehbergers „Baku“ zwischen Eurovision Song Contest und Henry Kissinger
Der Wonnemond im Erdöl-Feld

Münster -

„Baku“ ist unscheinbar, fast langweilig. Drei Rohre und eine Laterne. Kein Neon, kein Wulst, keine Ringelchen, nicht mal ein Knoten. Öde. Verdächtig! Zwei Spuren führen von der Rehberger-Skulptur an der Windthorststraße zum Schmierstoff von Macht und Geld und Politik: Erdöl.

Donnerstag, 21.08.2014, 09:38 Uhr

Natur vor Kultur: Der Lampen-Mond sollte über einen Ast des Baumes hängen. Der ist aber ein Naturdenkmal. Also musste der Künstler umplanen.
Natur vor Kultur: Der Lampen-Mond sollte über einen Ast des Baumes hängen. Der ist aber ein Naturdenkmal. Also musste der Künstler umplanen. Foto: Matthias Ahlke

Erste Spur: die Farben. Rohre werden lackiert, damit der „Durchflussstoff“ für die Feuerwehr erkennbar ist. Demnach kämen hier Gas- (Gelb) und Wasser-Leitungen (Grün) ans Tageslicht. Ein erster Hinweis. Noch deutlicher wird das Farbenspiel im Vergleich mit den Fahnen, den Fahnen der BASF. Der Chemiekonzern mit Niederlassung in Münster betreibt auch das Museum für Lackkunst, an dem die drei Rohre und der Mond stehen. Bei dem weltweit größten Hersteller von Lacken und Bautenanstrichen geht kaum etwas ohne Erdöl. Da schließt sich der Kreis zu Baku .

Zweite Spur: „Baku“ ist der Titel dieser Rehberger-Skulptur. Die Hauptstadt Aserbaidschans ist historisch gesehen nicht für ihren Eurovision Song Contest 2012 bekannt. Baku lieferte vor hundert Jahren die Hälfte des weltweit benötigten Erdöls. Öl und Gas traten dort sogar natürlich an die Oberfläche. Im Ateschgah (Tempel des Feuers) wurde dadurch eine heilige Flamme gespeist. Das Wappen der Stadt zeigt drei Feuer. Der ältere Bruder von Alfred Nobel gründete in Baku eine Ölgesellschaft: Ein Ölboom begann; die Ölkönige von Baku ließen sich von westeuropäischen Architekten neugotische und Jugendstilpaläste bauen. Die Altstadt ist heute Weltkulturerbe.

Der berüchtigt scharfsinnige US-Außenminister Henry Kissinger formulierte einmal: „Wer das Öl kontrolliert, der beherrscht die Staaten; wer die Nahrungsmittel kontrolliert, der beherrscht die Völker; und wer das Geld kontrolliert, der beherrscht die Welt!“ Das war auch den Kommunisten klar. Stalin arbeitete hier als junger Mann sogar als Angestellter der Rothschilds, was ihn nicht hinderte, Raffinerien niederzubrennen und als „Jungrevolutionär“ Geldtransporte zu überfallen. Mit Lenin endete der Ölboom im Jahr 1917. Die Rothschilds und Nobels mussten Aserbaidschan verlassen. Heute zeigt die Flagge des Landes statt Hammer und Sichel wieder Halbmond (Symbol für den Islam als vorherrschende Religion des Landes) und Stern (Symbol der acht turkstämmigen Völker).

Eine schöne Verbindung zu Baku (was übersetzt „Stadt der Winde“ heißt) gibt es zu Bayreuth. Dort hat Frank Castorf Wagners „Ring“ als den Kampf ums Erdöl inszeniert und lässt die „Walküre“ in der Erdölstadt Baku spielen. Hier besingt Siegmund seine (zu) intensive Liebe zur Schwester Sieglinde: „Winterstürme wichen dem Wonnemond “. Ein schönes Wort dafür, wie Erstarrung durch liebevolles Begehren überwunden werden und Bewegung einsetzen kann. Vielleicht ist es angesichts von drei grün-gelben Rohren mit einer Laterne übertrieben, sich einen „Wonnemond über den Erdölfeldern“ zu wünschen. Angesichts der Öl-Abhängigkeit der Weltwirtschaft und des absehbaren Endes der Erdölreserven vielleicht weniger. Der Ölhunger wird immer größer. Die Sucht ist so groß, dass Firmen bereit sind, Trinkwasser-Reservoirs zu gefährden. Stichwort: Fracking. Zwei der Rehberger-Rohre sind grün. Ingenieure färben Rohre, die Wasser führen, grün. Früher war Gold ein Kriegsgrund. Heute ist es Öl. Morgen könnte es Wasser sein.

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Die Westfälischen Nachrichten legen jede der elf Skulpturen der Arbeit „The Moon in Alabama“ von Tobias Rehberger auf die Couch, prüfen sie auf Herz und Nieren und schauen, ob sie noch alle Tassen im Schrank hat, und wenn ja, welche. Schließlich geht es darum, den künstlerischen Wert auszuloten, der heutzutage nicht zuletzt darin besteht, welche Assoziationskraft eine Kunst zu entfalten vermag. 

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