Caitríona Ní Dhúíll über Frank Wedekind und den Film
Lulu als „Bondgirl“

Münster -

Dass Frank Wedekind bis heute ein viel gespielter Autor ist, lässt sich vor allem erklären durch seine Vorliebe für skandalträchtige Stoffe und die zusätzliche Befeuerung durch zahlreiche Aufführungsverbote sowie andere juristische Schikanen. Auch für die große Anzahl von cineastischen Adaptionen sei das thematische Potenzial seiner Stücke zu nennen, weiß die irische Filmwissenschaftlerin Dr. Caitríona Ní Dhúíll (Universität Durham) beim Theatergespräch zu berichten. Selbst in England und Irland, wo der Autor eher unbekannt sei, hätten jüngere Verfilmungen von „Pandora’s Box“ oder der fragmentarischen Erzählung „Mine-Haha“ Wedekind eine Aktualität auch auf der Bühne beschert.

Donnerstag, 08.01.2015, 17:01 Uhr

Schwerpunkt ihres Vortrags bildete die Betrachtung von fünf ausgewählte Verfilmungen der „Erdgeist/Lulu“-Doppeltragödie „Die Büchse der Pandora“. Den Fokus legte sie auf die Darstellung der Titelfigur. Spielte Asta Nielsen die Lulu 1923 noch historisierend als typenreine Femme fatale, wusste ihr Luise Brooks 1929 aktuellere, heiter-weibliche Züge zu verleihen. Die Widersprüchlichkeit der Lulu-Gestalt in den beiden Stummfilmen blieb im Tonfilmzeitalter erhalten.

Von Mode, Schick und Interieur war die Darstellung von Nadja Tiller (1962) geprägt, Ní Dhúíll sprach von Lulu als „Bondgirl“, während sich in Verfilmungen von 1980 (Anne Bennent) und 2006 (Jessica Schwarz) thematische Akzentverschiebungen (Kindfraurolle, Pädophilie, Inzest) und neue Darstellungsweisen (leitmotivischer Einsatz von Musik) zeigten. Ihr Resümee: Die Faszination der Lulu-Gestalt sei ungebrochen und eigne sich durch ihre Vielfalt bestens als Projektionsfläche (Urgestalt des Weibes) auf der Leinwand.

In weiteren Abschnitten widmet sie sich dem Drama „Hidalla“ und der Frage, wie man „Frühlings Erwachen“ heute noch zeitgemäß in Szene setzen könne, bevor sie zwei neuere Verfilmungen des unbekannten „Mine-Haha“-Stoffs miteinander verglich. Bei der abschließenden Vorführung der Lulu-Verfilmung von G. W. Papst (1929) gab es in der Rolle des Dr. Schön ein Wiedersehen mit dem unvergessenen Fritz Kortner.

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