Amateurbühne Münster-Ost zeigt Entführungsdrama
Selbstjustiz der braven Mitbürger

Münster -

Es ist ein ernstes Thema, das das Stück „Der Fall Rautermann“ von Jürgen Baumgarten verhandelt und das von der Amateurbühne Münster-Ost im Pfarrer-Eltrop-Heim seine Premiere erlebte. Es geht um Selbstjustiz unbescholtener Bürger, die in der Freizeit kegeln gehen, sich jetzt aber veranlasst sehen, das Geschehen selbst in die Hand zu nehmen, nachdem Polizei und Behörden dem mutmaßlichen Kinderschänder seine Taten nicht beweisen können und die betroffenen Mädchen verschwunden bleiben.

Montag, 01.09.2014, 19:09 Uhr

Der mutmaßliche Kinderschänder ist in der Hand der Bürger-Justiz, die hier kurzen Prozess machen will.
Der mutmaßliche Kinderschänder ist in der Hand der Bürger-Justiz, die hier kurzen Prozess machen will. Foto: Michael Schardt

Die Bürger entführen den Verdächtigen aus dem Krankenhaus und bringen ihn in ein Verließ. Regisseurin Maren Lerche hatte das unbekannte Drama für die Inszenierung ausgesucht, nachdem sie bereits 40 andere Stücke gelesen und verworfen hatte.

Die Handlung setzt im Stile eines analytischen Dramas mit der Vorführung des Delinquenten in der Gefangenschaft ein, um von ihm ein Geständnis der vergangenen Taten zu erfragen, notfalls auch unter Gewaltanwendung zu erpressen. Über Internet und Video live verbunden mit der Öffentlichkeit, soll die Welt draußen Zeuge des Geständnisses werden. Doch dann weihen die anonymen Entführer (Yvonne Harbich, Ingrid Wrede-Evels, Daniela Hölker, Philipp Hülsmann) eine der betroffenen Mütter (Petra Neuhaus) in die Aktion ein und machen entscheidende Fehler. Das Stück schafft Grenzsituationen, wo Täter unversehens zu Opfern werden und umgekehrt.

Rautermann, vielschichtig von André Froese dargestellt, ist ein Filou, ein Chamäleon, ein verschlagener Märchenerzähler, ebenso geltungssüchtig wie redegewandt, ebenso bemitleidens- wie hassenswert. Mit seinen Geschichten klopft er sogar seine Entführer weich und lässt das Publikum im Zweifel, was an den ihm vorgeworfenen Taten wirklich dran ist. Der Clou der Handlung ist ein Publikumsvoting, das den Titelhelden schuldig oder unschuldig sprechen soll. Entsprechend sind zwei unterschiedliche Schlussszenen möglich.

Das Stück ist um Deutlichkeit und Plausibilität der Handlung bemüht und setzt in der Inszenierung vornehmlich auf die emotionale Wirkung. Ungewohnt ist, dass Selbstjustiz nicht als blinder Eifer einer außer Rand und Band geratenen Masse dargestellt wird, sondern als wohlkalkuliertes Vorgehen weniger ganz „normaler“ Mitbürger.

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Weitere Aufführungen am 20. und 27. September um 20 Uhr und am 21. September um 17 Uhr, Pfarrer Eltrop-Heim (Wolbecker Straße 121a).

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