Amüsante Trinkgeld-Tricks
ChrisTine Urspruch las in Münster Texte über das Unterwegssein

Münster -

Sie weiß, dass alle hier sie kennen – „aus dem Tatort“. Das Wort „Münster“ schickt der Chor der Zuhörer von alleine hinterher. Und obwohl ChrisTine Urspruch gesteht, die Szenen als „Alberich“ in der Rechtsmedizin meistens im „Großraum Münster“, sprich: in Köln, zu drehen, ist sie für das Publikum, das am Mittwochabend zu ihrer Lesung mit Musik gekommen ist, ein Teil von hier. Ihr Auftritt fühlt sich folglich wie ein Heimspiel an.

Donnerstag, 23.10.2014, 18:10 Uhr

ChrisTine Urspruch dreht zwar viele Szenen der „Tatort“-Krimis in Köln, hatte aber gemeinsam mit dem Saxofonisten Christian Segmehl ein Heimspiel in Münster.
ChrisTine Urspruch dreht zwar viele Szenen der „Tatort“-Krimis in Köln, hatte aber gemeinsam mit dem Saxofonisten Christian Segmehl ein Heimspiel in Münster. Foto: Gunnar A. Pier

Dabei geht es an diesem Abend auf Einladung der Veranstalter Weverinck und „Kap.8“ ums Reisen, ums Unterwegssein – ein Zustand, den Urspruch, die vom Saxofonisten und Echo-Preisträger Christian Segmehl begleitet wird, selbst gut kennt. Und es ist nicht schwer zu ermessen, dass es dabei vermutlich weniger idyllisch zugeht als bei Robert Walsers „Fußwanderung“, mit der die Schauspielerin den Abend eröffnet, gefolgt von Wilhelm Buschs Gedanken über die „Wanderlust“ – und über die Hühneraugen, die diese zeitigt.

Der Saal der Stadtwerke, das Ausweichquartier für das vom Unwetter im Sommer gebeutelte Bürgerhaus Kinderhaus, ist in Dunkelheit getaucht. Einzig die Bühne ist angestrahlt. Darauf: ein Tisch, zwei Stühle, ein Saxofonhalter, ein Notenständer. Schnell zeigt sich, wie wohltuend – und mag sie noch so schräg klingen – die Musik von Christian Segmehl ist: Die Gedanken können (k)reisen vor dem nächsten Lesestück.

Die Texte hat ChrisTine Urspruch klug ausgewählt. In Hedda Adlons Biografie etwa, die amüsante Einblicke in die „Trinkgeld“-Trickserei der Pagen erlaubt, trifft Urspruch – trotz sanfter, klar artikulierender Stimme – die Typen gut im Ton. Mit sparsamsten Mitteln: Da wird mit kecker Attitüde ein „vielleicht“ gedehnt, bringt ein knappes „Oh“ größte Verwunderung zum Ausdruck.

Urspruch lächelt entspannt, während Christian Segmehl eine nicht unanstrengende Improvisation des Japaners Ryo Noda auf Milhauds „Brasileira“ auf dem Alt-Saxofon darbietet. Und dann kommt, durch die Pause unterbrochen, der stärkste Teil der Lesung, der mit Doris Dörries Erzählung „Reise nach L.A.“ beginnt, in der Marie aus Hamburg falschen Gefühlen aufsitzt. Martin Suters humorige Geschichte über den Pedanten Huber, der wegen nicht beglichenen Strandliegen-Pacht nicht entspannen kann, und Max Kellers reale Geschichte vom „Tausche Reisepass gegen geklautes Tee-Geschirr“ treffen den Nerv des Publikums. Einzig das Geplauder zwischen Urspruch und Segmehl über Dinge, die neben Duschhauben im Hotel Begehrlichkeiten wecken („Flachbildschirme?“ Passen gut in den Koffer!“), produziert noch mehr Lacher.

Der Abend endet mit Ernst Jandls „Calypso“ und der gleichnamigen Komposition von Sonny Rollins, die die Künstler zu einer atmosphärisch dichten, parallel vorgetragenen Darbietung zusammenführt. Es gibt lang anhaltenden Applaus für das kurzweilige Programm.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2827254?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F2575595%2F4848601%2F
Kampf gegen Plastikfolie und Einwegbecher
Einwegverpackungen sollen reduziert werden.
Nachrichten-Ticker