Interview mit Elke Heidenreich
"Lest gefälligst das ganze Jahr"

Münster/Köln -

Mit ihrer Kunstfigur Else Stratmann ist sie bekannt geworden. Aber Elke Heidenreich ist eine kulturelle Tausendsasserin. Sie schreibt Drehbücher, Erzählungen, ist Synchronsprecherin und Literaturkritikerin. Am kommenden Freitag liest sie in Münster aus ihren Büchern. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mir ihr gesprochen.

Dienstag, 25.11.2014, 17:11 Uhr

Elke Heidenreich in Rodins Denkerpose. Auf ihrer aktuellen Lesereise hat sie eigene Erzählungen, aber auch unveröffentlichtes Material im Gepäck.
Elke Heidenreich in Rodins Denkerpose. Auf ihrer aktuellen Lesereise hat sie eigene Erzählungen, aber auch unveröffentlichtes Material im Gepäck. Foto: Leonie von Kleist

Kennen Sie den Begriff Kodderschnauze?

Elke Heidenreich : Ja, der hat mich immer geärgert. Ein entsetzlich scheußliches und unsinniges Wort. Else Stratmann ist so bezeichnet worden und ich lehne es vehement ab. Es ist einfach albern, denn Stratmann war Kabarettistin und hat mit Ruhrpott-Dialekt geredet. Sie so zu bezeichnen, ich nehme das Wort nicht mal in den Mund.

Steckt in Ihnen denn noch ein bisschen Else Stratmann oder ist das eine Kunstfigur , der Sie sich komplett entledigt haben?

Heidenreich: Das ist eine Kunstfigur, die ich nie war. So frech und reaktionär habe ich nie gedacht. Das war damals die Zeit, in der wir für den flotten Sender SWF3 allerlei Kunstfiguren erfunden haben. Und als sie dann nach den beiden Olympiaden immer berühmter wurde, habe ich sofort aufgehört, weil ich nicht wollte, dass sie alles überwuchert, was ich mache. Sie ist aber insofern in mir, als dass ich ein Ruhrgebiets-Temperament habe und weiß, wie die Menschen dort ticken. Aber ich bin nicht Else.

Mit Blick auf die Diskussion um das Heidegger -Zitat im Literaturclub des Schweizer Fernsehens: Ist es nicht hinderlich, wenn man immer frei raus ist?

Heidenreich: Mitunter ja. Wenn man sich aus dem Fenster hängt, kriegt man auch auf die Nuss. Das finde ich aber nicht schlimm. Im Literaturclub war das völlige Idiotie. Da wurde jemand entlassen und der hat versucht, noch andere mitzureißen. Das ist ihm aber nicht gelungen.

Sie sind ja sehr vielseitig. Als was würden Sie sich selbst bezeichnen? Als Journalistin? Als Kritikerin? Eierlegende Wollmilchsau?

Heidenreich: Vorsichtig formuliert: Autorin sowohl von Geschichten und Erzählungen als auch von Drehbüchern und Texten für Zeitungen. Schriftstellerin ist mir zu hoch gegriffen. Letztlich eher Autorin als Journalistin . Früher war ich mehr Journalistin als Autorin. Da habe ich aktuell gearbeitet, das mache ich schon lange nicht mehr.

Ärgert es Sie nicht, wenn Sie in der FAZ lesen, Sie seien eine “resolute ältere Dame”?

Heidenreich: Nee.  Ich bin älter . Und ich bin resolut. Ich finde mich aber nicht alt, und ich bin klar im Kopf. Das Alter spielt deshalb keine Rolle. Mich ärgert es, wenn Sachen geschrieben werden, zu denen ich nie befragt wurde. Wenn sich Journalisten ihr Ding einfach zusammenreimen...

Sie kennen die journalistische Seite ja selbst…

Heidenreich: … ja, aber ich habe immer nachgefragt. Aber so ist das eben. Wenn man sich darüber ärgert, kann man gar nichts mehr machen.

Damals im “Literarischen Quartett” hatte Sigrid Löffler Zoff mit Marcel Reich-Ranicki wegen des Buches “Gefährliche Geliebte” von Haruki Murakami. Sie hätten bestimmt Contra gegeben, oder?

