Theater Freiraum spielt „Wie die Madonna auf den Mond kam“
Anrührend und düster

Münster -

Die Szene ist köstlich. Da blicken zwei rumänische Dorf-Heinis zur Zeit des Sozialismus betrunken durch ein Teleskop. Sie wollen die Heilige Madonna auf dem Mond erspähen – um zu beweisen, dass sie sich dort aufhält. Ähnliches, so glauben sie, hatten auch die Sowjets im Sinn, die kurz zuvor ihren Sputnik ins All gejagt haben. Was den Amis natürlich nicht gefallen könne, denn die Madonna müsse ja „mit der Fackel in der Hand“ ihr geliebtes New York beschützen.

Dienstag, 04.11.2014, 11:11 Uhr

Ein Dorf in Zeiten des real existierenden Sozialismus: Im Klassenzimmer mit dem allgegenwärtigen Diktator Ceaucescu spielen sich mal staatstreue, mal rebellische Szenen ab.
Ein Dorf in Zeiten des real existierenden Sozialismus: Im Klassenzimmer mit dem allgegenwärtigen Diktator Ceaucescu spielen sich mal staatstreue, mal rebellische Szenen ab. Foto: zin

Skurrile Typen und Humor gab es reichlich bei der Aufführung im Overberg-Kolleg. Das Laien-Theater „ Freiraum “ hat den preisgekrönten Roman „ Wie die Madonna auf den Mond kam“ für die Bühne adaptiert. Das kam beim Publikum glänzend an – und ebenso beim Autor Rolf Bauerdick, der in der ersten Reihe saß und sich gut amüsierte. Dabei ist die Story im Grunde grundernst. Sie umfasst die Zeit vom Sputnikflug 1957 bis zum Fall des Eisernen Vorhangs 1989 und reicht bis in die Gegenwart. Die Faust des großen sowjetischen Bruders reicht hier bis ins fiktive Dorf Baia Luna, wo die Zwangskollektivierung von Grund und Boden die Schicksale aller beeinflusst. Und das Schicksal der Lehrerin Angela Barbulescu (Mareike Rapp) jenes Geheimnis birgt, das die Geschichte antreibt.

„Vernichte ihn!“, bittet sie den Schüler Pavel und meint den Parteisekretär Stefan Stephanescu. Ein Parteibonze, wie er im Buche steht. Einer, der immer auf die Füße fällt, und dessen Aufstieg erst mit dem Sturz des Diktators Ceaucescu gelingen wird, Jahrzehnte später. Im Laufe der Handlung schafft es Pavel (Sebastian Thielsch), mit Hilfe des Tagebuchs der Lehrerin Barbu-lescu, das Geheimnis zu lüften, wobei die Dorfgemeinschaft sich listig gegen die Schergen des rumänischen Geheimdienst „Securitate“ behaupten muss. Dem oft burlesken Durcheinander stellt Regisseurin Karin Badde-Struß düstere Szenen gegenüber; vor allem der Selbstmord der Lehrerin, die innig singend ihr Kleid „erhängt“, verfehlt seine Wirkung nicht. Fotos des Autors und Journalisten Rolf Bauerdick sind oft die Kulisse einer Geschichte aus alten Tagen – als Fernseher noch eine Attraktion, die Menschen fromm waren und das unerwünschte fahrende Volk noch Zigeuner nannten.

Die Spielfreude des vielköpfigen Ensembles war so überbordend, dass die Tragik der Geschichte beinahe verschüttging. Deutschland begeht zurzeit die 25-jährige Wiederkehr des Mauerfalls. Wenn nun öffentlich diskutiert wird, ob die DDR ein Unrechtsstaat war oder nicht, ist es umso mehr geboten, Stoffe wie diesen auf die Bühne zu bringen.

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