„Qualitätskontrolle“ eröffnet Pumpenhaus-Festival
Der Wille zur Lebensfreude ist nicht gebrochen

Münster -

„Ich sterbe in spätestens vier Stunden, wenn mich kein Mensch umgibt“, sagt Maria-Cristina Hallwachs. Im Rollstuhl sitzend, vermittelt die 40-Jährige einen Eindruck davon, was es bedeutet, als sogenannter „Kopfmensch“ zu leben. Seit 22 Jahren ist die vom Kopf abwärts Gelähmte permanent auf Hilfe angewiesen, nicht einmal die Atmung gelingt selbstständig. Tagsüber übernimmt ein Zwerchfellsimulator die Steuerung, nachts wird sie beatmet. „Ich bin nie allein.“

Dienstag, 04.11.2014, 11:11 Uhr

Im Übermut sprang Maria-Cristina Hallwachs vor 22 Jahren kopfüber in den Pool und brach sich das Genick.
Im Übermut sprang Maria-Cristina Hallwachs vor 22 Jahren kopfüber in den Pool und brach sich das Genick. Foto: Pumpenhaus

Qualitätskontrolle “ ist der Titel dieses eindrucksvollen Stücks, mit dem Rimini-Protokoll das neue Festival „Signaturen – Handschriften für das Theater der Gegenwart“ im Pumpenhaus eröffnete. Das Regie-Duo Helgard Haug und Daniel Wetzel ist berühmt für sein Dokumentar-Theater. Auch in diesem bei den Mühlheimer Theatertagen 2014 ausgezeichneten Stück ist es wieder einmal gelungen, Leben auf die Bühne zu bringen, wie es authentischer kaum sein könnte.

Inmitten einer Schwimmbadkulisse (Bühne/Video: Marc Jungreithmeier), bereichert durch Barbara Morgensterns einfühlsame Songs, erzählt die bemerkenswert agil wirkende Protagonistin ihre Geschichte. Da ist die in ihrer Entwicklung zurückgebliebene Schwester, die auf Fotos, die auf die Bühnenwand projiziert werden, unbändige Freude vermittelt.

Pfleger, die für die Dauer einer Schicht „ihr Leben leben“ und der sympathischen Patientin auch nach dem Dienst in Freundschaft verbunden sind. Zwei von ihnen stehen mit auf der Bühne, spielen „ Schiffe versenken“ mit der Gelähmten auf einem computeranimierten Spielbrett und sogarE-Rolli-Fußball.

Lebenslustig wirkt Hallwachs in solchen Momenten. Ihre Figur scheint auch dann nicht gebrochen, wenn sie ihren Schicksalstag rekapituliert – damals, im Urlaub auf Kreta. Im Übermut sprang die Abiturientin kopfüber in einen Pool. „Tatwaffe: die Nichtschwimmerseite.“ Eine Ethik-Kommission stritt nach dem Genickbruch über den Wert ihrer Existenz, kam zu keinem Ergebnis und fragte die Patientin selbst: „Natürlich will ich leben“, sagte sie.

Ein vielschichtiges Stück über die Unberechenbarkeit des Lebens in einer Leistungsgesellschaft, die schon die „Qualität“ ungeborener Kinder zu kontrollieren sucht. Diese starke Frau stellt alles in Frage – nur das Leben selbst nicht.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2852493?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F92%2F646285%2F2575595%2F4848600%2F
Legenden, Freaks und coole Socken
Kinder der Kita St. Peter und Paul in Nienborg singen im Karaoke-Studio „Däpp Däpp Däpp, Johnny Däpp Däpp“ . . .
Nachrichten-Ticker