Heidenreich: Na klar, das hätte ich mir nicht bieten lassen, wenn der pampig geworden wäre. Ich fand nicht, dass Sigrid Löffler Recht hatte. Sie hat zu prüde über dieses Buch geredet und es niedergemacht. Ich mochte dieses Buch. Aber man kann sachlich argumentieren. Und wenn Reich-Ranicki dann persönlich geworden ist, hätte ich mich gewehrt. Das mochte er, wenn man zurückbiss (lacht). Er hat gern Krach gehabt. Löffler war zu beleidigt. Man darf nie beleidigt sein. Entweder hält man ganz die Klappe oder man beißt zurück.

Sie haben Germanistik studiert. Schaffen Sie es, Ihren wissenschaftlichen Hintergrund beim Lesen von Belletristik auszublenden?

Heidenreich: Ja, natürlich. Das kann ich. Wenn ich anfange, über das Buch zu urteilen, dann greife ich auf die an der Uni erlernten Kriterien wie Sprachrhythmus oder Aufbau einer Geschichte zurück. Wenn ich eine Geschichte trivial finde, lese ich sie nicht zu Ende. Das kann ich mir heute leisten. Ich habe gerade “Aufstieg und Fall großer Mächte” von Tom Rachman gelesen. Das vorherige - “Die Unperfekten” - habe ich gemocht. Dem neuen Buch habe ich fast 200 Seiten gegeben, bevor ich es in die Ecke geschmissen habe. Wenn es einen nicht packt, dann sollte man es lassen. Wir sitzen nicht mehr auf der Schulbank, wo wir noch mussten. Ein blödes Buch will ich auch nicht besprechen.

Für meinem privaten Literaturclub muss ich leider manche Bücher schon bis zum Ende lesen…

Heidenreich: Das kenne ich auch. Für den Literaturclub in der Schweiz werden ja auch die grauenhaftesten Sachen vorgeschlagen. Da darf ich dann aber öffentlich vom Leder ziehen. Natürlich lese ich dann ein Buch auch zu Ende. Aber privat lege ich schon mal was weg. Und manchmal erwischt man ein Buch, in dem man die ganze Nacht liest und entzückt ist. Dann ist das Lesen wieder schön.

 

Haben Sie denn eine Magisterarbeit geschrieben?

Heidenreich: Ich bin so schnell in den Rundfunk gekommen, dass ich nur Religionswissenschaft fertig gemacht habe. Da habe ich eine Abschlussarbeit über “Marienverehrung im Protestantismus” geschrieben.

Paul McCartney hat mal ein Lied über “Silly Love Songs” gesungen. Wenn man manche Ihrer Kurzgeschichten und Erzählungen liest, könnte man den Eindruck gewinnen, Sie sind die McCartney der deutschen Literatur…

Heidenreich: (lacht) Nein. Ich habe über “Kolonien der Liebe” geschrieben und Kolonien sind etwas, was einen einengt. Meine These ist, dass es nicht an der Liebe in der Welt mangelt, sondern es mangelt an erträglichen Erwartungen. Die Liebe soll immer alles sein und alles richtig machen. Das kann sie nicht, und daran scheitert sie. So viele Geschichten habe ich gar nicht geschrieben: in 20 Jahren gerade mal zwei Bände mit Erzählungen. Das ist marginal im Hinblick auf die ganze große Literatur.

Ist es mühselig für Sie, zu schreiben?

Heidenreich: Nö. Ich habe keinen Ehrgeiz. Ich schreibe gerne, wenn es sich ergibt, aber ich muss das nicht haben.

Macht es Sie denn nicht stolz, wenn Ihre Kurzgeschichte “Die schönsten Jahre” verfilmt wird?

Heidenreich: Überhaupt nicht. Ich kann das kaum ertragen, wenn ich das hinterher sehe. Bei “Die schönsten Jahre” ist es gut gegangen und schön geworden. “Silberhochzeit” ist verfilmt worden, da war ich entsetzt, was dabei herausgekommen ist. Ein hochkarätig besetzter Film, der aber nichts mehr mit meiner Geschichte zu tun hatte. Man muss trennen, was man selbst im Kopf hat, kann kein anderer so verfilmen. Manchmal ist die Verfilmung besser als das Buch. Allendes “Geisterhaus” zum Beispiel. Und manchmal ist es grauenhaft, wie bei “Die Buddenbrooks”.

Wenn Sie schreiben: Lesen Sie sich das, was Sie geschrieben haben selbst laut vor, um schon zu überprüfen, wie es klingt, wenn Sie auf Lesereise sind?

