Deutschland-Premiere von „Iocasta“ im Pumpenhaus
Die letzten Tage des eigenen Lebens

Münster -

Der Befund ist grausam: Krebs. Er ereilt den griechischen Autor Jannis Kontraphouris früh. Und der Krebs ist unheilbar. Im August 2007, wenige Tage vor seinem Tod, schreibt Kontraphouris im Krankenhaus mit letzter Kraft das Stück „Iocasta“. Sein letzter Wunsch: Regisseur Theodoros Terzopoulos möge mit seinem Attis Theatre das Stück auf die Bühne bringen. Nun erlebte die Produktion ihre gefeierte Deutschland-Premiere im Pumpenhaus.

Montag, 17.11.2014, 19:11 Uhr

Mit vollem Körpereinsatz und wie in Trance: Schauspielerin Sophia Hill performt in „Iocasta“ einen berauschenden Countdown des Untergangs.
Mit vollem Körpereinsatz und wie in Trance: Schauspielerin Sophia Hill performt in „Iocasta“ einen berauschenden Countdown des Untergangs. Foto: Johanna Weber

Sophia Hill verkörpert die Iokaste, die Frau von Ödipus und zugleich dessen Mutter, wie in Trance. An einer Wasserschale knieend wäscht sie sich ihre Hände. Immer wieder. Exzessiv und zwanghaft. Nicht nur den äußeren Schmutz will sich Iokaste von ihrem Körper reiben, sondern vielmehr den inneren, den sie auch aus ihrem Unterleib reißen will.

Iokaste hat ihren Mann durch die Hand ihres Sohnes Ödipus verloren und hat mit ihrem Sohn Kinder gezeugt, ohne zu wissen, das er ihr Sohn ist. Autor Kontraphouris überschreibt die antike Vorlage von Sophokles. Er transportiert die thematischen Grundpfeiler „Wahrheitssuche“ und „Selbstfindung“ in die letzten Tage seines eigenen Lebens. Wie sich bei Ödipus die Erkenntnis durchsetzt, dass an den Orakeln der Götter nie zu rütteln ist, erfährt Kontraphouris das in ihm wuchernde Krebsgeschwür als vom Schicksal vorherbestimmt.

Schauspielerin Hill spielt sich die Seele(n) aus dem Leib und lässt ihren bis in die Haarspitzen elektrisierenden Körper so expressiv sprechen, dass sich Wortfetzen und sprachliche Bilder wie Vulkan speiende Lava einbrennen. Regisseur Terzopoulos setzt auf eine reduzierte Bühne und Texte, rhythmische Veitstänze von Körper und Wörtern sowie Rituale mit hypnotischer Sogwirkung. Er sitzt Sophia Hill gegenüber – wie ein innerer Seelenspiegel. Wiederholt zentrale Wörter, jault alte Gesänge, zerschlägt Porzellanteller, wenn die von Hill symbolisierten Leben von Iokaste und Kontraphouris existenzielle Risse bekommen.

Sehr eindringlich ist das Spiel von Hill unter einem mit Laken und Verbänden umwickelten Kasten. Aus dem versucht sie – wie lebendig begraben – mit letzten Kräften auszubrechen. So wie Jannis Kontraphouris im Kampf gegen den Krebs . Das tragische Scheitern mündet in einen befreienden Prozess des Verstehens, das jedes Leben endlich ist – so wie die Götter es wollen.

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