Kurzweilig und tiefsinnig: Thorsten Lensings „Karamasow“
Groteske Grausamkeit

Münster -

Der Anfang wirkt auf groteske Weise grausam: Da steht ein Mann in Boxershorts und Mantel auf der Bühne wie eine Witzfigur, wirft Stöckchen für seinen Hund und füttert das Tier mit einer im Brötchen versteckten Nadel. Was hier so komisch wirkt, ist die Verfremdung der Szene. Regisseur Thorsten Lensing macht sich gar nicht erst die Mühe, Illusion heraufzubeschwören, wenn er André Jung (hechelnd) in Jeans und Pulli auftreten lässt. Als Theaterblut her muss, wird es ihm flugs in den Mund gespritzt, wie dem Herrchen, das an seiner Grausamkeit zugrunde gehen wird.

Samstag, 29.11.2014, 07:11 Uhr

Starbesetzung im Pumpenhaus (v.l.): Devid Striesow, Sebastian Blomberg und Ursina Lardi
Starbesetzung im Pumpenhaus (v.l.): Devid Striesow, Sebastian Blomberg und Ursina Lardi Foto: Arwed Messmer

Vom ersten Augenblick an ist klar: Thorsten Lensing gewinnt Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ eigene Seiten ab. Wer hier (der Vorlage entsprechend) eine Kriminalgeschichte erwartet hat, in der es um die Aufklärung des Mordes an Vater Karamasow geht, wurde enttäuscht. Weder der lüsterne Trunkenbold noch seine beiden Söhne, Dimitrij und Iwan, treten auf, dafür stehen Kinder und Hunde – als schwächste Glieder der Gesellschaft – im Fokus der Aufmerksamkeit.

Thorsten Lensing hat das Werk (unterstützt von Dirk Pilz) radikal gekürzt und stellt Nebenfiguren ins Rampenlicht. Im bequem bestuhlten Pumpenhaus kam das vierstündige Stück als fulminantes Finale des „Signaturen“-Festivals zur Voraufführung; Die offizielle Premiere von Lensings „Karamasow“ findet nächste Woche in Berlin statt.

So übertrieben das Drama am Anfang wirkt, geht es glücklicherweise nicht weiter, auch wenn Ernst Stötzner in der Rolle von Mutter Chochlakowa wie eine Karikatur auftritt und der wunderbare Sebastian Blomberg als mit Komplexen behafteter Junge Kolja zu komisch wirkt. Die Star-Besetzung ist, wie erwartet, das große Pfund dieser Inszenierung, die Dostojewskis Themen (Schuld und Sühne) verhandelt, wie auch die Frage nach Lebenssinn und christlichem Glauben (passend: Johannes Schütz Ausstattung mit Kirchenglocke und schlichten Tischen).

Ursina Lardi spielt die gelähmte Lisa fantastisch, zwischen Liebe und Hass schwankend, immer kurz vor der Hysterie. Rührend wirken Szenen zwischen Vater Snegirjow (Rik van Uffelen) und seinem sterbenden Sohn Iljuscha (Horst Mendroch), André Jung fasziniert als treuer Hund (grandios, diese Mimik!) wie auch als Mönch. Devid Striesow, alias Aljoscha Karamasow, selbst von Glaubenszweifeln gequält, hält als gute, duldende Seele alle zusammen. Stehende Ovationen für einen kurzweilig-tiefsinnigen Theaterabend.

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