Heidenreich: Das mache ich. Auch wenn ich Geschichten anderer Leute vorlese. Ich bin mit Geschichten von Dorothy Parker und Katherine Mansfield auf Lesereise gewesen und auch mit Gedichten von Mascha Kaléko, Else Lasker-Schüler  oder Wislawa Szymborska. Ich lese mir das immer zu Hause laut vor, damit ich den Klang kenne, und wann man eine Pause machen muss oder etwas falsch ausspricht.

Bei dem Schriftsteller Franzobel gehört das unmittelbar dazu…

Heidenreich: So virtuos bin ich nicht. So schnell ich sonst im Leben bin, so ruhig bin ich auf der Bühne. Da ist meine Stimme tiefer. Mein Lesen ist ganz anders als mein Reden.

In Münster lesen Sie aus Ihren Büchern?

Heidenreich: Zum Teil aus den Büchern, da aber lange Zeit nichts Neues erschienen ist, lese ich auch Unveröffentlichtes. Das würde ich nicht tun, wenn es ein Roman wäre. Aber ich sitze an einem Buch mit dem Arbeitstitel “Einseitige Geschichten”. Das sind kurze Geschichten aus meinem Leben. Nie länger als eine Seite. Um die 100 habe ich schon, 250 sollen es werden. Für einen Leseabend suche ich immer welche daraus heraus, um zu testen, wie die Leute darauf reagieren.

Tickets

Elke Heidenreich, 28. November 2014, H1 Schlossplatz, Münster. Karten gibt es noch im WN-Ticketshop am Prinzipalmarkt.

...

Wissen Sie noch, was ein “Möter” ist?  

Heidenreich: Nie gehört. Ein was?

“Halb Mensch, halb Köter”. Das stammt aus dem Film “Spaceballs”.

Heidenreich: (lacht) Ah! Den habe ich mal synchronisiert. Das ist aber lange her. Ein Möter, wie schön. (Spricht plötzlich wie ein Roboter) Ich musste so sprechen wie Else Stratmann als Roboter. Immer in der gleichen Tonlage. Im Tonstudio sollte ich immer sagen: “Prinzessin, datt geht nich, wenn datt ihr Vadder sieht, watt soll dann werden”. (Wieder normal sprechend) Den Film habe ich dann im Fernsehen gesehen und am Boden gelegen vor Lachen. Aber an den Möter erinnere ich mich trotzdem nicht (lacht).

 

Es geht auf Weihnachten zu. Was würden Sie unseren Lesern für ein Buch empfehlen?

Heidenreich: Ich würde Ihren Lesern sagen, sie können mir mal den Buckel runterrutschen mit Ihren Büchern zu Weihnachten. Das Lesen gehört zum Leben wie das Atmen und Trinken. Wer nicht liest, beraubt sich eines großen Glückes. Man sollte aufhören, beim Arzt diese ekligen Zeitschriften zu lesen, in der Bahn vor sich hinzustieren oder im Zug schlechte Laune zu bekommen. Man sollte immer ein gutes Buch dabei haben, dann ärgert man sich auch nicht über Verspätungen oder Wartezeiten. Ihren Lesern kann ich gar nichts empfehlen, weil es eine so verschiedenartige Menschenmenge ist: Frauen, die Krimis lesen, Männer, die nie lesen. Ich kann nur sagen: Lest nicht nur zu Weihnachten, lest gefälligst das ganze Jahr!

Welches Buch hat Ihnen denn in diesem Jahr gut gefallen?

Heidenreich: Das Buch der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie - Americanah - dürfte viele interessieren. So werden die Nigerianerinnen genannt, die nach Amerika gegangen sind und wieder zurückkehren, sich aber nicht mehr recht einfügen können. Es beschreibt, dass es immer noch Rassentrennung gibt. Die Autorin beschreibt, dass sie als Afrikanerin in Amerika noch weit unter den schwarzen Amerikanern ist. Sie empfindet sich dort als das Letzte. Sie erzählt, was eine Afrikanerin in Amerika alles durchmachen muss, um sich anzupassen. Was auch Michelle Obama für einen Aufwand mit Chemie und Plätteisen betreiben muss, um ihre Haare so glatt zu bekommen. Ein tolles Buch. Ein sehr witziges Buch mit Esprit. Und eine tolle Liebesgeschichte. Dieses Jahr das beste, was ich gelesen habe.

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